Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Glossar Psychiatrie/Psychosomatik/ Psychotherapie/Neurologie/Neuropsychologie
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Angststörungen Seite 12 

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In der Differenzialdiagnostik wird oft nur an Herzkrankheiten gedacht, Ähnlichkeiten die zu Verwechslungen Anlass geben bestehen aber auch zu bestimmten Arten der Epilepsie.

Panikattacken und fokale Anfälle überschneiden sich in der Symptomatik.   3-4% aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Epilepsie, und 60% von Ihnen haben einfach fokale oder komplex- fokale Anfälle. Diese können im Einzelfall schwer von einer Panikattacke zu unterscheiden sein. Temporallappen- Anfälle beinhalten meist affektive Symptome, wie Angst, und autonome vegetative Zeichen wie veränderte Hautfarbe, Veränderungen beim Blutdruck, und der Herzfrequenz, oft auch eine schwerbeschreibbares vom Bauch aufsteigendes Gefühl. Fokale Anfälle können wie Panikattacken mehrfach täglich auftreten. Verwechslungen in beide Richtungen sind nicht ganz selten, ich selbst habe 2 junge Frauen behandelt, bei denen eine Epilepsie vordiagnostiziert war, und sich eine Panikstörung als Ursache der "Anfälle" herausstellte. Kompliziert wird es dadurch, dass auch beide Störungen gleichzeitig vorliegen können.

Gründe an fokale Anfälle zu denken
  • Kurze Dauer der Attacke (meist 1 bis 2 Minuten)
  • In der Fremdanamnese werden  motorische Automatismen berichtet (z.B.: wiederholtes Schlucken, Kauen, Nesteln an den Kleidern)
  • Alter über 45 Jahren beim ersten Auftreten der Attacken (es sind aber auch schon bei jungen Patienten Fehldiagnosen vorgekommen) 
  • Vorgeschichte mit Fieberkrämpfen
  • Mangelndes Ansprechen auf übliche Behandlungen der die bei Panikattacken wirksam sind.
  • Auch die umgekehrten Verwechslungen kommen leider vor, ihre Konsequenzen sind nicht weniger bedeutsam,
  1. Partial seizures presenting as panic attacks Siân A Thompson, John S Duncan, and Shelagh J M Smith BMJ 21.10.2000; 321: 1002-1003. [Full text]  
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Selbstverständlich können auch viele andere körperliche Krankheiten Angst verursachen, manchmal sogar richtige Panikstörungen. Gedacht werden muss immer an eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose), Nebennierentumore wie Phäochromozytom, Hypercortisolismus, Unterzuckerungen bei Zuckererkrankung, insulinproduzierende Tumoren der Bauchspeicheldrüse, schwere Herz- und Lungenerkrankungen ( z.B. Koronare Herzerkrankung, Herzklappenfehler, chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Meist sind diese Ursachen in den Jahren des Leidens vor die Diagnose gestellt wurde mehrfach ausgeschlossen worden. Wenn nicht müssen zumindest im Labor die Schilddrüsenwerte, der Blutzucker und eventuell der Urin auf Hinweise auf eine Nebennierenrindenerkrankung untersucht werden. Ein Ruhe- EKG sollte vor Aufnahme einer Behandlung Pflicht sein, ein EEG ist zumindest empfehlenswert. Allerdings ist der Nachweis bisher unerkannter körperlicher Erkrankungen die Ausnahme. Die häufigste Fehldiagnose bleibt, dass die Angststörung übersehen wird. Manche Patienten haben es in Kombination mit eifrigen Neurochirurgen schon zu (erfolglosen) Operationen der HWS gebracht. Vor vielen Jahren habe ich einen Patienten kennengelernt, der bei einer der vielen Notarzteinweisungen ins Krankenhaus einer Koronarangiographie unterzogen wurde, dabei kam es zu einer Thrombose der Beinvene. (Durch den Druckverband auf die benachbarte Arterie). Diese Thrombose der Beinvene führte zu einer akuten Lungenembolie, die glücklicherweise operativ dann erfolgreich behandelt werden konnte. Die Folgen solch heroischer und sinnloser Eingriffe werden meist als weniger schlimm angesehen, als (das seltene) Übersehen einer organischen Erkrankung. Angsterkrankungen sind bei Schwindelerkrankungen oft typische Folgekrankheiten, nachdem der organisch bedingte Schwindel ausgeheilt ist. Da Schwindel selbst zu den Angstsymptomen gehört kann in der Anfangszeit die Überschneidung der Symptome Anlass zu diagnostischen Schwierigkeiten sein.

Auch und gerade wenn eine organische Erkrankung einer Angsterkrankung zugrunde liegt, muss die Angsterkrankung adäquat behandelt werden. 

 

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