Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

   Suche  Inhaltsverzeichnis  Glossar: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y

 

Angststörungen Seite 4 

Weiter Zurück

Definition nach dem ICD 10 (WHO) Psychische und Verhaltensstörungen
(F00-F99)
ICD-10 Homepage

Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
(F40-F48)

 

F40 Phobische Störungen
Eine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche, Situationen hervorgerufen wird. In der Folge werden diese Situationen typischerweise vermieden oder mit Furcht ertragen. Die Befürchtungen des Patienten können sich auf Einzelsymptome wie Herzklopfen oder Schwächegefühl beziehen, häufig gemeinsam mit sekundären Ängsten vor dem Sterben, Kontrollverlust oder dem Gefühl, wahnsinnig zu werden. Allein die Vorstellung, dass die phobische Situation eintreten könnte, erzeugt meist schon Erwartungsangst. Phobische Angst tritt häufig gleichzeitig mit Depression auf. Ob zwei Diagnosen, phobische Störung und depressive Episode, erforderlich sind, richtet sich nach dem zeitlichen Verlauf beider Zustandsbilder und nach therapeutischen Erwägungen zum Zeitpunkt der Konsultation.
F40.0 Agoraphobie
Eine relativ gut definierte Gruppe von Phobien, mit Befürchtungen, das Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen zu sein, alleine mit Bahn, Bus oder Flugzeug zu reisen. Eine Panikstörung kommt als häufiges Merkmal bei gegenwärtigen oder zurückliegenden Episoden vor. Depressive und zwanghafte Symptome sowie soziale Phobien sind als zusätzliche Merkmale gleichfalls häufig vorhanden. Die Vermeidung der phobischen Situation steht oft im Vordergrund und einige Agoraphobiker erleben nur wenig Angst, da sie die phobischen Situationen meiden können.
Agoraphobie ohne Panikstörung in der Anamnese
Panikstörung mit Agoraphobie
Bei der Agoraphobie ohne Paniksyndrom werden dieselben Situationen aus anderen Gründen vermieden (z.B. Angst vor plötzlichem Durchfall oder exzessive Angst im Zusammenhang mit körperlichen Krankheiten). Einzelne Situationen können auch von spezifischen oder Sozialphobikern vermieden bzw. gefürchtet werden. Agoraphobiker vermeiden jedoch mehr Situationen und befürchten v.a. Angstanfälle bzw. deren katastrophale Folgen, spezifische Phobiker dagegen in der Regel unmittelbar von einem einzelnen speziellen phobischen Objekt ausgehende Gefahren (z.B. Flugzeugabsturz, Hundebiss).
F40.1 Soziale Phobien
Furcht vor prüfender Betrachtung durch andere Menschen, die zu Vermeidung sozialer Situationen führt. Umfassendere soziale Phobien sind in der Regel mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik verbunden. Sie können sich in Beschwerden wie Erröten, Händezittern, Übelkeit oder Drang zum Wasserlassen äußern. Dabei meint die betreffende Person manchmal, dass eine dieser sekundären Manifestationen der Angst das primäre Problem darstellt. Die Symptome können sich bis zu Panikattacken steigern.
F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien
Phobien, die auf eng umschriebene Situationen wie Nähe von bestimmten Tieren, Höhen, Donner, Dunkelheit, Fliegen, geschlossene Räume, Urinieren oder Defäkieren auf öffentlichen Toiletten, Genus bestimmter Speisen, Zahnarztbesuch oder auf den Anblick von Blut oder Verletzungen beschränkt sind. Obwohl die auslösende Situation streng begrenzt ist, kann sie Panikzustände wie bei Agoraphobie oder sozialer Phobie hervorrufen.
Akrophobie
Einfache Phobie
Klaustrophobie
Tierphobien
Exkl.: Dysmorphophobie (nicht wahnhaft)
Nosophobie
  Beispiele für Bennenungen: Akrophobie => Höhen, Aichmophobie =>scharfe Objekte, Ailurophobie =>Katzen, Androphobie=> Männer, Aquaphobie =>Wasser, Bakteriophobie =>Bakterien, Brontophobie=>Donner, Claustrophobie => Enge, Cynophobie =>Hunde, Equinophobie => Pferde, Gynophobie => Frauen, Iatrophobie=>Ärzte, Nyctophobie =>Nacht, Ophidiophobie =>Schlangen, Photophobie =>Licht, Pyrophobie=>Feuer, Siderodromophobie =>Eisenbahn, Xenophobie =>Fremde
F40.8 Sonstige phobische Störungen
F40.9 Phobische Störung, nicht näher bezeichnet
Phobie o.n.A.
Phobischer Zustand o.n.A.
F41 Andere Angststörungen
Bei diesen Störungen stellen Manifestationen der Angst die Hauptsymptome dar, ohne auf eine bestimmte Umgebungssituation bezogen zu sein. Depressive und Zwangssymptome, sogar einige Elemente phobischer Angst können vorhanden sein, vorausgesetzt, sie sind eindeutig sekundär oder weniger ausgeprägt.
F41.0 Panikstörung [episodisch paroxysmale Angst]
Das wesentliche Kennzeichen sind wiederkehrende schwere Angstattacken (Panik), die sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände beschränken und deshalb auch nicht vorhersehbar sind. Wie bei anderen Angsterkrankungen zählen zu den wesentlichen Symptomen plötzlich auftretendes Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühle, Schwindel und Entfremdungsgefühle (Depersonalisation oder Derealisation). Oft entsteht sekundär auch die Furcht zu Sterben, vor Kontrollverlust oder die Angst, wahnsinnig zu werden. Die Panikstörung soll nicht als Hauptdiagnose verwendet werden, wenn der Betroffene bei Beginn der Panikattacken an einer depressiven Störung leidet. Unter diesen Umständen sind die Panikattacken wahrscheinlich sekundäre Folge der Depression.
Panikattacke
Panikzustand
Exkl.: Panikstörung mit Agoraphobie
F41.1 Generalisierte Angststörung (GAS)
Die Angst ist generalisiert und anhaltend. Sie ist nicht auf bestimmte Umgebungsbedingungen beschränkt, oder auch nur besonders betont in solchen Situationen, sie ist vielmehr "frei flottierend". Die wesentlichen Symptome sind variabel, Beschwerden wie ständige Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchbeschwerden gehören zu diesem Bild. Häufig wird die Befürchtung geäußert, der Patient selbst oder ein Angehöriger könnten demnächst erkranken oder einen Unfall haben.
Die Patienten stellen ihre GAS-typischen unspezifischen körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit oder Muskelverspannungen in den Vordergrund und nur selten die für sie noch "namenlosen" Angstbeschwerden, Sorgen und Gefühle der ängstlichen Erwartung. Durch die Betonung körperlicher Einzelbeschwerden erhoffen sie sich unmittelbare Aufmerksamkeit des Arztes und eine schnelle Linderung durch eine rein symptomorientierte Behandlung. Es gibt bislang - im Vergleich zu anderen Angststörungen - nur wenige Therapiestudien zum GAS. Im allgemeinen sind die Therapieerfolge gering, und die Behandlungsansätze ganz unterschiedlicher Richtungen scheinen gleichermaßen erfolgreich bzw. wenig erfolgreich zu sein. Das GAS wird häufig mit einem unspezifischen ´anxiety management´-Programm behandelt, wobei der Schwerpunkt auf dem Einsatz von Entspannungsverfahren liegt. So ist es wohl möglich, die Symptomatik des GAS mit Hilfe von Verhaltenstherapie und kognitiver Therapie zu verbessern, die Erfolgsraten sind dabei aber geringer als bei anderen Angststörungen. Dies mag daran liegen, dass lange Zeit die Sorgen vernachlässigt wurden, die das Hauptmerkmal dieses Störungsbildes darstellen. Es gibt inzwischen mehrere neuere Therapieansätze, die die Sorgen in den Mittelpunkt der Behandlung stellen, einmal von der Arbeitsgruppe um Barlow, dann von Borkovec, sowie von Wells. Allerdings wurde noch keine kontrollierte Therapiestudie durchgeführt, die den Erfolg dieser Intervention belegt. Venlafaxin ist bisher das einzige für GAS zugelassene Medikament, vermutlich sind SSRI genauso wirksam, entsprechende gute Studien liegen aber nicht vor. Diagnosekriterien der generalisierten Angststörung entsprechend DMS-IV: Zentral: Pathologische Sorgen, negative Gedanken um Gesundheit, Finanzen, Familie, soziale Beziehungen etc. nicht realistisch, exzessiv (an den meisten Tagen oder Wochen), nicht kontrollierbar, über mindestens 6 Monate, Begleitsymptome: Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen. SSRI's wie Paroxetin, Citalopram, Sertralin, Venlafaxin sind wirksam. Buspiron ist zumindest kurzeitig hilfreich, Opipramol ist eine relevante Alternative. Lorazepam ist in der Kurzzeittherapie 2 - 3 Wochen als Notfalltherapie indiziert.

Angstneurose
Angstreaktion
Angstzustand

Exkl.: Neurasthenie
F41.2 Angst und depressive Störung, gemischt              zum Seitenanfang
Diese Kategorie soll bei gleichzeitigem Bestehen von Angst und Depression Verwendung finden, jedoch nur, wenn keine der beiden Störungen eindeutig vorherrscht und keine für sich genommen eine eigenständige Diagnose rechtfertigt. Treten ängstliche und depressive Symptome in so starker Ausprägung auf, dass sie einzelne Diagnosen rechtfertigen, sollen beide Diagnosen gestellt und auf diese Kategorie verzichtet werden.
Ängstliche Depression (leicht oder nicht anhaltend)
F41.3 Andere gemischte Angststörungen
Angstsymptome gemischt mit Merkmalen anderer Störungen in F42-F48. Kein Symptom ist allein schwer genug um die Diagnose einer anderen Störung zu stellen.
F41.8 Sonstige spezifische Angststörungen
Angsthysterie
F41.9 Angststörung, nicht näher bezeichnet
Angst o.n.A.
Weiter Zurück