Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Depression Seite 2

 

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Obwohl es inzwischen gute diagnostische Möglichkeiten gibt und die Wirksamkeit psychotherapeutischer und psychopharmakologischer Behandlungen nachgewiesen ist, werden nach wie vor über 50% aller depressiven Erkrankungen nicht diagnostiziert bzw. unzureichend behandelt.

Ca. 10% der Bevölkerung erkranken einmal oder mehrmals im Leben an einer schweren depressiven Episode und ca. 3-4% aller depressiv Erkrankten nehmen sich im weiteren Verlauf das Leben, bei schweren Depressionen sogar 15-20%.. Schätzungen zufolge leiden in den USA etwa 17,6 Millionen Menschen an Depression und bis zu 25% aller Frauen bzw. bis zu 12% aller Männer in den USA werden einmal in ihrem Leben eine schwere Depression durchmachen. Der Median der Dauer schwerer depressiver Episoden betrug in einer Studie mit 7076 Untersuchten betrug 3 Monate. Die Hälfte der Betroffenen erholte sich binnen 3 Monaten, 63% innerhalb von 6 und 76% innerhalb von 12 Monaten, nahezu 20% hatten sich nach 24 Monaten nicht erholt. Determinanten der Persistenz waren die Schwere der Depression und komorbide Dysthymien. Wiederkehrende Episoden hingen mit kürzerer Dauer zusammen.  Die Verbesserung der Diagnostik und medizinischen Versorgung depressiver Krankheiten ist daher ein relevantes gesundheitspolitisches Problem.   Angst- und Suchterkrankungen, schwere Persönlichkeitsstörungen, aber auch akute Belastungsfaktoren wie Trennung, Arbeitslosigkeit und finanzielle Not gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung einer depressiven Erkrankung. Lebenskrisen, Verlusterlebnisse und Einsamkeit können die Depressionsgefahr erhöhen. Allein oder getrennt lebende Menschen weisen ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko auf. Derzeit nimmt man an, dass ein Zusammenwirken von genetischen, neurobiologischen und psychosozialen Faktoren Depressionen auslöst und aufrechterhält. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Depression zu erleben, ist bei Erstgradangehörigen von depressiv Erkrankten deutlich erhöht. Das weist darauf hin, dass es familiäre Belastungsfaktoren gibt. Dass Vererbung dabei eine Rolle spielt, lässt sich aus unterschiedlichen Abhängigkeiten der Erkrankungshäufigkeiten bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen ableiten. Die neurobiologische, neuroimmunologische und genetische Forschung konzentriert sich derzeit u.a. auf Störungen der Signalübertragung innerhalb und zwischen Nervenzellen sowie auf endokrinologische Einflüsse (z.B. Cortison, Serotonin, Noradrenalin) und Störungen der Schlaf-Wach-Regulation. Untersuchungen zur Persönlichkeitsstruktur von Patienten vor dem Auftreten einer depressiven Störung ergaben, dass diese oft bereits im Vorfeld der Erkrankung zu einer übervorsichtigen, gewissenhaften, auf soziale Anerkennung und Unterstützung bedachten Lebensführung neigen und sich evtl. damit gegenüber unkontrollierbarem Stress schützen. Außerdem gilt als gesicherter Indikator für häufigere depressive Erkrankungen, wenn die Persönlichkeitsmerkmale "Ängstlichkeit", "Besorgtheit", sowie "Stimmungsschwankungen unterworfen" und "emotional anhaltend und stark auf alle möglichen Eindrücke reagierend" vorhanden sind. Die Wahrscheinlichkeit weiterer depressiver Episoden wird vor allem beeinflusst durch die Anzahl vorhergegangener Episoden, einen frühen Erkrankungsbeginn, die Verbindung der Depression mit einer Angsterkrankung, Sucht oder Dysthymia sowie durch mangelhafte soziale Unterstützung der Betroffenen. Depressionen sind für 6,3% aller Frühberentungen und 2,2% aller Arbeitsunfähigkeitstage verantwortlich. "(Aus Kapitel 5.15 Depressionen Gesundheitsbericht für Deutschland 1998) Entgegen der Meinung vieler Menschen nehmen Depressionen aber nicht zu. Sie werden etwas häufiger diagnostiziert, es gibt mehr Fachärzte, auch die Diagnostik der Hausärzte hat sich verbessert.  Im wiedervereinigten Deutschland kann, allen Kassandrarufen zum Trotz, von einem Rückgang der Zufriedenheit keine Rede sein, berichtet eine  Studie von Thomas Bulmahn vom Wissenschaftszentrum (WZB) Berlin. In den alten Ländern habe sich das Empfinden von "Glück und Zufriedenheit" in den vergangenen 20 Jahren auf einem hohen Niveau stabilisiert, in den neuen Ländern habe sich das subjektive Wohlbefinden trotz (oder wegen?) der Modernisierung "erheblich verbessert". Nach der empirischen Untersuchung des WZB ("Wohlfahrtssurvey") leiden immer weniger Menschen unter Depressionen und Erschöpfungszuständen. Zwar fühlen sich gegenwärtig 10 Prozent der Deutschen "unglücklich und niedergeschlagen", 17 Prozent klagen über Ängste, 9 Prozent sind aufgeregt und nervös, 34 Prozent fühlen sich öfter erschöpft oder erschlagen. Doch die Zahl der Zufriedenen steigt. 1998 waren in den alten Bundesländern 60 Prozent der Menschen frei von all diesen Beschwerden, 1978 aber nur 41 Prozent. Einen ähnlichen Trend verzeichnet Bulmahn in den neuen Bundesländern. Während 1990 direkt nach der Wende nur 37 Prozent frei von mentalen Belastungen waren, stieg der Anteil in 1998 auf 52 Prozent. Aber es existieren auch gegenläufige Trends. Während jüngere Menschen die Freiheiten und Autonomie genießen, leidet die ältere Generation unter der Auflösung familiärer und sozialer Bindungen.

Typischer Beginn und Verlauf affektiver Störungen

 Unipolare Störung: Durchschnittsalter für Beginn der major Depression ist 25 J., Tendenz sinkend. Inzidenz ist tendenziell am Steigen. Länge der depr. Episode ist variabel, d.h. leicht dep. Episoden dauern nur 2 Wochen; schwerer können bis zu einigen Jahren dauern; erst Episode dauert unbehandelt zw. 6-9 Monaten; Chance von Teilremissionen in dieser Zeit ca. 90%; Recovery-Wahrscheinlichkeit von Episoden die 5 Jahren oder noch länger dauern ca. 38%. Bleiben einige Symptome in dieser Zeit zurück, steigt die Chance für weitere depr. Episoden => Konsequenzen für Therapieplanung und Behandlung => länger.

Dysthymie: typischer Beginn 20-25 Jahre oder sogar früher; meist chronisch; dauert sehr lange; schlechte Prognose; steigende Prävalenz bei Kindern; dauert oft länger als 25 Jahre

 Bipolare Störungen: Manische-depressive Episoden: durchschnittliches Alter beim Auftreten ist ca. 20 Jahre; generell etwas früher als bei depr. Episoden; nach dem 40. Lebensjahr ist Auftreten relativ unwahrscheinlich, Beginn ist akuter.

Depressionen sind Gemütskrankheiten, keine Geisteskrankheiten                                                                      zurück zum Seitenanfang  
Viele Menschen die an Depressionen leiden halten sich nicht für krank, sondern nur für Versager. Die immer noch mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz der Erkrankung und die aus der Depression selbst kommenden Schuldgefühle sind hierfür verantwortlich. 
Depressionen können verschiedene körperliche und psychische Ursachen haben (nach denen bei Aufnahme der Behandlung immer gesucht werden sollte). Beispielsweise das Blutdruckmedikament, die Schilddrüsenerkrankung, oder eine Trennung, eine schwere Kränkung usw.)
Oft findet sich auch keine Ursache oder keinen Grund warum jemand in eine Depression hineingeraten ist.  An der Behandelbarkeit ändert dies nichts.

 

Depressionen sind häufige Erkrankungen in jedem Lebensalter.
Sie werden oftmals nicht als Erkrankung erkannt und folglich zu selten sachgerecht behandelt.
Depressionen führen zu einem dramatischen Verlust an Lebensqualität und erhöhen das Risiko, andere Krankheiten zu bekommen und sie verschlechtern deutlich den Verlauf körperlicher Krankheiten.
Depressionen werden oft nicht erkannt, weil ihre Symptome falsch  interpretiert werden oder nur als reaktiv zu körperlichen oder sozialen Problemen (z. B. Vereinsamung) interpretiert werden. Das (scheinbare) Verstehen einer depressiven Erkrankung stellt aber keine Therapie dar und ersetzt diese auch nicht.
Kluge Ratschläge und die Aufforderung "nimm dich zusammen" verschlechtern eine Depression
"Luftveränderung" und Urlaub ebenso wie Festivitäten können eine schwerere Depression verschlimmern
Die Ursachen sind komplex und multifaktoriell. Körperliche Erkrankung, soziale Desintegration und frühere depressive Erkrankungen sind bedeutsame Risikofaktoren.
Alle Depressionen sind gut behandelbar.
Im Zweifelsfall sollte eine Probetherapie über sechs Wochen durchgeführt werden.
Depressionen haben ein hohes Rezidivrisiko

 

 

 

 

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  1. Spieker, J. et al., Duration of the Major Depressive Episodes in the General Population: Results From The Netherlands Mental Health Survey and the Incidence Study (NEMESIS), Br J Psychiatry 181 (2002) 208-213.
  2. WHO: The Global Burden of Disease Volume 1, Chapter 4, pp 201 to 246.
  3. Randolph M. Nesse, MD Is Depression an Adaptation?   FULL TEXT ) in den Januar 2000 Ausgabe der Archives of Psychiatry,
  4. Murray CJ, Lopez AD. Alternative projections of mortality and disability by cause 1990-2020: Global Burden of Disease Study.  Lancet 1997; 349: 1498-504. [Text]
  5. Paykel ES, Priest RG. Recognition and management of depression in general practice: consensus statement. BMJ  1992; 305: 1198-202. [PubMed]
  6. Frank E, Prien RF, Jarrett RB, et al. Conceptualization and rationale for consensus definitions of terms in major depressive disorder: remission, recovery, relapse, and recurrence.  Arch Gen Psychiatry 1991; 48: 851-55. [PubMed]
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