Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Depression Seite 3

 

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Depressionen sind gut behandelbar und oft auch heilbar. Eine ganze Reihe von modernen Behandlungsmöglichkeiten steht zur Verfügung. - Nach Abklingen der Depression bleibt meistens kein Schaden und keine Veränderung der Persönlichkeit zurück: Der genesene Patient ist meistens wieder "der alte"

.

Einschränkend muss vermerkt werden:  Die Literatur zur "chronischen Depression" ist  uneinheitlich und zeigt eine Häufigkeit bleibender in den meisten Fällen leichter  Einschränkungen zwischen 1% (Winokur und Morrison 1973) und 77% (Berti Ceroni et al. 1984). Der Beginn dieser residualen (manchmal bleibenden Symptome liegt im Durchschnitt etwa 10 Jahre nach der Ersterkrankung (Minimum 0 Jahre, Maximum 33 Jahre). Im Durchschnitt gingen drei Episoden voraus. Es gibt sehr selten aber auch Patienten, bei denen direkt nach der ersten Episode die Symptomatik nicht vollständig abklingt. 20% der Patienten weisen ein sog. leichtgradiges asthenisches Insuffizienzsyndrom auf (das auch bei schizophrenen und schizoaffektiven Psychosen vorkommt), 13.2% hatten ein chronifiziertes subdepressives Syndrom, bei 1,9% bestand ein chronifiziertes hyperthymes Syndrom. Bei den chronifizierenden Formen liegt der Behandlungsschwerpunkt in der Unterstützung der Familie, der Begleitung des Patienten über eine lange Wegstrecke seines Lebens, in der Langzeitbehandlung seiner Symptomatik und Störung auf einer möglichst sicheren und konstanten medikamentösen und psychotherapeutischen Ebene und in der Umorientierung seines Lebens selbst. Hier geht es dann um ambulante Behandlungsversuche im familiären Umfeld, in der Gemeinde, wobei sich auch bei langzeitkranken Depressiven immer noch eine Besserung einstellen können.. In Bezug auf den Ausgang bzw. Prognose depr. Erkrankungen kann aufgrund der sehr heterogenen und methodisch wenig vergleichbaren Befundlage nur grob eingeschätzt werden, dass  etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Patienten so weit gebessert werden, dass sie wieder ihre gewohnte Leistungsfähigkeit besitzen und das alte Selbst hervortritt, oft einzelne Beschwerden dennoch weiter bestehen Der Ausgang Suizid wird auf etwa 15% geschätzt, liegt also beträchtlich höher als in der Normalbevölkerung und konnte auch durch moderne Behandlungsformen nicht gesenkt werden, 20 - 60% depr. Kranker weisen Suizidversuche in ihrer Krankheitsgeschichte auf. Da Depressive ein erhöhtes Risiko für körperliche Krankheiten (z.B. Herz- und Gefäßerkrankungen) besitzen, besteht für diese Patientengruppe eine erhöhte Mortalität im Vergleich zu Nichtdepressiven. Dies gilt natürlich vor allem parallel zur Altersdepressionen (Erkrankung nach 60. Lebensjahr). 

Prognosefaktoren für den Verlauf sind noch ungenügend in prospektiven Langzeitstudien erfasst. Die zuverlässigste Prognose für den Einzelfall ergibt sich aus dem schon bekannten Erkrankungsverlauf der betreffenden Person. Zum Vergleich: Residuale Formen bei schizophrenen Psychosen (n=148): 93,2%, bei schizoaffektiven Psychosen (n=101) 49,5%. Umfangreiche Zahlenangaben dazu und die ausführliche Literatur finden Sie bei: Marneros A, Deister A, Rohde A (1991) Affektive, schizoaffektive und schizophrene Psychosen. Eine vergleichende Langzeitstudie. Springer, Heidelberg . Depressionen verheilen in vielen Fällen offenbar unter Hinterlassung einer »biologischen Narbe«. Nach dieser Hypothese werden im Verlauf einer Depression neurobiologische Auffälligkeiten erworben oder verstärkt, welche die erneute Entwicklung einer depressiven Störung begünstigen. Tierexperimentelle Daten machen es wahrscheinlich, dass sich mindestens eine dieser »Narben« im Bereich der HHNR-Achse lokalisieren lässt. Als Mechanismen kommen eine verstärkte CRF-Freisetzung (CRF = Corticotropin-Releasing-Faktor), reduzierte Glukokortikoidrezeptoren, aber auch Veränderungen im Bereich der zellulären Signaltransduktion wie eine vermehrte Expression von ß-Rezeptoren in Frage. Eine zeitige und ausreichende Behandlung auch der ersten Depression könnte also einen vorbeugenden Effekt haben.

Möglicherweise lassen zukünftig Untersuchungen des Hirnstoffwechsels eine Voraussage zu, ob eine erhöhte Gefahr erneuter depressiver Symptome akut besteht. Patienten mit akut bevorstehendem Rückfall zeigen in PET- Untersuchungen vor dem erneuten Auftreten der Symptome eine Verminderung des Stoffwechsels im  orbitofrontalen Cortex, im dorsolateralen präfrontalen Cortex, und im Thalamus. J. Douglas Bremner; Meena Vythilingam; Chin K. Ng; Eric Vermetten; Ahsan Nazeer; Dan A. Oren; Robert M. Berman; Dennis S. Charney, Regional Brain Metabolic Correlates of a-Methylparatyrosine-Induced Depressive Symptoms: Implications for the Neural Circuitry of Depression JAMA. 2003;289:3125-3134. ABSTRACT | FULL TEXT | PDF

 

Depression: Unterschiede Frauen vs Männer (siehe auch Unterschiede im Kapitel Antidepressiva)

Parameter Unterschiede Frauen vs Männer
Praevalenzrate (Lebenszeit) 20 % (10 % bei Männern)
Alter bei Beginn  früher
Dauer der Episoden Eventuell länger
Verlauf der Erkrankung Häufiger Rezidive
Saisonal abhängiger Effekt auf die Stimmung Häufiger
Assoziation mit " Stress oder belastenden  life events" Häufiger
Atypische Symptome der Depression (bes., Hypersomnie, Hyperphagie) Häufiger
Schwere der Depression Schwerer nach der Selbsteinschätzung
Schuldgefühle Häufiger
Suizidales Verhalten Suizidversuche häufiger aber seltener erfolgreich 
Assoziation mit Angststörungen und phobischen Symptomen Häufiger
Assoziation mit Essstörungen Häufiger
Assoziation mit Alkoholismus und Drogenmissbrauch  Seltener
Assoziation mit Schilddrüsenerkrankungen Häufiger
Assoziation mit Migräne Häufiger
Assoziation of antisozialen, narzissistischen und zwanghaften Persönlichkeitsstörungen Seltener
Effekt von zugeführten oder endogenen Geschlechtshormonen auf die Stimmung Häufiger
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  1. Kornstein SG. Gender differences in depression: implications for treatment. J Clin Psychiatry 1997; 58(suppl 15):12-8.
  2. Seeman MV. Psychopathology in women and men: focus on female hormones. Am J Psychiatry 1997;154:1641-7.
  3. Pajer K. New strategies in the treatment of depression in women. J Clin Psychiatry 1995;56(suppl 2):30-7.
  4. Leibenluft E, Hardin TA, Rosenthal NE. Gender differences in seasonal affective disorder. Depression 1995;3:13-9.

 

 

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