Depression Seite 8
Biologische Faktoren bei der Entstehung von DepressionenDie Diskussion zu welchem Anteil biologische, genetische und Umweltfaktoren die Entwicklung psychiatrischer Krankheiten beeinflussen, wird immer noch heiß geführt. Sicher ist aber, dass beides in einander wirkt. Unbestritten ist eine Überaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse bei unbehandelten depressiven Patienten. Zustandsabhängig finden sich eine erhöhte Freisetzung von Kortikotropin-Releasing-Hormon,
adrenokortikotropem Hormon und Cortison sowie eine fehlende
Unterdrückungsreaktion (Suppression) im Dexamethason-Test. Diese
Veränderungen entsprechen einer Aktivierung von Stress-assoziierten
Systemen. Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Dominanz- bzw.
Subordinationsverhalten und der Aktivität der
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse erbrachten bei Tieren
ähnliche Ergebnisse bei subdominanten Tieren. Dass Traumen in der frühen
Kindheit Depressionen auslösen können ist unstrittig. In einer Studie in
der 2000 Frauen mit Missbrauchserfahrung mit anderen Frauen verglichen
wurden, zeigten die Frauen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden eine
4- fach höhere Wahrscheinlichkeit als Erwachsene eine schwere Depression
zu entwickeln, das Ausmaß des Missbrauchs korrelierte zum Ausmaß der
Depression (1,2). Psychische und körperliche Traumen sind auch der Grund
warum Depressionen in Entwicklungsländern häufiger sind als bei uns im
rechtssicheren und wohlhabenden Europa. Auch ein früher Verlust der
Eltern, meist als Scheidungsfolge hat einen ähnlichen Effekt(3-10). Dies
auch im Vergleich getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge. Missbrauch
und Misshandlungen fördern ebenso die Entstehung von Angstkrankheiten und
begünstigen die Entwicklung einer Posttraumatischen
Belastungsstörung (PTSD) als Antwort auf ein Trauma im
Erwachsenalter(11,12). Eine neue Studie belegt nun, dass
Frauen mit einer Missbrauchsvorgeschichte im zentralen Nervensystem
vermehrt Corticotropin-Releasing Faktor (CRF) ausschütten. Dies besonders
bei Frauen die aktuell an depressiven oder Angstsymptomen leiden. Frauen
mit einer Missbrauchsvorgeschichte und einer aktuellen Depression hatten
eine 6-fach größere ACTH- Ausschüttung auf Stressfaktoren (13).
Corticotropin-Releasing Faktor (CRF) ist das Hormon des Hypothalamus, das
die Hypophyse zur Ausschüttung von ACTH anregt. ACTH
regt die Nebenniere zur Kortisonausschüttung an. Corticotropin-Releasing
Faktor Neurone gibt es allerdings nicht nur im Hypothalamus, sondern auch
im Neocortex und den zentralen Kernen der Amygdala, die in der kognitiven
und emotionalen Verarbeitung eine wichtige Rolle spielen, außerdem in
noradrenergen und serotonergen Hirnstammkernen die in Frontalhirn
projizieren. Aktuell befinden sich Antidepressiva in der
Entwicklung, die genau auf der CRF und ACTH- Ebene in den Hirnstoffwechsel
eingreifen (CRF Rezeptor Antagonisten). Aktuelle Antidepressiva greifen an
noradrenergen und serotonergen Neuronen an. Nicht vergessen werden darf
allerdings, dass unzweifelhaft Traumen depressiv machen, depressive
Menschen aber auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben weitere Traumen
zu erleben (oder zu konstellieren). Dies gilt selbstverständlich auch für
Missbrauchstraumen. Die Suche nach biologischen Markern in der
Depressionsentstehung ist noch lange nicht beendet. Es ist bereits
bekannt, dass während einer schweren Depression bei Kindern, Jugendlichen
wie Erwachsenen und in der Rekonvaleszenz danach die Antwort auf
eine pharmakologische Stimulation des Wachstumshormons vermindert ist.
In einer neuen Studie in Pittsburgh (USA) wurde jetzt nachgewiesen, dass
auch Kinder und Jugendliche, die ein hohes Risiko haben eine Depression zu
entwickeln, im Vergleich zu Kontrollgruppen vermindert auf die Stimulation
mit dem Wachstumshormon- Releasingfaktor reagieren. Da in der Studie
Kinder überrepräsentiert waren, bleibt abzuwarten ob sich die Ergebnisse
bei Jugendlichen und Erwachsenen bestätigen werden. Biologische Marker
könnten dazu beitragen bereits im Vorfeld Risikogruppen zu identifizieren
und in der Vorbeugung der Depression zukünftig eine wesentliche
Rolle spielen. Einige neuere radiologische Untersuchungen mit
PET- Scans (F 18 (18F) Fluorodeoxyglucose Positron Emissions
Tomographie), weisen nicht nur Auffälligkeiten in der Hirndurchblutung bei
Depressionen nach, sie geben auch Hinweise darauf, dass sich diese
Veränderungen unter medikamentöser Behandlung genauso normalisieren wie
unter Psychotherapie. Beispiel: Zu Beginn einer Studie hatten die
Patienten mit einer Depression eine höhere Stoffwechselrate als gesunde
Vergleichspersonen im praefrontalen Cortex (und dem Nukelus
caudatus sowie dem Thalamus), und eine niedrigere Stoffwechselrate im
Temporallappen. Unter Behandlung kam es zu einer Veränderung in
Richtung einer Normalisierung dieser Stoffwechselrate in den betroffenen
Hirnregionen. Die Besserungsrate der Depression war unter Behandlung mit
Paroxetin mit 61.4% größer als mit interpersonaler Psychotherapie
(38.0%), entsprechend deutlicher waren unter dem Antidepressivum die
Normalisierungen im PET diese waren allerdings auch unter Psychotherapie
nachweisbar. Brody (21) Auch andere Untersucher
hatten bereits nachgewiesen, dass auch unter Psychotherapie körperliche
Veränderungen der Depression sich zurückbilden. (23,24)
Störungen des circadianen (Tagesverlaufs-) Rhythmus findet man häufig bei depressiven Menschen. Obwohl viele vermuten, dass es sich hierbei um eine der wichtigsten biologischen Faktoren bei der Depressionsentstehung handelt, konnte dies bisher noch nicht sicher bewiesen werden. Der Nukleus suprachiasmatius (SCN) ist der Schrittmacher des circadianen Rhythmus bei Säugetieren. Arginin- Vasopressin (AVP) ist eines der wichtigsten Neuropeptide in diesem Kerngebiet. Bei depressiven Patienten ist die Zellzahl der AVP-IR (immunoreaktive Neurons) im SCN um mehr als die Hälfte höher als bei Kontrollpersonen während AVP-mRNA um die Hälfte verringert ist. (Zhou et al) Da manche der biologischen Veränderungen möglicherweise zukünftig eine Vorhersage erlauben, welche Behandlungsmethode dem speziellen Patienten am ehesten hilft bleiben die Entwicklungen der Forschung diesbezüglich interessant.
Dass serotonerge Verbindungen eine wesentliche Rolle bei der
Entstehung von Depressionen spielen ist unstrittig.. Nachgewiesen sind bei
Menschen mit Depressionen erniedrigte Serum Tryptophanspiegel, erniedrigte
Serotoninspiegel im Liquor, eine verminderte Aufnahme von Serotonin in die
Blutplättchen. Bildgebende Verfahren zeigen in vielen Gehirngebieten eine
erhebliche Verminderung der serotonergen Funktion. Besonders interessant
ist eine Veränderung des Serotonintransporters (5-HTT). Hier greifen die
Serotoninreuptake- Hemmer an. Das menschliche Gen des 5-HTT ist auf dem
Chromosom 17q11.1-q12 identifiziert, zumindest 2 verschiedene Varianten
davon sind bekannt geworden. Eine kurze Form, führt zu einer niedrigeren
Re-uptake Aktivität. Diese Varianten beeinflussen die
Transskripitonsaktivität und die 5-HTT Funktion. Menschen mit der kurzen
Form zeigen in Studien einen höheren Neurotizismus, definiert als höhere
Angstpegel, Feindseeligkeit und Depression als Menschen mit der langen
Form des Gens. Diese Befunde wurden allerdings nicht von allen
Untersuchern in anderen Untersuchungen bestätigt. Tryptophan ist die
Vorstufe von Serotonin. Experimentell lässt sich durch Gabe eines
Aminosäuregemisches in dem Tryptophan fehlt, der Tryptophanspiegel bei
Versuchspersonen absenken. Nur ein kleiner Teil von Versuchspersonen
reagiert auf eine solche künstliche Absenkung des Tryptophanspiegels mit
depressiven Symptomen. Möglicherweise spielt dabei die genetische
Variation in der 5-HTT Funktion eine Rolle. Daneben spielen auch andere Transmitter eine Rolle bei der Entstehung
der Depression. Angenommen wird eine solche Rolle beispielsweise für das
Glutamaterges System, das GABAerge System und neuroaktive Steroide, das
Tachykininsystem, Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-System, das
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-System, Östrogen und
Progesteron. Ursache und Wirkung lassen sich dabei nicht immer trennen.
Sicher ist aber, dass noch viele Optionen für das Verständnis von
depressiven Verstimmungen offen sind und damit auch Therapieoptionen in
der Entwicklung von Medikamenten mit neuen Wirkansätzen bestehen. Aust N Z J Psychiatry.1995;29:437-448.MEDLINE Depressive Disorder B. Birmaher et al , ARCHIVES OF GENERAL PSYCHIATRY- September 2000, Vol 57, No 9, Brain serotonin1A receptor binding measured by positron emission tomography with [11C]WAY-100635: effects of depression and antidepressant treatment.Arch Gen Psychiatry.2000;57:174-180.ABSTRACT | FULL TEXT 2001;58:641-648.ABSTRACT | FULL TEXT | 2001;58:631-640.ABSTRACT | FULL TEXT | Regional cerebral blood flow in mood disorders, V: effects of antidepressant medication in late-life depression. Am J Geriatr Psychiatry.2000;8:289-296.MEDLINE
Nach einer neuen Studie scheinen Östrogenpflaster Wechseljahrsdepressionen nachhaltig zu bessern. Die Zusammenhänge zwischen Hormonen und Stimmung bleiben aber weiter komplex. Dass der Hormonspiegel einen Einfluss auf die Stimmung hat, ist unzweifelhaft. Allein die Zusammenhänge sind kompliziert und weiter nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass die Wechselwirkung in beide Richtungen besteht. Auch Depressionen beeinflussen den Hormonspiegel. Das Ausbleiben der Regel oder deren Verschiebung wird oft schon von Stimmungsschwankungen, die bei weitem noch keine psychiatrische Diagnose rechtfertigen verursacht. Wo man nun in der Behandlung depressiver Störungen im Zusammenhang mit Hormonschwankungen seinen Schwerpunkt legt, ist nach der bisherigen Studienlage zu Gunsten der Antidepressiva entschieden. Hormone zur Behandlung der Depression in den Wechseljahre - eine neue Studie lässt hoffen. Manche Studien behaupten, dass bei bis zu 30% der Frauen in den Wechseljahren depressive Symptome auftreten, die eine psychiatrische Diagnose rechtfertigen. Dass Östrogene in den Wechseljahren das Wohlbefinden verbessern, wird vielfach berichtet. Studien zur Behandlung der Depression in den Wechseljahren mit Östrogenen haben bisher widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Insbesondere die Einnahme als Tablette oder die Gabe von bei Stuten gewonnenem Östrogen, hatte sich als unwirksam oder gering wirksam erwiesen. Eine neue Studie bei 50 Frauen in den Wechseljahren mit unterschiedlichen Formen von Depressionen zeigte eine hohe Ansprechrate für eine Östrogenbehandlung mit einem Pflaster. Insgesamt 68% der mit Östrogenen behandelten Frauen erfuhren im Laufe der 12- wöchigen Behandlung eine Besserung, nur bei 20% der mit einem Placebopflaster behandelten trat eine Besserung ein. Dies offensichtlich unabhängig davon ob typische Wechseljahrsbeschwerden wie Hitzewallungen oder ähnliches vorlagen. Für Östrogenbehandlung mit einem Pflaster liegen auch andere kleinere Studien vor die auf eine Wirksamkeit hinweisen. Interessant ist bei der neuen Studie vor allem, dass der Profit auch nach dem Absetzen des Pflasters nach 12 Wochen anhielt, obwohl andere körperliche Wechseljahrsymptome wieder auftraten. Höhere Dosen scheinen besser wirksam zu sein. Hauptsächliche Nebenwirkung waren spontane Blutungen. In einer anderen Studie zu pflanzlichen Hormonen in der Behandlung der Hitzewallungen schnitten diese in etwa genauso gut ab wie eine Scheinbehandlung mit Plazebo, allerdings kam es auch unter Plazebo zu einer Besserung während der 12 wöchigen Studiendauer. Tice et al; 2003; Wie sieht die Datenlage in anderen hormonellen Umbruchsituationen bei Frauen aus? Nach manchen Untersuchungen entwickeln 10% aller Gebährenden eine Wochenbettdepression. Im Wochenbett kommt es zu einem steilen Abfall des Progesterons um den Faktor 1000 innerhalb weniger Tage nach der Geburt, weniger deutlich für Östrogene. Für langwirksame synthetische Progesteronspritzen (Dreimonatsspritzen zur Verhütung nach der Geburt) ist bei der Wochenbettdepression entschieden, dass diese die Depression verschlechtern. Eine Verhütung mit diesen Medikamenten ist deshalb bei einer Depression zu vermeiden. Hochdosierte Östrogene zeigten in einer anderen Studie eine geringe Wirksamkeit bei der Wochenbettdepression. Bisher gilt deshalb, dass bei Wochenbettdepressionen wenn Antidepressiva nicht ausreichend wirken, ein Versuch mit der Hinzugabe von Östrogenen sinnvoll sein kann. Bisherige Studien zur Wochenbettdepression müssen allerdings in soweit relativiert werden, als neuere Studien darauf hinweisen, dass Depressionen in der Schwangerschaft häufiger sind, als im Wochenbett. So wurde in einer jetzt veröffentlichten Studie an der über 14000 schwangere Frauen teilnahmen in der 32. Schwangerschaftswoche bei 9.1% der Frauen eine Depression festgestellt, hingegen nur bei 1,6% 8 Wochen nach der Geburt. Depressionen in Wochenbett sind zwar damit nicht selten geworden, sie sind aber in der Schwangerschaft offensichtlich häufiger als nach der Geburt. Die Schwere und die Art der Depression unterscheiden sich während der Schwangerschaft und nach der Geburt nicht. Letztere Daten relativieren die Bedeutung der Östrogen bzw. des Hormonabfalls am Ende der Schwangerschaft für die Entstehung von Depressionen. Schwangerschaft wie Geburt sind unzweifelhaft auch Stressoren im Leben einer Frau die auch aus psychischen Gründen die Entstehung einer Depression begünstigen können. Bei sog. prämenstruellen Syndromen scheinen Antidepressiva wirksamer als Hormone. Hormone sind dort nur bei geringen Beschwerden oder als Zugabe gerechtfertigt. Fazit: Die geringe Fallzahl der aktuellen Studie rechtfertigt noch keine allgemeine Therapieempfehlung für depressive Frauen in den Wechseljahren. Die Datenlage zu Antidepressiva ist deutlich besser. Dieser Studie werden aber mit Sicherheit weitere größere folgen. Die Unterschiede im Ansprechen der verschiedenen Hormonzubereitungen machen weitere Untersuchungen zum optimalen Hormonpräparat notwendig. Dennoch gibt die neue Studie für Frauen in den Wechseljahren neue Hoffnung auf erweiterte Behandlungsmöglichkeiten. Einen Versuch mit einem Östrogenpflaster kann es auch heute schon wert sein. Zu den Risiken einer Hormonbehandlung siehe unter prämenstruellem Syndrom
Zur Erblichkeit von Depressionen Depressionen bei den Eltern verdoppeln etwa das Risiko
einer Depression bei den Kindern. Wie bei manchen neurologischen Erkrankungen
gibt es in der Vererbung eine Tendenz, dass die Depression bei den Kindern und
Enkeln früher auftritt. Die Kinder von Menschen, die unter Depressionen
leiden sollten deshalb
Zur Erblichkeit siehe auch Report of the National Institute of Mental Health's Genetics Workgroup National Institute of Mental Health
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