Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Epilepsien sind organische oder Gehirnerkrankungen. Die Kranken sind nicht geisteskrank. Epilepsie mindert nicht die Intelligenz. Auch eine Vielzahl berühmter und sehr leistungsfähiger Menschen litt unter epileptischen Anfällen

“In diesem Moment ging eine fürchterliche Veränderung mit Oskar vor. Seine Züge verzerrten sich, seine Augäpfel kehrten sich nach oben, so dass man nur noch das Weiße sah und sein ganzer Körper verdrehte sich von oben nach unten, als hätte ihn eine Riesenhand gepackt und wollte ihn wie einen nassen Lappen auswringen. Eine Sekunde später wälzte er sich am Boden mit wilden Zuckungen, die nicht aufhörten. “Um Gottes willen, was ist das?” schrie ich auf, doch der Arzt antwortete nicht, er hatte alle Hände voll zu tun, um Oskars Krawatte zu lösen, die Möbel beiseite zu rücken, die der Wildumsichschlagende anstieß. Dann richtete der Arzt sich auf und sah bedrückt auf die sich windende Gestalt, der er nicht helfen konnte. “Können Sie denn nichts weiter tun?”, schrie ich außer mir. Er schüttelte den Kopf. “Was ist es denn?” – “Ein epileptischer Anfall” ( Collins, 1824-1899)

Prinzipiell kann jeder Mensch einen epileptischen Anfall bekommen, da in jedem Gehirn eine individuelle Krampfbereitschaft vorliegt. Das bedeutet, dass der epileptische Anfall lediglich ein Symptom und kein eigenes Krankheitsbild darstellt. Entscheidend ist das Ausmaß dieser Krampfbereitschaft in Relation zu Auslösern wie z.B. Alkohol und Schlafmangel. Die Angabe, dass Alkohol Auslöser epileptischer Anfälle war, ist in der Anamnese von Menschen mit epileptischen Anfällen häufig anzutreffen. Erhöhtem Alkoholkonsum geht allerdings sehr häufig mit Schlafentzug einher, und letzterer könnte bei vielen entscheidender sein. Durch mittelbare Folgen einer Alkoholerkrankung kann sich aber eine Epilepsie entwickeln, die später auch  alkoholunabhängig zu epileptischen Anfällen führt und auch bei Alkoholabstinenz bestehen bleibt. Alkohol und Schlafmangel sind aber meist keine Ursachen sondern eben Auslöser. 

Zu Beginn am wichtigsten ist eine korrekte Diagnose. Dabei muss zunächst geklärt werden, ob es sich überhaupt um epileptische Anfälle handelt. Dann muss das epileptische Syndrom, also die genaue Art der Epilepsie bestimmt werden. Von letzterer hängt die Art der Behandlung und die Prognose wesentlich ab. 

Wenn es vielleicht doch keine Epilepsie ist, die Unterscheidung kann schwierig sein, Fehldiagnosen sind gar nicht so selten.  Ein neuerer Artikel macht zurecht, darauf aufmerksam, dass die Behandlung mit Antiepileptika aus anderen Gründen als einer Epilepsie Ursache solcher Verwechslungen sein kann. Antiepileptika haben ein zunehmend breiteres Indikationsspektrum. Sie werden gegen Missempfindungen bei Polyneuropathien, bei psychischen Störungen (bipolare Störungen, schizoaffektive Störungen...), Neuralgien usw. eingesetzt. M Oto, A J C Russell, A McGonigal, and R Duncan, Lesson of the week: Misdiagnosis of epilepsy in patients prescribed anticonvulsant drugs for other reasons
BMJ 2003; 326: 326-327.
[Full text] [PDF]  

Erkrankungen und Symptome die mit einer Epilepsie verwechselt werden können
Normale Phänomene Z.B.: déjà vu kann auch normal sein
Paralytische Synkope bei eingeschränkter autonomer Funktion durch Medikamente oder eine, autonome Neuropathie
Herzrhythmusstörungen besonders bei Personen mittleren Alters oder Älteren, kann aber auch bei Jüngeren sein. Häufig mit Blässe und vorherigem Herzklopfen.
Andere Herzerkrankungen können manchmal  fokale neurologische Symptome durch "low output" hervorrufen.
Panikattacken Bei Patienten mit Angststörungen steht das seelische Erleben von Angst oft gar nicht im Vordergrund der Beschwerden,  sondern  oft sind es als  gravierend empfundene körperliche Symptome (Herzrasen, Schmerzen, vegetative Störungen Schwitzen, Schwindel bzw. Gedankenrasen, Konzentrationsprobleme)
Hypoglykaemie Fast nur bei Diabetes oder Alkoholikern nach heftigem Trinken, Stupor, Verwirrung, bizarres Verhalten, Zittern, manchmal epileptische Anfälle in Kombination.
Transiente ischämische Attacken (TIA) Meist älter Patienten, muß von fokalen Anfällen unterschieden werden.
Paroxysmale "movement disorders" selten, plötzliche Choreoathetose   oder Dystonie, kann von Bewegungen getriggert sein, kann mit fokalen motorischen Anfällen verwechselt werden.
Tonischer Spasmus bei  Multipler Sklerose (MS) mit intensivem  fokalem Spasmus für weniger als eine Minute oder länger bei bekannter MS.
Hirnstammanfälle bei MS kurze Zeitdauer der Anfälle (15 bis 60 Sekunden), hohe Frequenz (bis 200 pro Tag), keine Bewusstseinsstörungen, keine EEG-Veränderungen, Provozierbarkeit durch Hyperventilation und Bewegungen, sehr gutes Ansprechen auf Antiepileptika
Ticks multiple Ticks können mit myoklonischen Anfällen verwechselt werden, beim Gilles de la Tourette- Syndrom findet sich meist auch zwanghaftes Verhalten oder Zwangshandlungen und begleitenden vokale Ticks
Idiopathische drop attacks bei Frauen mittleren Alters mit plötzlichem Hinfallen ohne Bewusstseinsverlust
Migräne Aura Ein "march" von weniger als einer Minute weist auf fokale Anfälle hin, mehrere Minuten machen eine Migräne wahrscheinlicher
Transiente globale Amnesie Meist Alter >40 Jahre mit Amnesie von 30 Min bis einige Stunden.

Schlaf assoziierte Phänomene

Einschlafzuckungen "Hypnic jerks" beim Einschlafen
Schlaflähmung Furchterregenden Episoden beim Aufwachen oder Einschlafen
REM- Parasomnien Oft ältere Männer ab 60, auch komplexe Bewegungen möglich, Bei Erwecken während des Ereignisses wird ein Traum erinnert.
Exploding head syndrome Gefühl eines Knalls oder einer Explosion im Kopf beim Einschlafen

Periodische Beinbewegungen im Schlaf

ältere Patienten, Beugung des Beines für ein paar Sekunden in Intervallen von 10 -60 Sekunden meist in Clustern von einigen Minuten.

Narkolepsie

Verwechslungen sind insbesondere wegen der Einschlafneigung und dem unerwarteten  Zusammensacken möglich. Der Patient klagt über Tagesmüdigkeit und unüberwindliche Einschlafneigung. Dazu kommen z. T. erschreckende Symptome wie ein plötzlicher Spannungsverlust der Muskulatur z.B. Beim Lachen, ggf. mit Zusammensacken oder totaler Bewegungsunfähigkeit (Lachschlag). Auch nächtliche Wachanfälle treten auf. Hypnagoge Halluzinationen und Schlaflähmungen gehören zu den weiteren Symptomen.

psychogene, „hysterische“ Anfälle - kommen auch bei fast einem Viertel aller Patienten mit einer Epilepsie vor. 

 Siehe unten oder sonst im Internet unter: http://www.Sozial-Psychiatrie.de 

 

Anfallsart Verwechslungsmöglichkeit
Generalisierte tonisch–klonische Anfälle Konvulsive Synkope, dissoziativer Anfall,  "concussive convulsion bei Commotio cerebri ", Hyperekplexie beim Stiff-man Syndrom, Stiff Baby Syndrom.
Absence Tagträumen,  dissoziativer Anfall
Myoklonische Anfälle Myoklonus während einer Synkope, benigner Schlafmyoklonus, andere Formen des nicht-epileptischen Myoklonus
Atonische Synkope Kataplexie
Tonische Anfälle  Paroxysmale Dyskinesie,  Hyperekplexie beim Stiff-man Syndrom, Stiff Baby Syndrom, Atemstillstand, paroxysmale extreme pain disorder*
Epileptischer Spasmus benigner Schlafmyoklonus,  infantile Kolik

Temporallappen Epilepsie

Migräne, Panikattacke, TIA mit Aphasie, physiologisches Déjà-vu-Erlebnis , Narkolepsie mit Automatismus, non-iktale Verwirrtheitszustände, Delir,

Occipitallappen Epilepsie visuelle Aura bei Migräne , Charles-Bonnet Phänomen
Frontallappen Epilepsie  Parasomnien,   Panikattacke, dissoziativer Anfall, Synkope, Paroxysmale Dyskinesie,
Parietallappen Epilepsie  sensorische Aura bei Migräne
Modifiziert nach Douglas E Crompton, Samuel F Berkovic, The borderland of epilepsy: clinical and molecular features of phenomena that mimic epileptic seizures, Lancet Neurol 2009; 8: 370–81

 

Differenzialdiagnose anfallsweise auftretender neurologischer Symptome
  TIA Epilepsie Migräne
Beginn Plötzlich Plötzlich langsam
Progression, Entwicklung der Symptome keine schnell langsam
verschieden Symptome gleichzeitig nacheinander nacheinander
Art visueller Symptome Ausfallerscheinung Reizerscheinung Ausfallerscheinung oder Reizerscheinung
Territorium der Herkunft Gefäßversorgung Hirnrinde Hirnrinde
Dauer kurz (10-15 min) kurz  min lang (30-60 min)
Modifiziert nach: Jean Schoenen and Peter S Sándor, Headache with focal neurological signs or symptoms: a complicated differential diagnosis Lancet Neurol 2004; 3: 237–45

 

Wenn Anfälle nicht epileptisch sind sondern Ausdruck einer seelischen Not - Zum Problem der psychogenen oder dissoziativen Anfälle

Es gibt viele auf organische oder psychiatrische Erkrankungen zurückgehende anfallsartig auftretende Störungen und Krankheiten, die man mit einem epileptischen Anfall verwechseln kann. Nicht selten ist es aber die Psyche, die mangels adäquater anderer Kommunikationsmöglichkeiten Verhaltensweisen provoziert, die epileptischen Anfällen zum verwechseln ähnlich sehen können. Der französische Neurologe Charcot, (1825-1893), beobachtete, dass Epileptische Anfälle von Frauen, die als hysterisch galten, nachgespielt wurden.  Früher wurden solche "psychogenen Anfälle", die epileptischen Anfällen zum Verwechseln ähnlich sehen können, oft klassisch als “Hysterie”  oder  “Hysterische Anfälle” bezeichnet. Auch die Bezeichnungen “Pseudoanfälle”,  “pseudoepileptische Anfälle” wurden synonym verwendet. Wegen des eher diskriminierenden Bedeutung dieser Wörter wurden diese Bezeichnungen verlassen. Solche "psychogenen Anfälle" machen immerhin 20% der stationären Aufnahmen in Epilepsiespezialeinheiten und etwa 2-5% nach manchen Statistiken sogar 10-50% der Patienten aus, die ambulant beim Spezialisten vorgestellt werden.  5-10% aller Patienten, die wegen einer "Epilepsie" behandelt werden, leiden ausschließlich unter psychogenen Anfällen. Bis zu 20% der Patienten, die wegen therapieresistenter Anfälle in ein Zentrum zur Epilepsiechirurgie eingewiesen werden, haben reine psychogene Anfälle, bei 10% bis 30% der Anfallspatienten liegt eine Mischung psychogener und epileptischer Anfälle vor. Fast die Hälfte aller Menschen mit psychogenen Anfällen hat auch epileptische Anfälle.   Psychogene Anfälle sind fast so häufig wie Multiple Sklerose oder Trigeminusneuralgien, man geht davon aus, dass 2 -33 pro 100 000  Menschen darunter leiden, 80% von diesen werden antiepileptisch medikamentös behandelt, was auch beweist, dass sie schwer zu diagnostizieren sind und Fehldiagnosen häufig sind. Auch nach erfolgreicher Epilepsiechirurgie sind neu aufgetretene psychogene Anfälle berichtet.   Es handelt sich dabei um Anfälle, die nicht organisch bedingt sind und keiner neurologischen Erkrankung entsprechen. Oft liegt dieser psychogenen Störung mit s.g. dissoziativen Anfällen aber ein für die Betroffenen schweres Leiden zu Grunde. Meist beginnen die psychogenen oder dissoziativen Anfälle zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Oft haben die Betroffenen noch andere psychische Störungen und nicht selten neigen sie auch zu Selbstverletzungen.  Bei Erwachsenen scheint besonders das weibliche Geschlecht für solche "Anfälle" prädestiniert zu sein, das Verhältnis Frauen: Männer beträgt hier 4:1, bei Kindern und Jugendlichen liegt es nur noch bei 2:1.  Kompliziert wird die Diagnostik und der Umgang damit auch dadurch, dass 15-30% der Patienten mit einer Epilepsie zusätzlich gelegentlich psychogene Anfälle haben. Die Unterscheidung ist auch bei der letzteren Gruppe oft sehr wichtig. Psychogene Anfälle scheinen bei diesen Patienten vermehrt in Zeiten aufzutreten, in denen die epileptischen Anfälle durch die Medikamente gut kontrolliert sind. Wenn sie nicht erkannt werden können unnötige und schädliche Medikamentenumstellungen die Folge sein. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen bei häufigen Episoden von psychogenen Nichtepileptischen Status epilepticus (PNESE), diese Patienten sind meist jünger als die Patienten mit einem tatsächlichen Status epilepticus, sie haben im Gegensatz zur den Patienten mit einen wirklichen Status häufiger bereits einen Port für die Verabreichung der Medikamente implantiert und werden meist in Krankenhäusern, die keinen Neurologen und kein EEG im Notdienst verfügbar haben in Verkennung der Diagnose sehr hochdosiert mit Benzodiazepinen zur Unterbrechung der Anfälle (oft bis zur Ateminsuffizienz) behandelt. Es resultiert daraus eine ganz erhebliche Gefährdung der Gesundheit und des Lebens dieser Patienten.  (NEUROLOGY 2006;66:1727–1729)

Die medizinische Unterscheidung ist wichtig - sie sollte aber weniger das Ziel einer Entlarvung haben als das Ziel zu einem Hilfsangebot für die Patienten zu kommen.

Für den Fachmann ist die Unterscheidung in vielen Fällen einfach, allerdings kann ein Patient mit solchen  "psychogenen Anfällen" nicht selten auch eine Spezialabteilung lange beschäftigen bis die Diagnose endgültig geklärt ist. Am einfachsten ist diese Unterscheidung wenn große Anfälle, s.g. Grand Mal Anfälle imitiert werden. Im Gegensatz zu epileptischen Anfällen bleibt bei diesem seelischen Ausnahmezustand die Pupillenreaktion erhalten. Die Patienten kneifen beim Versuch die Pupillenreaktion zu prüfen oft dieAugen zu.  Bei epileptischen Anfällen oder Synkopen sind die Augen in der Regel geöffnet. Epilepsiepatienten blicken im epileptischen Anfall in der Regel extrem zur Seite, die Augäpfel stehen oft nicht parallel, das Weiße der Augen wird sichtbar. Patienten mit Synkopen haben meist ebenfalls offene Augen mit den Pupillen nach oben gedreht, auch hier wird das Weiße der Augen sichtbar. In einer Serie im Video-EEG- Monitoring schlossen von 52 Patienten mit psychogenen Anfällen 50 bei jedem der Anfälle die Augen, während nur 152 von 156 Patienten mit epileptischen Anfällen die Augen geschlossen hatten. In dieser Serie wurden 938 anfallsartige Ereignisse bei 221 Patienten beobachtet und ausgewertet, durchschnittlich 4 Ereignisse pro Patient. (NEUROLOGY 2006;66:1730–1731). Geschlossene Augenlider sind also ein recht eindeutiger Hinweise auf psychogene Anfälle (Sensitivität von 96.2% und Spezifität von 98.1%). In. Im Stadium der postiktalen Verwirrung sind aber auch bei Anfallspatienten nach einem epileptischen Anfall die Augen meist geschlossen. Schreie leiten oft epileptische Anfälle ein, sie halten aber im Gegensatz zum Auftreten während des psychogenen Anfalls nicht während des weiteren Anfallsverlaufs an. Die "klonischen" Zuckungen erscheinen oft koordiniert, der Betroffene schützt sich automatisch vor Verletzungen. Die im Anfall sonst vorhandenen Reflexauffälligkeiten fehlen. Verräterisch ist oft auch die lange Anfallsdauer, die Unterbrechung auf Ansprache oder Zuwendung- manchmal auch einfach durch Ignorieren. Tonisch-klonische Anfälle dauern meist ungefähr 70 +/- 20 Sekunden,  nicht epileptische Anfälle im Durchschnitt nach einer Studie 134 Sekunden. Trotz heftiger Zuckungen werden die Patienten mit psychogenen Anfällen nur selten im Gesicht so blau (zyanotisch) wie Patienten im Grand mal. Ein Einnässen fehlt bei den psychogenen Anfällen meisten, der Zungenbiss ist wenn er vorhanden ist meist in der Zungenmitte oder Wange und nicht wie bei epileptischen Anfällen an der Seite. Bei der Hälfte der Patienten mit psychogenen Anfällen sind es auch Zustände in denen nur eine völlige Bewegungsstarre gezeigt wird. Geschlossene Augen, und ganz unregelmäßige Abwehrbewegungen können ebenfalls ein Hinweise sein. So genannte komplex partial Anfälle, die häufig eine ungewöhnliche Symptomatik beispielsweise mit Wegrennen aufweisen, dauern meist kurz und treten häufig auf und die Patienten erholen sich schnell. Ihre psychogenen Imitate dauern auch hier meist länger mit anschließendem psychogenen "Dämmerzustand". Umgekehrt fehlt nach dem Grand Mal- Imitat oft der dort erwartete Dämmerzustand. Die Patienten bei psychogenen Anfällen geben oft eine besonders lange und ausgeprägte Amnesie an. Bei einer Blutabnahme nach dem Ereignis fehlt der sonst nach Anfällen typische Anstieg des Prolaktinspiegels (direkt nach dem Anfall abgenommen). Auch normale Sauerstoffsättigungen im Blut und normaler Blutdruck trotz kräftiger Zuckungen weisen auf psychogene Phänomene hin. Nicht selten treten solche Anfälle bevorzugt vor entsprechendem Publikum und in Lebenssituationen auf, in denen damit etwas bestimmtes erreicht werden soll. Alle diese Kriterien können für sich alleine irren, selbst der Laborwert muss nicht zuverlässig sein. Kribbeln, Angst oder Muskelzuckungen können sowohl nach bestimmten epileptischen Anfällen als auch nach psychogenen Anfällen als Folge der Erregungs- oder Angstbedingten Hyperventilation auftreten. Auch Verletzungen kommen bei psychogenen Anfällen in den letzten Jahren häufiger vor. Während vor Jahrzehnten der Arc de cercle dominierte, werden in den letzten Jahren bei psychogenen Anfällen Statusimitate, die auf die Intensivstation führen häufiger. Häufig liegen den Anfällen schwerere psychische Erkrankungen zu Grunde. Beispielsweise kann auch die Behandlung mit einem modernen Psychopharmakon einen Prolaktinspiegelanstieg bewirken, der dem nach einem großen Anfall ähnelt, eine 2. Kontrolle des Prolaktinspiegels am nächsten Tag klärt dann die Differenzialdiagnose. Immer ist auch eine EEG- Ableitung für die Unterscheidung ein wesentlicher Baustein. Da ein unauffälliges EEG auch in der Spezialambulanz mit Videoüberwachung einen epileptischen Anfall auch nicht mit allerletzter Sicherheit ausschließen kann und da viele Patienten mit eine Epilepsie zusätzlich psychogene Anfälle haben, ist vor allem wenn es sich um kleine Anfälle handelt, eine ganz sichere Unterscheidung in wenigen Einzelfällen nicht oder manchmal auch bei aller Mühe erst nach Jahren möglich. Es gibt sicherlich nicht wenige Patienten, die unter der Annahme, dass sie unter einer Epilepsie leiden, mit Antiepileptika behandelt werden, ohne dass eine Epilepsie vorliegt. Auch wenn der behandelnde Arzt ein Spezialist ist, ist dies nicht 100% vermeidbar, ebenso wenig wie der umgekehrte Fall, dass ein seltenen epileptisches Syndrom für psychogen gehalten wird. Psychogene Anfälle treten oft im Zusammenhang mit psychischen Störungen auf. Die psychiatrische Anamnese kann hier hilfreich sein. Besonders häufig sind bei den psychogenen Anfällen von den Patienten registrierte körperliche Angstsymptome, diese können zwar auch bei einer Epilepsie auftreten, sind dort aber selten. Die Patienten haben auch häufiger agoraphobes Vermeidungsverhalten, sind häufiger depressiv. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2006; 77: 616-621. doi:10.1136/jnnp.2005.066878 [Abstract] [Full text] [PDF

 
Symptom psychogener Anfall epileptischer Anfall Synkope
vorhandene Auslöser häufig, Praxisbesuch, Stress, Streit, vor Publikum, selten alleine selten, Stroboskop bei Photosensiblität, häufig, Lagewechsel, Blutabnahme, Schmerz, Urinieren, Defäkation,
langsamer Beginn nicht selten über mehrere Minuten bei fokaler Einleitung meist weniger als 30 s, präsynkopale Zustände meist über Minuten
motorische Aktivität undulierend, oft abrupte Pausen, stabile Frequenz typische tonisch klonische Anfälle myoklonische Zuckungen, rasches Ende,
asynchrone Arm und Beinbewegungen häufig ungewöhnlich nicht ungewöhnlich; multifokale myoklonische Zuckungen,
absichtliche Bewegungen häufig, sehr selten selten
rhythmische Beckenbewegungen gelegentlich sehr selten nie
Opisthotonus,“arc de cercle gelegentlich sehr selten nie
prolongierte ictale Atonie gelegentlich sehr selten nie mehr als 60 s
Automatismen Wechselnd, bizarr Stereotyp, oroalimentär  
Amnesie fragmentarisch, auflösbar vollständig sehr kurz oder fehlend

Haut

keine Zyanose trotz langer Anfallsdauer üblich meist Blässe, Schwitzen
iktaler Schrei gelegentlich sehr selten nie
geschlossene Augen häufig sehr selten sehr selten
Widerstand gegen das Augenöffnen sehr häufig sehr selten sehr selten
erhaltener Pupillenreflex üblich oft fehlend häufig
iktale Reaktion auf äußere Reize manchmal partiell sehr selten partiell sehr selten
iktale Inkontinenz nicht ungewöhnlich nicht ungewöhnlich selten
Anfallsdauer >2min häufig selten sehr selten
postiktale Reorientierung ungewöhnlich schnell oder ungewöhnlich langsam über Minuten <1 Minute
Zungenbiss gelegentlich an der Spitze nicht selten lateral und kräftig gelegentlich an der Spitze
Verletzung nicht ungewöhnlich nicht ungewöhnlich selten
aus dem Schlaf heraus nicht ungewöhnlich häufig nie
Beginn <10 Jahre ungewöhnlich nicht ungewöhnlich gelegentlich
Veränderung der Anfallssemilogie Zunahme der Dramatik mit der Zeit selten selten
hohe Anfallsfrequenz häufig gelegentlich selten
wiederholter Status häufig selten nie
Verschlechterung unter Antiepileptika gelegentlich selten selten
Anfälle in der Arztpraxis häufig selten nicht ungewöhnlich bei Blutabnahmen
viele unklare körperliche Symptome häufig selten selten
viele chirurgische Eingriffe in der Vorgeschichte häufig selten selten
psychiatrische Behandlung häufig selten selten
Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch häufig selten selten
Selbstverletzungen häufig selten selten
Reuber M. Psychogenic nonepileptic seizures: diagnosis, aetiology, treatment and prognosis. Schweiz Arch Neurol Psychiatr 2005;156: 47–57., M. Schmutz, Nervenarzt 2008 DOI 10.1007/s00115-008-2609-9

Was für psychische Störungen liegen häufig zu Grunde, was kann man tun

Weitaus am häufigsten leiden Menschen mit psychogenen Anfällen unter Konversionsstörungen, heute manchmal auch als dissoziative Störungen bezeichnet. Die Symptome treten dann oft  in enger zeitlicher Verbindung mit traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten Beziehungen auf. Offensichtlich Ausdruck emotionaler Konflikte oder Bedürfnisse. Die Symptome entwickeln sich dann oft im direkten Zusammenhang zur psychischen Belastung und erscheinen oft plötzlich. Es kommen aber auch eine Vielzahl anderer psychischer Störungen ursächlich in Betracht. Berichtet wird insbesondere über Patienten mit somatoformen Störungen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, verschiedene Formen von Psychosen und bei Minderbegabungen. Oft spielt die Bekanntschaft mit Menschen die unter Anfällen leiden eine Rolle. Manchmal geht ein Klinikaufenthalt, bei dem die Patienten Zeuge eines Anfalls wurden, voraus. Das Muster zur Kopie kommt heute aber nicht selten und besonders bei den betroffenen Kindern auch aus dem Fernsehen. Obwohl diese Symptome bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, haben Frauen eine bessere Prognose. Je mehr ein Betroffener von der Fürsorge anderer abhängig ist, umso schlechter die Prognose. Dies auch, da oft mit den "Anfällen" ein sonst nicht als legitim empfundener Wunsch nach Zuwendung geäußert wird und übliche Kommunikationswege hier versperrt erscheinen. Bei Kindern ist die Prognose besser als bei Erwachsenen. Generell hängt die Prognose von der zu Grunde liegenden psychischen Störung ab, diese muss behandelt werden. Bei häufigen psychogenen Anfällen ist die Prognose dahingehend, dass die Anfälle an sich gebessert werden, auch unter Behandlung als mäßig zu bezeichnen. Eine Besserung ist aber mit psychiatrisch- psychotherapeutischer Behandlung unter Einbeziehung der Bezugspersonen deutlich besser als ohne Behandlung. Eine spezielle Behandlung psychogener Anfälle gibt es nicht, hier muss man sich ganz individuell nach der ursächlichen Störung richten. Spezielle Medikamente gibt es ebenfalls nicht. Wenn gesichert "nur" psychogene Anfälle vorliegen, sollte auf keinen Fall ein Medikament gegen Epilepsie verordnet werden.  Wenn die Anfälle vom Fachmann gesichert als psychogen eingeordnet sind, sollten Angehörige und Betreuungspersonen die Anfälle selbst möglichst wenig beachten, auch wenig darüber sprechen. Sie sollten aber umgekehrt versuchen die Kommunikation in anderen Bereichen zu verbessern und ggf. diesbezüglich auch Hilfe suchen.

Im Vergleich zu Patienten mit einer Epilepsie leiden Patienten mit psychogenen Anfällen oft sogar mehr. Sie meist eine schlechtere Lebensqualität. Die Anfälle sind hier oft Ausdruck von Hilflosigkeit. Eine Studie bestätigte die niedrigere Lebensqualität sogar als Indikator vor die Diagnose psychogener nicht-epileptischer Anfälle. Die Einbußen an Lebensqualität beruhen oft auf Depressionen, Niedergeschlagenheit sowie unerwünschten Wirkungen von oft nicht indizierten Medikamenten.

 

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Benigner Schlafmyoklonus der Kleinkinder.

 Tritt vom ersten Lebenstag bis zum Alter von 3 Jahren auf. Dabei treten im Schlaf oder bei Eindösen rhythmische myoklonische Zuckungen auf, die Zuckungen hören nach dem Wecken oder Erwachen sofort auf, während der Myoklonien  (und auch sonst) haben die Kinder ein normales EEG. Das Phänomen tritt in allen Schlafstadien auf. Eine Verwechslung mit einer Epilepsie soll nicht selten sein. Es beginnen auch viele Epilepsien im ersten Lebensjahr, entscheidend ist also ob die Myoklonien ausschließlich im Schlaf auftreten und beim Wecken verschwinden und das unauff. altersgemäße EEG. Der Verlauf ist gutartig mit spontanem Verschwinden mit dem Älterwerden. Blennow G., Watanabe K. Resnick TJ, Moshe SL, Perotta L, Chambers HJ.Joseph Egger, Gabriele Grossmann, and Ian A Auchterlonie Lesson of the week: Benign sleep myoclonus in infancy mistaken for epilepsy BMJ 2003; 326: 975-976. [Full text] [PDF]  

 

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