|
Epilepsien sind organische oder
Gehirnerkrankungen. Die Kranken sind nicht geisteskrank. Epilepsie mindert nicht
die Intelligenz. Auch eine Vielzahl berühmter und sehr leistungsfähiger Menschen
litt unter epileptischen Anfällen
“In diesem Moment ging eine fürchterliche Veränderung mit Oskar vor. Seine
Züge verzerrten sich, seine Augäpfel kehrten sich nach oben, so dass man nur noch
das Weiße sah und sein ganzer Körper verdrehte sich von oben nach unten, als
hätte ihn eine Riesenhand gepackt und wollte ihn wie einen nassen Lappen
auswringen. Eine Sekunde später wälzte er sich am Boden mit wilden Zuckungen,
die nicht aufhörten. “Um Gottes willen, was ist das?” schrie ich auf, doch der
Arzt antwortete nicht, er hatte alle Hände voll zu tun, um Oskars Krawatte zu
lösen, die Möbel beiseite zu rücken, die der Wildumsichschlagende anstieß. Dann
richtete der Arzt sich auf und sah bedrückt auf die sich windende Gestalt, der
er nicht helfen konnte. “Können Sie denn nichts weiter tun?”, schrie ich außer
mir. Er schüttelte den Kopf. “Was ist es denn?” – “Ein epileptischer Anfall” (
Collins, 1824-1899)
Prinzipiell kann jeder Mensch einen epileptischen Anfall bekommen, da in
jedem Gehirn eine individuelle Krampfbereitschaft vorliegt. Das bedeutet, dass
der epileptische Anfall lediglich ein Symptom und kein eigenes Krankheitsbild
darstellt. Entscheidend ist das Ausmaß dieser Krampfbereitschaft in Relation zu
Auslösern wie z.B. Alkohol und Schlafmangel. Die Angabe, dass Alkohol Auslöser
epileptischer Anfälle war, ist in der Anamnese von Menschen mit epileptischen
Anfällen häufig anzutreffen. Erhöhtem Alkoholkonsum geht allerdings sehr häufig
mit Schlafentzug einher, und letzterer könnte bei vielen entscheidender sein.
Durch mittelbare Folgen einer Alkoholerkrankung kann sich aber eine Epilepsie
entwickeln, die später auch alkoholunabhängig zu epileptischen Anfällen
führt und auch bei Alkoholabstinenz bestehen bleibt. Alkohol und Schlafmangel
sind aber meist keine Ursachen sondern eben Auslöser.
Zu Beginn am wichtigsten ist eine korrekte Diagnose.
Dabei muss zunächst geklärt werden, ob es sich überhaupt um epileptische Anfälle
handelt. Dann muss das epileptische Syndrom, also die genaue Art der Epilepsie
bestimmt werden. Von letzterer hängt die Art der Behandlung und die Prognose
wesentlich ab.
Wenn es vielleicht doch keine Epilepsie ist, die Unterscheidung kann
schwierig sein, Fehldiagnosen sind gar nicht so selten. Ein
neuerer Artikel macht zurecht, darauf aufmerksam, dass die Behandlung mit
Antiepileptika aus anderen Gründen als einer Epilepsie Ursache solcher
Verwechslungen sein kann. Antiepileptika haben ein zunehmend breiteres
Indikationsspektrum. Sie werden gegen Missempfindungen bei Polyneuropathien, bei
psychischen Störungen (bipolare Störungen, schizoaffektive Störungen...),
Neuralgien usw. eingesetzt. M Oto, A J C Russell, A McGonigal, and R Duncan,
Lesson of the week: Misdiagnosis of epilepsy in
patients prescribed anticonvulsant drugs for other reasons
BMJ 2003; 326: 326-327.
[Full text]
[PDF]
|
Erkrankungen und Symptome die mit einer
Epilepsie verwechselt werden können |
|
Normale Phänomene |
Z.B.: déjà vu kann
auch normal sein |
|
Paralytische Synkope |
bei
eingeschränkter autonomer Funktion durch Medikamente oder eine, autonome
Neuropathie |
|
Herzrhythmusstörungen |
besonders bei
Personen mittleren Alters oder Älteren, kann aber auch bei Jüngeren sein.
Häufig mit Blässe und vorherigem Herzklopfen. |
|
Andere Herzerkrankungen |
können manchmal
fokale neurologische Symptome durch "low output" hervorrufen. |
|
Panikattacken |
Bei Patienten mit
Angststörungen steht das seelische Erleben von Angst oft gar nicht im
Vordergrund der Beschwerden, sondern oft sind es als
gravierend empfundene körperliche Symptome (Herzrasen, Schmerzen,
vegetative Störungen Schwitzen, Schwindel bzw. Gedankenrasen,
Konzentrationsprobleme) |
|
Hypoglykaemie |
Fast nur bei
Diabetes oder
Alkoholikern nach heftigem Trinken, Stupor,
Verwirrung, bizarres Verhalten,
Zittern, manchmal epileptische Anfälle in Kombination. |
|
Transiente
ischämische Attacken (TIA) |
Meist älter
Patienten, muß von fokalen Anfällen unterschieden werden. |
|
Paroxysmale "movement disorders" |
selten, plötzliche
Choreoathetose oder Dystonie,
kann von Bewegungen getriggert sein, kann mit fokalen motorischen Anfällen
verwechselt werden. |
|
Tonischer Spasmus bei
Multipler Sklerose (MS) |
mit intensivem
fokalem Spasmus für weniger als eine Minute oder länger bei bekannter MS.
|
|
Hirnstammanfälle bei MS |
kurze Zeitdauer
der Anfälle (15 bis 60 Sekunden), hohe Frequenz (bis 200 pro Tag), keine
Bewusstseinsstörungen, keine EEG-Veränderungen, Provozierbarkeit durch
Hyperventilation und Bewegungen, sehr gutes Ansprechen auf Antiepileptika |
|
Ticks |
multiple Ticks
können mit myoklonischen Anfällen verwechselt werden, beim Gilles de la
Tourette- Syndrom findet sich meist auch zwanghaftes Verhalten oder
Zwangshandlungen und begleitenden vokale Ticks |
|
Idiopathische drop attacks |
bei Frauen
mittleren Alters mit plötzlichem Hinfallen ohne Bewusstseinsverlust |
|
Migräne
Aura |
Ein "march" von
weniger als einer Minute weist auf fokale Anfälle hin, mehrere Minuten
machen eine Migräne wahrscheinlicher |
|
Transiente globale
Amnesie |
Meist Alter >40
Jahre mit Amnesie von 30 Min bis einige Stunden. |
|
Schlaf assoziierte Phänomene |
|
|
Einschlafzuckungen "Hypnic jerks" |
beim Einschlafen |
|
Schlaflähmung |
Furchterregenden
Episoden beim Aufwachen oder Einschlafen |
|
REM-
Parasomnien |
Oft
ältere
Männer
ab
60,
auch
komplexe
Bewegungen
möglich,
Bei
Erwecken
während
des
Ereignisses
wird
ein
Traum
erinnert.
|
|
Exploding head syndrome |
Gefühl eines
Knalls oder einer Explosion im Kopf beim Einschlafen |
|
Periodische Beinbewegungen
im Schlaf |
ältere Patienten,
Beugung des Beines für ein paar Sekunden in Intervallen von 10 -60
Sekunden meist in Clustern von einigen Minuten. |
|
Narkolepsie |
Verwechslungen
sind insbesondere wegen der Einschlafneigung und dem unerwarteten
Zusammensacken möglich. Der Patient klagt über Tagesmüdigkeit und
unüberwindliche Einschlafneigung. Dazu kommen z. T. erschreckende Symptome
wie ein plötzlicher Spannungsverlust der Muskulatur z.B. Beim Lachen, ggf.
mit Zusammensacken oder totaler Bewegungsunfähigkeit (Lachschlag). Auch
nächtliche Wachanfälle treten auf. Hypnagoge Halluzinationen und
Schlaflähmungen gehören zu den weiteren Symptomen. |
|
psychogene, „hysterische“
Anfälle - kommen auch bei fast einem Viertel aller Patienten mit einer
Epilepsie vor. |
Siehe unten oder
sonst im Internet unter:
http://www.Sozial-Psychiatrie.de |
| Anfallsart |
Verwechslungsmöglichkeit |
| Generalisierte tonisch–klonische Anfälle
|
Konvulsive
Synkope,
dissoziativer Anfall, "concussive
convulsion bei
Commotio cerebri ", Hyperekplexie beim
Stiff-man Syndrom, Stiff Baby Syndrom. |
| Absence |
Tagträumen, dissoziativer Anfall |
| Myoklonische Anfälle |
Myoklonus während einer
Synkope, benigner Schlafmyoklonus, andere
Formen des nicht-epileptischen
Myoklonus |
| Atonische |
Synkope
Kataplexie |
| Tonische Anfälle |
Paroxysmale
Dyskinesie, Hyperekplexie
beim
Stiff-man Syndrom, Stiff Baby Syndrom, Atemstillstand, paroxysmale
extreme pain disorder* |
| Epileptischer
Spasmus |
benigner Schlafmyoklonus,
infantile Kolik |
|
Temporallappen Epilepsie |
Migräne,
Panikattacke,
TIA mit Aphasie, physiologisches
Déjà-vu-Erlebnis
,
Narkolepsie mit Automatismus, non-iktale Verwirrtheitszustände,
Delir , |
| Occipitallappen Epilepsie |
visuelle Aura bei
Migräne ,
Charles-Bonnet Phänomen
|
| Frontallappen Epilepsie |
Parasomnien, Panikattacke,
dissoziativer Anfall,
Synkope, Paroxysmale
Dyskinesie, |
| Parietallappen Epilepsie |
sensorische Aura bei
Migräne
|
| Modifiziert nach Douglas E
Crompton, Samuel F Berkovic, The borderland of epilepsy: clinical and
molecular features of phenomena that mimic epileptic seizures, Lancet
Neurol 2009; 8: 370–81 |
|
Differenzialdiagnose
anfallsweise
auftretender
neurologischer
Symptome |
| |
TIA |
Epilepsie |
Migräne |
|
Beginn |
Plötzlich
|
Plötzlich
|
langsam |
|
Progression,
Entwicklung
der
Symptome |
keine |
schnell |
langsam |
|
verschieden
Symptome |
gleichzeitig |
nacheinander |
nacheinander |
|
Art
visueller
Symptome |
Ausfallerscheinung |
Reizerscheinung |
Ausfallerscheinung
oder
Reizerscheinung |
|
Territorium
der
Herkunft |
Gefäßversorgung |
Hirnrinde |
Hirnrinde |
|
Dauer |
kurz
(10-15
min) |
kurz
min |
lang
(30-60
min) |
|
Modifiziert
nach:
Jean
Schoenen
and
Peter
S
Sándor,
Headache
with
focal
neurological
signs
or
symptoms:
a
complicated
differential
diagnosis
Lancet
Neurol
2004;
3:
237–45 |
Wenn Anfälle nicht epileptisch sind sondern Ausdruck
einer seelischen Not - Zum Problem der psychogenen oder dissoziativen Anfälle
Es gibt viele auf organische oder psychiatrische Erkrankungen zurückgehende
anfallsartig auftretende Störungen und Krankheiten, die man mit einem
epileptischen Anfall verwechseln kann. Nicht selten ist es aber die Psyche, die
mangels adäquater anderer Kommunikationsmöglichkeiten Verhaltensweisen
provoziert, die epileptischen Anfällen zum verwechseln ähnlich sehen können. Der
französische Neurologe Charcot, (1825-1893), beobachtete, dass Epileptische
Anfälle von Frauen, die als hysterisch galten, nachgespielt wurden. Früher
wurden solche "psychogenen Anfälle", die epileptischen Anfällen zum
Verwechseln ähnlich sehen können, oft klassisch als “Hysterie” oder
“Hysterische Anfälle” bezeichnet.
 Auch die Bezeichnungen “Pseudoanfälle”,
“pseudoepileptische Anfälle” wurden synonym verwendet. Wegen des eher
diskriminierenden Bedeutung dieser Wörter wurden diese Bezeichnungen verlassen.
Solche "psychogenen Anfälle" machen immerhin 20% der stationären Aufnahmen in
Epilepsiespezialeinheiten und etwa 2-5%
nach
manchen
Statistiken
sogar
10-50% der Patienten aus, die ambulant beim
Spezialisten vorgestellt werden. 5-10% aller Patienten, die wegen einer
"Epilepsie" behandelt werden, leiden ausschließlich unter psychogenen
Anfällen. Bis zu
20% der
Patienten,
die wegen
therapieresistenter
Anfälle in
ein
Zentrum
zur
Epilepsiechirurgie
eingewiesen
werden,
haben
reine
psychogene
Anfälle,
bei 10%
bis 30%
der
Anfallspatienten
liegt eine
Mischung
psychogener
und
epileptischer
Anfälle
vor. Fast
die Hälfte
aller
Menschen
mit
psychogenen
Anfällen
hat auch
epileptische
Anfälle.
Psychogene
Anfälle
sind fast
so häufig
wie
Multiple
Sklerose
oder
Trigeminusneuralgien,
man geht
davon aus,
dass 2 -33
pro 100
000
Menschen
darunter
leiden,
80% von
diesen
werden
antiepileptisch
medikamentös
behandelt,
was auch
beweist,
dass sie
schwer zu
diagnostizieren
sind und
Fehldiagnosen
häufig
sind.
Auch nach
erfolgreicher
Epilepsiechirurgie
sind neu
aufgetretene
psychogene
Anfälle
berichtet.
Es handelt sich dabei um Anfälle, die nicht organisch bedingt sind
und keiner neurologischen Erkrankung entsprechen. Oft liegt dieser
psychogenen Störung mit s.g. dissoziativen Anfällen aber ein für die
Betroffenen schweres Leiden zu Grunde. Meist beginnen die psychogenen oder
dissoziativen Anfälle zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Oft haben die
Betroffenen noch andere psychische Störungen und nicht selten neigen sie
auch zu Selbstverletzungen. Bei Erwachsenen scheint besonders das weibliche
Geschlecht für solche "Anfälle" prädestiniert zu sein, das Verhältnis Frauen:
Männer beträgt hier 4:1, bei Kindern und Jugendlichen liegt es nur noch bei 2:1.
Kompliziert wird die Diagnostik und der Umgang damit auch dadurch, dass 15-30%
der Patienten mit einer Epilepsie zusätzlich gelegentlich psychogene Anfälle
haben. Die Unterscheidung ist auch bei der letzteren Gruppe oft sehr wichtig.
Psychogene Anfälle scheinen bei diesen Patienten vermehrt in Zeiten aufzutreten,
in denen die epileptischen Anfälle durch die Medikamente gut kontrolliert sind.
Wenn sie nicht erkannt werden können unnötige und schädliche
Medikamentenumstellungen die Folge sein. Besonders dramatisch sind die
Auswirkungen bei häufigen Episoden von psychogenen Nichtepileptischen Status epilepticus (PNESE), diese Patienten sind meist jünger als die Patienten mit
einem tatsächlichen Status epilepticus, sie haben im Gegensatz zur den Patienten
mit einen wirklichen Status häufiger bereits einen Port für die Verabreichung
der Medikamente implantiert und werden meist in Krankenhäusern, die keinen
Neurologen und kein EEG im Notdienst verfügbar haben in Verkennung der Diagnose
sehr hochdosiert mit Benzodiazepinen zur Unterbrechung der Anfälle (oft bis zur
Ateminsuffizienz) behandelt. Es resultiert daraus eine ganz erhebliche
Gefährdung der Gesundheit und des Lebens dieser Patienten. (NEUROLOGY
2006;66:1727–1729)
Die medizinische Unterscheidung ist wichtig - sie sollte aber weniger das
Ziel einer Entlarvung haben als das Ziel zu einem Hilfsangebot für die Patienten
zu kommen.
Für den Fachmann ist die Unterscheidung in
vielen Fällen einfach,
allerdings kann ein Patient mit solchen "psychogenen Anfällen" nicht
selten auch eine Spezialabteilung lange beschäftigen bis die Diagnose endgültig
geklärt ist. Am einfachsten ist diese Unterscheidung wenn große Anfälle, s.g.
Grand Mal Anfälle imitiert werden. Im Gegensatz zu epileptischen Anfällen bleibt
bei diesem seelischen Ausnahmezustand die Pupillenreaktion erhalten. Die
Patienten kneifen beim Versuch die Pupillenreaktion zu prüfen oft die Augen zu.
Bei
epileptischen
Anfällen
oder
Synkopen
sind die
Augen in
der Regel
geöffnet.
Epilepsiepatienten
blicken im
epileptischen
Anfall in
der Regel
extrem zur
Seite, die
Augäpfel
stehen oft
nicht
parallel,
das Weiße
der Augen
wird
sichtbar.
Patienten
mit
Synkopen
haben
meist
ebenfalls
offene
Augen mit
den
Pupillen
nach oben
gedreht,
auch hier
wird das
Weiße der
Augen
sichtbar. In einer Serie im Video-EEG- Monitoring schlossen von 52
Patienten mit psychogenen Anfällen 50 bei jedem der Anfälle die Augen, während
nur 152 von 156 Patienten mit epileptischen Anfällen die Augen geschlossen
hatten. In dieser Serie wurden 938 anfallsartige Ereignisse bei 221 Patienten
beobachtet und ausgewertet, durchschnittlich 4 Ereignisse pro Patient. (NEUROLOGY
2006;66:1730–1731). Geschlossene Augenlider sind also ein recht eindeutiger
Hinweise auf psychogene Anfälle (Sensitivität von 96.2% und Spezifität von
98.1%). In. Im Stadium der postiktalen Verwirrung sind aber auch bei
Anfallspatienten nach einem epileptischen Anfall die Augen meist geschlossen.
Schreie leiten oft epileptische Anfälle ein, sie halten aber im Gegensatz zum
Auftreten während des psychogenen Anfalls nicht während des weiteren
Anfallsverlaufs an. Die "klonischen" Zuckungen erscheinen oft koordiniert, der
Betroffene schützt sich automatisch vor Verletzungen. Die im Anfall sonst
vorhandenen Reflexauffälligkeiten fehlen. Verräterisch ist oft auch die lange
Anfallsdauer, die Unterbrechung auf Ansprache oder Zuwendung- manchmal auch
einfach durch Ignorieren. Tonisch-klonische Anfälle dauern meist ungefähr 70 +/-
20 Sekunden, nicht epileptische Anfälle im Durchschnitt nach einer Studie
134 Sekunden.
Trotz
heftiger
Zuckungen
werden die
Patienten
mit
psychogenen
Anfällen
nur selten
im Gesicht
so blau (zyanotisch)
wie
Patienten
im Grand
mal. Ein Einnässen fehlt bei den psychogenen Anfällen meisten, der
Zungenbiss ist wenn er vorhanden ist meist in der Zungenmitte oder Wange und
nicht wie bei epileptischen Anfällen an der Seite. Bei der Hälfte der Patienten
mit psychogenen Anfällen sind es auch Zustände in denen nur eine völlige
Bewegungsstarre gezeigt wird. Geschlossene Augen, und ganz unregelmäßige
Abwehrbewegungen können ebenfalls ein Hinweise sein. So genannte komplex partial Anfälle, die häufig
eine ungewöhnliche Symptomatik beispielsweise mit Wegrennen aufweisen, dauern
meist kurz und treten häufig auf und die Patienten erholen sich schnell. Ihre
psychogenen Imitate dauern auch hier meist länger mit anschließendem psychogenen
"Dämmerzustand". Umgekehrt fehlt nach dem Grand Mal- Imitat oft der dort
erwartete Dämmerzustand.
Die
Patienten
bei
psychogenen
Anfällen
geben oft
eine
besonders
lange und
ausgeprägte
Amnesie
an. Bei einer Blutabnahme nach dem Ereignis fehlt der sonst
nach Anfällen typische Anstieg des Prolaktinspiegels
(direkt
nach dem
Anfall
abgenommen). Auch normale
Sauerstoffsättigungen im Blut und normaler Blutdruck trotz kräftiger Zuckungen
weisen auf psychogene Phänomene hin. Nicht selten treten solche Anfälle
bevorzugt vor entsprechendem Publikum und in Lebenssituationen auf, in denen
damit etwas bestimmtes erreicht werden soll. Alle diese Kriterien können für
sich alleine irren, selbst der Laborwert muss nicht zuverlässig sein. Kribbeln,
Angst oder Muskelzuckungen können sowohl nach bestimmten epileptischen Anfällen
als auch nach psychogenen Anfällen als Folge der Erregungs- oder Angstbedingten
Hyperventilation auftreten. Auch
Verletzungen
kommen bei
psychogenen
Anfällen
in den
letzten
Jahren
häufiger
vor.
Während
vor
Jahrzehnten
der Arc de
cercle
dominierte,
werden in
den
letzten
Jahren bei
psychogenen
Anfällen
Statusimitate,
die auf
die
Intensivstation
führen
häufiger. Häufig liegen den Anfällen schwerere
psychische Erkrankungen zu Grunde. Beispielsweise kann auch die Behandlung mit
einem modernen Psychopharmakon einen Prolaktinspiegelanstieg bewirken, der dem
nach einem großen Anfall ähnelt,
eine 2.
Kontrolle
des
Prolaktinspiegels
am
nächsten
Tag klärt
dann die
Differenzialdiagnose. Immer ist auch eine EEG- Ableitung für die
Unterscheidung ein wesentlicher Baustein.
Da ein
unauffälliges
EEG auch
in der
Spezialambulanz
mit
Videoüberwachung
einen
epileptischen
Anfall
auch nicht
mit
allerletzter
Sicherheit
ausschließen
kann und
da viele
Patienten
mit eine
Epilepsie
zusätzlich
psychogene
Anfälle
haben, ist
vor allem
wenn es
sich um
kleine
Anfälle
handelt,
eine ganz
sichere
Unterscheidung
in wenigen
Einzelfällen
nicht oder
manchmal
auch bei
aller Mühe
erst nach
Jahren
möglich.
Es gibt
sicherlich
nicht
wenige
Patienten,
die unter
der
Annahme,
dass sie
unter
einer
Epilepsie
leiden,
mit
Antiepileptika
behandelt
werden,
ohne dass
eine
Epilepsie
vorliegt.
Auch wenn
der
behandelnde
Arzt ein
Spezialist
ist, ist
dies nicht
100%
vermeidbar,
ebenso
wenig wie
der
umgekehrte
Fall, dass
ein
seltenen
epileptisches
Syndrom
für
psychogen
gehalten
wird. Psychogene Anfälle treten oft im Zusammenhang mit psychischen Störungen
auf. Die psychiatrische Anamnese kann hier hilfreich sein. Besonders häufig sind
bei den psychogenen Anfällen von den Patienten registrierte körperliche
Angstsymptome, diese können zwar auch bei einer Epilepsie auftreten, sind dort
aber selten. Die Patienten haben auch häufiger agoraphobes Vermeidungsverhalten,
sind häufiger depressiv. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2006; 77: 616-621.
doi:10.1136/jnnp.2005.066878
[Abstract]
[Full text]
[PDF
|
Symptom |
psychogener
Anfall |
epileptischer
Anfall |
Synkope |
|
vorhandene
Auslöser |
häufig,
Praxisbesuch,
Stress,
Streit, vor Publikum, selten alleine |
selten,
Stroboskop
bei
Photosensiblität,
|
häufig,
Lagewechsel,
Blutabnahme,
Schmerz,
Urinieren,
Defäkation,
|
|
langsamer
Beginn |
nicht
selten
über
mehrere
Minuten |
bei
fokaler
Einleitung
meist
weniger
als 30
s,
|
präsynkopale
Zustände
meist
über
Minuten |
|
motorische
Aktivität |
undulierend,
oft
abrupte
Pausen,
stabile
Frequenz |
typische
tonisch
klonische
Anfälle |
myoklonische
Zuckungen,
rasches
Ende, |
|
asynchrone
Arm und
Beinbewegungen
|
häufig |
ungewöhnlich |
nicht
ungewöhnlich;
multifokale
myoklonische
Zuckungen, |
|
absichtliche
Bewegungen |
häufig, |
sehr
selten
|
selten |
|
rhythmische
Beckenbewegungen |
gelegentlich |
sehr
selten
|
nie |
|
Opisthotonus,“arc
de
cercle |
gelegentlich |
sehr
selten
|
nie |
|
prolongierte
ictale
Atonie |
gelegentlich |
sehr
selten
|
nie
mehr
als 60
s |
|
Automatismen |
Wechselnd, bizarr |
Stereotyp, oroalimentär |
|
|
Amnesie |
fragmentarisch, auflösbar |
vollständig |
sehr kurz oder fehlend |
|
Haut
|
keine
Zyanose
trotz
langer
Anfallsdauer |
üblich |
meist
Blässe,
Schwitzen |
|
iktaler
Schrei |
gelegentlich |
sehr
selten |
nie |
|
geschlossene
Augen |
häufig |
sehr
selten |
sehr
selten |
|
Widerstand
gegen
das
Augenöffnen |
sehr
häufig |
sehr
selten |
sehr
selten |
|
erhaltener
Pupillenreflex |
üblich |
oft
fehlend |
häufig |
|
iktale
Reaktion
auf
äußere
Reize |
manchmal
partiell |
sehr
selten
partiell |
sehr
selten |
|
iktale
Inkontinenz |
nicht
ungewöhnlich |
nicht
ungewöhnlich |
selten |
|
Anfallsdauer
>2min |
häufig |
selten |
sehr
selten |
|
postiktale
Reorientierung |
ungewöhnlich
schnell
oder
ungewöhnlich
langsam |
über
Minuten |
<1
Minute |
|
Zungenbiss |
gelegentlich
an der
Spitze |
nicht
selten
lateral
und
kräftig |
gelegentlich
an der
Spitze |
|
Verletzung |
nicht
ungewöhnlich |
nicht
ungewöhnlich |
selten |
|
aus dem
Schlaf
heraus |
nicht
ungewöhnlich |
häufig |
nie |
|
Beginn
<10
Jahre |
ungewöhnlich |
nicht
ungewöhnlich |
gelegentlich |
|
Veränderung
der
Anfallssemilogie |
Zunahme
der
Dramatik
mit der
Zeit |
selten
|
selten |
|
hohe
Anfallsfrequenz |
häufig |
gelegentlich |
selten |
|
wiederholter
Status |
häufig |
selten |
nie |
|
Verschlechterung
unter
Antiepileptika |
gelegentlich |
selten |
selten |
|
Anfälle
in der
Arztpraxis |
häufig |
selten
|
nicht
ungewöhnlich
bei
Blutabnahmen |
|
viele
unklare
körperliche
Symptome |
häufig |
selten
|
selten
|
|
viele
chirurgische
Eingriffe
in der
Vorgeschichte |
häufig |
selten
|
selten
|
|
psychiatrische
Behandlung |
häufig |
selten
|
selten
|
|
Vorgeschichte
mit
sexuellem
Missbrauch |
häufig |
selten
|
selten
|
|
Selbstverletzungen |
häufig |
selten
|
selten
|
|
Reuber
M.
Psychogenic
nonepileptic
seizures:
diagnosis,
aetiology,
treatment
and
prognosis.
Schweiz
Arch
Neurol
Psychiatr
2005;156:
47–57., M. Schmutz, Nervenarzt 2008 DOI 10.1007/s00115-008-2609-9 |
Was für psychische Störungen liegen häufig zu Grunde, was kann man tun
Weitaus am häufigsten leiden Menschen mit psychogenen Anfällen unter
Konversionsstörungen, heute manchmal auch als dissoziative Störungen bezeichnet.
Die Symptome treten dann oft in enger zeitlicher Verbindung mit
traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder
gestörten Beziehungen auf. Offensichtlich Ausdruck emotionaler Konflikte oder
Bedürfnisse. Die Symptome entwickeln sich dann oft im direkten Zusammenhang zur
psychischen Belastung und erscheinen oft plötzlich. Es kommen aber auch eine
Vielzahl anderer psychischer Störungen ursächlich in Betracht. Berichtet wird
insbesondere über Patienten mit somatoformen Störungen, Angsterkrankungen,
Persönlichkeitsstörungen, verschiedene Formen von Psychosen und bei
Minderbegabungen. Oft spielt die Bekanntschaft mit Menschen die unter Anfällen
leiden eine Rolle. Manchmal geht ein Klinikaufenthalt, bei dem die Patienten
Zeuge eines Anfalls wurden, voraus. Das Muster zur Kopie kommt heute aber nicht
selten und besonders bei den betroffenen Kindern auch aus dem Fernsehen. Obwohl
diese Symptome bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, haben Frauen eine
bessere Prognose. Je mehr ein Betroffener von der Fürsorge anderer abhängig ist,
umso schlechter die Prognose. Dies auch, da oft mit den "Anfällen" ein sonst
nicht als legitim empfundener Wunsch nach Zuwendung geäußert wird und übliche
Kommunikationswege hier versperrt erscheinen. Bei Kindern ist die Prognose
besser als bei Erwachsenen. Generell hängt die Prognose von der zu Grunde
liegenden psychischen Störung ab, diese muss behandelt werden. Bei häufigen
psychogenen Anfällen ist die Prognose dahingehend, dass die Anfälle an sich
gebessert werden, auch unter Behandlung als mäßig zu bezeichnen. Eine Besserung
ist aber mit psychiatrisch- psychotherapeutischer Behandlung unter Einbeziehung
der Bezugspersonen deutlich besser als ohne Behandlung. Eine spezielle
Behandlung psychogener Anfälle gibt es nicht, hier muss man sich ganz
individuell nach der ursächlichen Störung richten. Spezielle Medikamente gibt es
ebenfalls nicht. Wenn gesichert "nur" psychogene Anfälle vorliegen, sollte auf
keinen Fall ein Medikament gegen Epilepsie verordnet werden. Wenn die
Anfälle vom Fachmann gesichert als psychogen eingeordnet sind, sollten
Angehörige und Betreuungspersonen die Anfälle selbst möglichst wenig beachten,
auch wenig darüber sprechen. Sie sollten aber umgekehrt versuchen die
Kommunikation in anderen Bereichen zu verbessern und ggf. diesbezüglich auch
Hilfe suchen.
Im Vergleich zu Patienten mit einer Epilepsie leiden Patienten mit
psychogenen Anfällen oft sogar mehr. Sie meist eine schlechtere Lebensqualität.
Die Anfälle sind hier oft Ausdruck von Hilflosigkeit. Eine Studie bestätigte die
niedrigere Lebensqualität sogar als Indikator vor die Diagnose psychogener
nicht-epileptischer Anfälle. Die Einbußen an Lebensqualität beruhen oft auf
Depressionen, Niedergeschlagenheit sowie unerwünschten Wirkungen von oft nicht
indizierten Medikamenten.
-
Etudes cliniques sur l'hystéro-épilepsie, ou Grande hystérie. Précédé d'une
lettre-pref.de J.-M. Charcot 1881
- Smith PEM, Saunders J, Dawson A, Kerr MP. Intractable
seizures in pregnancy. Lancet 1999; 354: 1522.
- Barry JJ, Atzman O, Morell MJ. Discriminating between
epileptic and nonepileptic events: the utility of hypnotic seizure induction.
Epilepsia 2000; 41: 81-84
- Devinsky O. Patients with refractory seizures. N Engl J
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Benigner
Schlafmyoklonus der Kleinkinder.
Tritt vom ersten Lebenstag bis zum Alter von 3 Jahren auf. Dabei treten
im Schlaf oder bei Eindösen rhythmische myoklonische Zuckungen auf, die
Zuckungen hören nach dem Wecken oder Erwachen sofort auf, während der Myoklonien
(und auch sonst) haben die Kinder ein normales EEG. Das Phänomen tritt in allen
Schlafstadien auf. Eine Verwechslung mit einer Epilepsie soll nicht selten sein.
Es beginnen auch viele Epilepsien im ersten Lebensjahr, entscheidend ist also ob
die Myoklonien ausschließlich im Schlaf auftreten und beim Wecken verschwinden
und das unauff. altersgemäße EEG. Der Verlauf ist gutartig mit spontanem
Verschwinden mit dem Älterwerden.
Blennow G.,
Watanabe K.
Resnick TJ, Moshe SL, Perotta L, Chambers HJ.Joseph Egger, Gabriele
Grossmann, and Ian A Auchterlonie Lesson of the
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