Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Epilepsie Historisches

Der Begriff Epilepsie stammt aus dem Griechischen, von Epilambanein und bedeutet ergriffen, überwältigt werden. Bereits in der Ayurvedischen Indischen Medizin (4500-1500 vor Chr.) gibt es in der 400 v. Chr. erschienenen Charaka Samhita eine ausführliche Beschreibung epileptischer Anfälle. "Apasmara" = Bewusstseinsverlust wird dort detailliert mit verschiedenen Symptomen und Syndromen beschrieben. (Der Begriff Ayurveda stammt aus dem Sanskrit und bedeutet "Wissen vom Leben") Die Krankheit wird dort auf übernatürliche Kräfte in der Regel die Besessenheit von einem bösen Geist zurückgeführt. Entsprechend war die Behandlung spiritueller Natur. Auch heute noch werden in manchen ländlichen Regionen Indiens Epilepsiekranke an Bäume gebunden, ausgehungert und geschlagen, es werden ihnen dann Teile des Haupthaares abgeschnitten und Zitronensaft wird auf ihren Kopf geträufelt. All dies in dem Bemühen sie von dem bösen Geist zu befreien. Ayurvedischen Indische Medizin ist auch bei uns wieder "IN" , zur Epilepsiebehandlung kann sie nur wenig erfreuliches in unserer Zeit beitragen. Sie bleibt einzig historisch interessant. 

Auch  40 Babylonische Tafeln die bis 2000 v. Chr zurückreichen beschreiben recht genau die Anfallstypen wie wir sie heute kennen. "Seleniazetai" wurden Menschen mit einer Epilepsie dort genannt, da man davon ausging, dass sie von den Mondphasen und besonders dem Mondgott Selen beeinflusst wurden. Hier entstand auch die Auffassung dass Epilepsie etwas mit Mondsüchtigkeit zu tun habe. Diese Babylonischen Beschreibungen waren die Vorläufer griechischer Beschreibungen die von einer heiligen Krankheit. Erst  Hippokrates (im 5. Jahrhundert vor Chr.) erkannte in der Epilepsie eine Erkrankung des Gehirns und empfahl auch körperliche Behandlungen. Dennoch setzte sich diese Sichtweise der Epilepsie erst im 18. und 19. Jahrhundert durch,  in Vorurteilen leben die alten Auffassungen noch weiter. Schon bei den alten Griechen und Römer wurde allerdings auch Krankheit als Folge von Fehlverhalten gesehen, aus dieser Sichtweise entstand auch die Christliche Annahme, dass moralische Verfehlungen oder eben die Besessenheit vom Teufel Grundlage von Erkrankungen sei. Medical Misconceptions.  "Mit der sogenannten heiligen Krankheit verhält es sich folgendermaßen: sie ist nach meiner Ansicht keineswegs göttlicher oder heiliger als die anderen, sondern wie die anderen Krankheiten so hat auch sie eine natürliche Ursache, aus der sie entsteht.  Ich meine nun: diejenigen, die zuerst die Krankheit für heilig erklärt haben, waren Menschen, wie sie auch jetzt noch als Zauberer, Entsühner, Bettelpriester und Schwindler herumlaufen und  beanspruchen, äußerst gottesfürchtig zu sein und mehr als andere zu wissen. Diese Menschen nahmen die göttliche Macht als Deckmantel ihrer Ratlosigkeit, weil sie nicht wußten, wie sie den Kranken helfen sollten; und damit ihre Unwissenheit nicht offenbar würde, brachten sie auf, daß diese Krankheit heilig sei. Schuld an diesem Leiden ist das Gehirn, wie auch an den wichtigsten Krankheiten sonst. Wenn der Abfluß des Schleims vom Gehirn seinen Weg zum Herzen nimmt, ergreift den Kranken Herzklopfen und Atemnot,
er wird engbrüstig, manche werden sogar bucklig. Hippokratische Schrift (Anfang 4. Jh. v. Chr.): Die Heilige Krankheit. In: Hippokrates: Schriften. Hans Diller eds.: Hamburg, 1962; S. 134 beziehungsweise 140. Zitat nach Deutsches Ärzteblatt Jg. 101, Heft 1-2, 5. Januar 2004

Das neue Testament:

Lukas 9,37 "Als sie am folgenden Tag den Berg hinabstiegen, kam ihnen eine große Menschenmenge entgegen. Da schrie ein Mann aus der Menge: Meister ich bitte dich, hilf meinem Sohn! Es ist mein einziger. Er ist von einem Geist besessen; plötzlich schreit er auf, wird hin und hergezerrt, und Schaum tritt ihm vor den Mund, und der Geist quält ihn fast unaufhörlich. Ich habe schon deine Jünger gebeten ihn auszutreiben, aber sie konnten es nicht. Da sagte Jesus: o du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen. Bring deinen Sohn her. Als der Sohn herkam warf der Geist ihn zu Boden und zerrte ihn hin und her. Jesus aber drohte dem unreinen Geist, heilte den Jungen und gab ihn seinem Vater zurück.  Und alle gerieten außer sich über die Macht und Größe Gottes." 
Dies war mit eine Grundlage für noch nicht ganz ausgestorbene Teufelsaustreibungen wie auch für Vorurteile gegen Betroffene. 

Im Mittelalter war der heilige Valentin der Schutzpatron der Epilepsie. Städte die er besucht hatte wurden Pilgerstädte für Menschen mit Epilepsie in der Hoffnung auf Heilung. Rom und Terni (wo Valentin Bischoff war), Ruffach (in Frankreich wo später eine Hospital für Epilepsiekranke gebaut wurde), Poppel in Belgien, und Passau in Deutschland waren solche Pilgerstädte. Über Jahrhunderte wurden Menschen mit Epilepsie mit Furcht und Misstrauen gesehen, zu kaum einer Erkrankung gab es so viele Vorurteile. Sie wurden ausgestoßen und bestraft. 1374 soll in Aachen der Tanzwahn des Mittelalters begonnen haben und in weite Teile Europas verbreitet worden sein. In Deutschland wurde das Phänomen zuerst "St. Johannestanz" genannt. Johannes der Täufer war der Schutzpatron gegen Epilepsie und andere Bewegungsstörungen. Die "Tanzepidemie" erhielt diesen Namen in der Hoffnung auf Heilung von dieser Krankheit. Angst vor der Pest soll diese Bewegung sich zu einer zeitweisen Massenhysterie ausgebreitet haben. Schützen sollte er auch vor Epilepsie und anderen Bewegungsstörungen, die als Ausdruck einer Besessenheit vom Teufel angesehen wurden. Der Tanz wurde später in St. Vitus- Tanz umbeannt, St. Vitus soll durch sein Gebet einen Jungen von der "Tanzpest" befreit haben.

Dennoch gab es auch in allen Epochen berühmte Menschen mit einer Epilepsie. Julius Caesar,  der Zar Peter der Große, Papst Pius IX,  Fedor Dostoevsky und Lord Byron litten unter einer Epilepsie- (Mehr Information über berühmte Menschen mit einer Epilepsie unter http://www.epilepsiemuseum.de . 1873 fand erstmals der Londoner Neurologe Hughlings Jackson heraus, dass Anfälle die Folge von plötzlichen kurzen elektrischen Entladungen im Gehirn sind. Er fand auch heraus, dass die Art der Anfälle vom Ort der Schädigung im Gehirn abhängt und vor allem auch von der Funktion dieses Ortes in der Hirnrinde. Als  Hans Berger in den 20er Jahren das EEG erfand, konnten diese elektrischen Entladungen im Anfall erstmals dargestellt werden und ab den 30er Jahren revolutionierte das EEG die Epilepsiediagnostik. Weiterentwicklungen spielen auch in der Vorbereitung epilepsiechirurgischer Behandlungen heutzutage noch eine sehr große Rolle.  Moderne bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie, PET, SPECT, MEG; MRS ermöglichen oft und ohne wesentliche Belastung für den Patienten die Hirnschädigung, die bei den erworbenen Fällen ursächlich ist, darzustellen.  Behandlungen mit Brom (ab 1857) und später Phenobarbital (ab 1912) waren die ersten wirksamen Behandlungen der Epilepsie Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts. Inzwischen kann man mit Medikamenten 70-80% der Patienten mit einer Epilepsie anfallsfrei bekommen. Durch moderne Operationstechniken, kann man vielen Menschen helfen, die auf die Medikamente nicht ansprechen. Moderne Behandlungs- und Diagnosemethoden sind bisher nur den Menschen in den reichen Ländern zugänglich. In Entwicklungsländern mangelt es oft noch selbst an den billigsten Medikamenten wie Phenobarbital (5$ pro Jahr Behandlungskosten).

Epilepsien sind organische oder Gehirnerkrankungen. Die Kranken sind nicht geisteskrank. Epilepsie mindert nicht die Intelligenz. Auch eine Vielzahl berühmter und sehr leistungsfähiger Menschen litt unter epileptischen Anfällen z.B.: Julius Cäsar, Napoleon Bonaparte, George F. Händel, Vincent van Gogh, Fyodor Dostoevski, Pius IX, Peter der Große, Lord Byron, Helmholtz, usw.

Von den 50 Millionen Menschen auf der Welt, die an einer Epilepsie leiden, werden 35 Millionen immer noch nicht behandelt. Wenn man die Menschen mitrechnet, bei denen die Epilepsie ausgeheilt ist, gibt es 100 Millionen Betroffene.  85% der Epilepsiekranken leben in Entwicklungsländern. Grund sind immer noch Vorurteile vor allem in Entwicklungsländern, in denen die Krankheit von Betroffenen und Angehörigen oft noch als Fluch oder Besessenheit und nicht als Krankheit gesehen wird. Die WHO bemüht sich hier in großen Kampagnen um Abhilfe. 

  • In mindestens 50% der Fälle beginnt die Erkrankung in der Kindheit und Jugend.
  • 70% bis 80% der Betroffenen könnten eine normales Leben leben, wenn sie adäquat behandelt würden. 
  • In Entwicklungsländern erhalten 60% bis 90% der Menschen mit einer Epilepsie keine adäquate Behandlung, dies überwiegend wegen Vorurteilen aber auch wegen Geldmangel. Dabei könnte bereits für 5$ pro Jahr ein Kranker in einem Entwicklungsland medikamentös behandelt werden. 
  • In Entwicklungsländern ist Epilepsie etwa doppelt so häufig wie bei uns. Schuld ist die schlechte Behandlung und nicht selten auch Infektionskrankheiten (Neurocysticcose, Meningitis, Malaria usw.) und Unterernährung als Ursachen.
  • Epilepsie kann zu tiefgreifenden sozialen, körperlichen und psychologischen Folgen führen. 

Beispiele für Vorurteile aus einem fact sheet der WHO:

  • In Cameroon glaubt man, dass Menschen mit einer Epilepsie vom Teufel besessen sind. Sie werden deshalb nicht unbedingt als schlecht gesehen, sondern als von dieser bösen Macht besessen, und der Teufel greift ab und zu Besitz von ihnen und verursacht dann die Anfälle.  
  • In Indonesien, wird Epilepsie oft als eine Bestrafung durch unbekannte dunkle Mächte gesehen. 
  • In Liberia, und anderen Afrikanischen Ländern sieht man oft eine Verbindung von Epilepsie und Hexerei oder damit zusammenhängende böse Geister 
  • In Nepal, wird Epilepsie als Schwäche oder Besessenheit von einem bösen Geist oder auch eine Reaktion auf rote Farben gesehen.
  • In Swaziland, sehen viele traditionelle Heiler in der Epilepsie Hexerei.
  • In Uganda, wie in vielen anderen Ländern wird Epilepsie als ansteckend angesehen, den Kranken wird deshalb oft der Zugang zum dörflichen Kochtopf verweigert, da man befürchtet, dass man sich an ihrem Speichel anstecken könnte. 

Wer nun glaubt man sei von solchen Vorurteilen und mittelalterlichen Verhältnissen bei uns Jahrhunderte entfernt, der sollte nicht nur an die Euthanasie im Naziregime denken sondern sich auch bewußt machen, dass es noch 1970 in England für Menschen mit einer Epilepsie verboten war zu heiraten, und noch bis 1980 manche Staaten der USA dies ebenfalls als Grund für ein Verbot einer Heirat sahen. 18 Bundesstaaten der USA erlaubten noch bis 1956 eine eugenische Sterilisation für Menschen mit einer Epilepsie. Bis in die 70er Jahre war es legal in den USA Menschen mit einer Epilepsie den Zugang zu  Restaurants, Theatern, Freizeiteinrichtungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen oder Gebäuden zu untersagen. 

Eine Untersuchung über die Darstellung der Epilepsie im Film der letzten 75 Jahre kommt zu dem Ergebnis: Männliche Rollen, die Menschen mit einer idiopathischen Epilepsie darstellen, tendieren dazu diese Menschen als verrückt, schlecht und meist gefährlich darzustellen. Wenn es um Rollen geht, bei denen die Epilepsie durch ein Trauma entstanden ist, werden die Männer meist als triumphierende Helden dargestellt. Frauen mit einer Epilepsie werden meist als sehr verletzlich dargestellt. Auch Film und Fernsehen tragen weiter zur Verbreitung von Vorurteilen bei Epilepsie bei. Lancet Neurol 2003; 2: 764-70

 

 

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