
Der Normale Bewegungsschwindel auch Kinetose
=
Seekrankheit, Flugkrankheit, oder Reisekrankheit
orientiert an (4)
Der Fachausdruck Kinetose leitet sich vom vom griechischen
Wort für „bewegen" „kinein"ab. Unter dem Oberbegriff Kinetosen werden die
Seekrankheit, die Flugkrankheit, die Reisekrankheit (Auto- bzw. Bahnreisen) und
in neuerer Zeit auch die space motion sickness zusammengefaßt. Die Symptome
gibt es bei den meisten Säugetieren, manchen Vögeln und sogar bei Fischen
wurden sie beobachtet. Säuglinge leiden noch nicht unter Bewegungsschwindel da
die Gleichgewichtbahnen noch nicht ausreichend entwickelt sind. Am
häufigsten ist der Bewegungsschwindel zwischen dem 2. und 12. Lebensjahr.
Nach dem 50. Lebensjahr wird der Bewegungsschwindel selten, da die Sinnesorgane im Rahmen des Alterungsprozesses degenerieren. Frauen sind anfälliger
als Männer, besonders zu Beginn der Menstruation und während der
Schwangerschaft, was für einen gewissen hormonellen Einfluss spricht.
Ängstliche Menschen sind häufiger betroffen. Dies möglicherweise weil sie
sich weniger solchen Situationen aussetzen und deshalb die Anpassungsmechanismen
weniger trainiert werden. Vermutlich spielt aber die Erwartungshaltung in der
Situation ein große Rolle. Hierfür spricht auch die erstaunlich große Zahl
von Menschen bei denen ein Plazebo den Bewegungsschwindel bessert. Auch
Menschen mit Migräne neigen vermehrt zur Reisekrankheit. (1-3)
Die etwas betagteren Menschen erinnern sich alle an die Zeiten als noch jedem
zweiten beim Autofahren schwindlig und übel wurde. Damals war der Besitz eines
motorisierten Fahrzeug noch ein Luxus; den sich nur wenige leisten konnten.
Entsprechend bestand bei den meisten keine Gewöhnung an diese Art der
Fortbewegung. Die sensibeln Nerven und Rezeptoren in den Muskeln melden beim
Autofahren, dass der Mensch stillsitzt. Die Augen sehen die vorbeiziehende
Umgebung melden also schnelle Fortbewegung. Das Gleichgewichtsorgan gibt je nach
Kurven, Beschleunigung und Steigung der Strecke Meldungen, die nicht unbedingt
mit den vorgenannten Meldungen der anderen Sinnesorgane übereinstimmen. Für
den, der sich an diese Art der Fortbewegung nicht angepasst hat, kommen also in
den Gleichgewichtszentren des Gehirns ganz widersprüchliche Meldungen an.
Dieses nicht Zusammenpassen der unterschiedlichen Meldungen an das Gehirn löst
den Schwindel und die Übelkeit aus. Dieser Schwindel ist also eine Reaktion auf Beschleunigungsreize,
an die der betreffende Mensch noch keine Anpassungsmechanismen entwickelt
hat. Allen Kinetosen liegt
letztendlich ein Konflikt zwischen 2 oder mehreren nicht zusammenpassenden Sinneseindrücken zugrunde.
Der
Begriff Kinetose (oder des Bewegungsschwindels) bezieht sich auf einen Symptomenkomplex, der durch verschiedene
Beschleunigungsreize ausgelöst werden kann, für die noch keine
Anpassungsmechanismen entwickelt wurden oder das Individuum überfordert ist
solche zu entwickeln. Es handelt sich dabei also nicht um eine Krankheit, obwohl
die Symptome, die durch See-, Flug- und Autoreisen ausgelöst
werden, oft als Krankheit bezeichnet werden, sondern um eine ganz normale (und
eigentlich sinnvolle) Reaktion. Bewegungsschwindel setzt ein einigermaßen
intaktes Gleichgewichtsorgan voraus, ist also eher ein Zeichen von Gesundheit
des Gleichgewichtsorgans. Selbst das Erbrechen erscheint sinnvoll, da durch die
Magenentleerung der Blutfluss im Magendarmtrakt vermindert und somit dem
Gehirn und den Muskeln im Rahmen eines Streßreflexes vermehrt Blut zur Verfügung
gestellt wird. Die Kinetose kann also auch als Warnsignal angesehen werden, das
dem Körper die Notwendigkeit anzeigt, sich aus einer bedrohlichen Situation
rechtzeitig zurückzuziehen. Etwa 5–10% aller Menschen sind sehr empfindlich
und 5–15% unempfindlich gegenüber Bewegungsschwindel. Dabei scheinen
psychische Faktoren eine gewisse Rolle zu spielen. Die Plazebowirksamkeit ist
bei Menschen mit Bewegungsschwindel in großen Studien relativ hoch (45%).
Während der Entwicklungsgeschichte hat sich das Sinnessystem des Menschen an das Zusammenspiel der
Reize aus dem Gleichgewichtsorgan, den Reizen der sensibeln Nerven und
Rezeptoren in den Muskeln und der Sehreize angepasst. Ohne dieses Zusammenspiel
wäre eine Fortbewegung in aufrechter Körperhaltung nicht möglich. Wenn wir
uns willentlich fortbewegen aktivieren kontrollierende Zentren im Gehirn die
Bewegung, es resultiert eine Körperbewegung mit anschließender Stimulation der
Sinnesorgane. Diese Information wird dann im Zentralnervensystem in Signale
integriert die die wahrgenommene Körperhaltung in Relation zur Schwerkraft und
Bewegung melden. Es wird ein gehirninternes Modell angenommen das die
Körperbewegungen in ihrer Dynamik genau kennt und bei der Kontrolle der
Bewegungen eine wesentliche Rolle spielt. Schon bei der Planung einer Bewegung
werden die daraus resultierenden (und erwarteten) Informationen der Sinnesorgane
vorausberechnet. Passive Bewegung bei Benutzung eines Fahrzeugs setzt wenn sie
beschwerdefrei ablaufen soll, ein ähnliches gehirninternes Modell voraus.
Wenn die Bewegung vorhergesehen werden kann (z.B.: wenn man neben dem Fahrer
sitzt oder selbst fährt und die Straße vor sich sieht) wird ein
ähnliches gehirninternes Modell der Bewegung sich vorausschauend auf die
Änderung der Körperposition einstellen können. Unterschiede zwischen
erwarteter und wahrgenommener Information sind dann ein Feedback das das
System verbessert. Bei großen Differenzen kann es aber zu einer momentanen
Überforderung und damit zur Reisekrankheit kommen.
Vor allem ungewohnten Bewegungsreizen ausgesetzt bestehen jedoch individuelle Schwierigkeiten in der
Verarbeitung der Reize im Gehirn. Dadurch kommt es zu einem Datenkonflikt (Inputkonflikt) –
definitionsgemäß ausgelöst durch Bewegungsreize –, der die
Bewegungsschwindelsymptomatik (Output) entfacht.
Die Hauptsymptome der Kinetosen sind
Übelkeit, Schwindel, Erbrechen, Mattigkeit, Hyperventilation, Schweißausbrüche
sowie Herzklopfen. (Vergleiche die Ähnlichkeit zu
Angstsymptomen) Schlimmes Erbrechen kann sogar im Extremfall zu gefährlichem
Flüssigkeits- und Salzmangel im Körper führen. Kaltschweißigkeit kann bereits nach 1–2 min
auftreten und stellt somit auch ein Frühsymptom dar. Die
Gesichtsfarbe kann von fahler Blässe bis zu einer grünlichen Verfärbung
reichen. Bei besonders anfälligen Personen und lange fortgesetzten
Bewegungsreizen kann es schließlich zum Kreislaufkollaps kommen. In der
harmlosesten Form tritt wiederholtes zwanghaftes Gähnen, Müdigkeit,
Schläfrigkeit, Zwangsschlucken,
Abgeschlagenheit, geistige Leere, Kopfschmerzen, Arbeitsunlust, Desinteresse bis hin zur
Lethargie auf.
Bei allen Schwindelkrankheiten spielt die
Erwartungshaltung eine große Rolle. Nicht ganz selten scheinen
klassische Konditionierungen bei der Entstehung des Schwindels eine Rolle zu
spielen. Früher wurde von vielen Menschen die Entstehung bei der Autofahrt mit
dem Geruch des Autos oder dem Benzingeruch in Verbindung gebracht. Es ist
wahrscheinlich, dass sich bei diesen Menschen tatsächlich Konditionierungen
entwickelt haben, die bereits bei Wahrnehmung des Geruchs die
Bewegungsschwindelsymptome ausgelöst haben. Es soll Menschen geben die bereits beim Anblick eines Schiffes an den Symptomen der Seekrankheit
leiden. Menschen denen in einer Achterbahn schlecht wird, sollen auch bei einem
Film über eine Achterbahnfahrt ähnliche Symptome entwickeln, diese sollen nicht
auftreten, wenn der Film rückwärts angesehen wird und so die Erinnerungsreize
so verfälscht sind, dass der bedingte Reflex über die Erinnerung nicht mehr
ausgelöst wird. Auch bei Hunden soll man, wenn man durch Schaukeln einen
Bewegungsschwindel mehrfach ausgelöst hat, die Symptome bis hin zum Erbrechen
bereits beim Anblick der Schaukel auslösen können. Im eigentlichen Sinn
handelt es sich dann nicht mehr um einen Bewegungsschwindel oder eine Kinetose.
Unter Pseudokinetosen versteht man die
einem Bewegungsschwindel ähnlichen Symptome, die nur durch Sehreize ausgelöst
werden, z.B.: in
Erlebniskinos, Flug- bzw. Fahrzeugsimulatoren,
Computerspielen usw. Auch diese Pseudokinetosen treten nur bei intaktem
Gleichgewichtsorgan auf. Dies obwohl das Gleichgewichtsorgan eigentlich beim
reinen Sehen nicht beansprucht wird. Bei Fehlen des Gleichgewichtsorgans werden
auch in dieser Situation die entsprechenden Zentren im Gehirn nicht
aktiviert.
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