Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

    Suche  Inhaltsverzeichnis  Glossar: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y

      home-brt.gif (1287 Byte)

Weiter Zurück

Search our Site:

sitemap

Der Normale Bewegungsschwindel auch Kinetose = Seekrankheit, Flugkrankheit, oder Reisekrankheit

 

orientiert an (4)

Der Fachausdruck  Kinetose leitet sich vom vom griechischen Wort für „bewegen" „kinein"ab. Unter dem Oberbegriff Kinetosen werden die Seekrankheit, die Flugkrankheit, die Reisekrankheit (Auto- bzw. Bahnreisen) und in neuerer Zeit auch die space motion sickness zusammengefaßt. Die Symptome gibt es bei den meisten Säugetieren, manchen Vögeln und sogar bei Fischen wurden sie beobachtet. Säuglinge leiden noch nicht unter Bewegungsschwindel da die Gleichgewichtbahnen noch nicht ausreichend entwickelt sind.  Am häufigsten ist der Bewegungsschwindel zwischen dem 2. und 12. Lebensjahr. Nach dem 50. Lebensjahr wird der Bewegungsschwindel selten, da die Sinnesorgane im Rahmen des Alterungsprozesses degenerieren. Frauen sind anfälliger als Männer, besonders zu Beginn der Menstruation und während der Schwangerschaft, was für einen gewissen hormonellen Einfluss spricht. Ängstliche Menschen sind häufiger betroffen. Dies möglicherweise weil sie sich weniger solchen Situationen aussetzen und deshalb die Anpassungsmechanismen weniger trainiert werden. Vermutlich spielt aber die Erwartungshaltung in der Situation ein große Rolle. Hierfür spricht auch die erstaunlich große Zahl von Menschen bei denen ein Plazebo den Bewegungsschwindel bessert. Auch Menschen mit Migräne neigen vermehrt zur Reisekrankheit. (1-3)

Die etwas betagteren Menschen erinnern sich alle an die Zeiten als noch jedem zweiten beim Autofahren schwindlig und übel wurde. Damals war der Besitz eines motorisierten Fahrzeug noch ein Luxus; den sich nur wenige leisten konnten. Entsprechend bestand bei den meisten keine Gewöhnung an diese Art der Fortbewegung. Die sensibeln Nerven und Rezeptoren in den Muskeln melden beim Autofahren, dass der Mensch stillsitzt. Die Augen sehen die vorbeiziehende Umgebung melden also schnelle Fortbewegung. Das Gleichgewichtsorgan gibt je nach Kurven, Beschleunigung und Steigung der Strecke Meldungen, die nicht unbedingt mit den vorgenannten Meldungen der anderen Sinnesorgane übereinstimmen. Für den, der sich an diese Art der Fortbewegung nicht angepasst hat, kommen also in den Gleichgewichtszentren des Gehirns ganz widersprüchliche Meldungen an. Dieses nicht Zusammenpassen der unterschiedlichen Meldungen an das Gehirn löst den Schwindel und die Übelkeit aus. Dieser Schwindel ist also eine Reaktion auf Beschleunigungsreize, an die der betreffende Mensch noch keine Anpassungsmechanismen entwickelt hat.  Allen Kinetosen liegt letztendlich ein Konflikt zwischen 2 oder mehreren nicht zusammenpassenden Sinneseindrücken zugrunde. Der Begriff Kinetose (oder des Bewegungsschwindels) bezieht sich auf einen Symptomenkomplex, der durch verschiedene Beschleunigungsreize ausgelöst werden kann, für die noch keine Anpassungsmechanismen entwickelt wurden oder das Individuum überfordert ist solche zu entwickeln. Es handelt sich dabei also nicht um eine Krankheit, obwohl die Symptome, die durch See-, Flug- und Autoreisen ausgelöst werden, oft als Krankheit bezeichnet werden, sondern um eine ganz normale (und eigentlich sinnvolle) Reaktion. Bewegungsschwindel setzt ein einigermaßen intaktes Gleichgewichtsorgan voraus, ist also eher ein Zeichen von Gesundheit des Gleichgewichtsorgans.  Selbst das Erbrechen erscheint sinnvoll, da durch die Magenentleerung der Blutfluss im Magendarmtrakt vermindert und somit dem Gehirn und den Muskeln im Rahmen eines Streßreflexes vermehrt Blut zur Verfügung gestellt wird. Die Kinetose kann also auch als Warnsignal angesehen werden, das dem Körper die Notwendigkeit anzeigt, sich aus einer bedrohlichen Situation rechtzeitig zurückzuziehen.  Etwa 5–10% aller Menschen sind sehr empfindlich und 5–15% unempfindlich gegenüber Bewegungsschwindel. Dabei scheinen psychische Faktoren eine gewisse Rolle zu spielen. Die Plazebowirksamkeit ist bei Menschen mit Bewegungsschwindel in großen Studien relativ hoch (45%). 

Während der Entwicklungsgeschichte hat sich das Sinnessystem des Menschen an das Zusammenspiel der Reize aus dem Gleichgewichtsorgan, den Reizen der sensibeln Nerven und Rezeptoren in den Muskeln und der Sehreize angepasst.  Ohne dieses  Zusammenspiel wäre eine Fortbewegung in aufrechter Körperhaltung nicht möglich. Wenn wir uns willentlich fortbewegen aktivieren kontrollierende Zentren im Gehirn die Bewegung, es resultiert eine Körperbewegung mit anschließender Stimulation der Sinnesorgane. Diese Information wird dann im Zentralnervensystem in Signale integriert die die wahrgenommene Körperhaltung in Relation zur Schwerkraft und Bewegung melden.  Es wird ein gehirninternes Modell angenommen das die Körperbewegungen in ihrer Dynamik genau kennt und bei der Kontrolle der Bewegungen eine wesentliche Rolle spielt. Schon bei der Planung einer Bewegung werden die daraus resultierenden (und erwarteten) Informationen der Sinnesorgane vorausberechnet. Passive Bewegung bei Benutzung eines Fahrzeugs setzt wenn sie beschwerdefrei ablaufen soll, ein ähnliches  gehirninternes Modell voraus. Wenn die Bewegung vorhergesehen werden kann (z.B.: wenn man neben dem Fahrer sitzt oder selbst fährt und die Straße vor sich sieht) wird ein ähnliches  gehirninternes Modell der Bewegung sich vorausschauend auf die Änderung der Körperposition einstellen können. Unterschiede zwischen erwarteter und wahrgenommener Information sind dann ein  Feedback das das System verbessert. Bei großen Differenzen kann es aber zu einer momentanen Überforderung und damit zur Reisekrankheit kommen. 

Vor allem ungewohnten Bewegungsreizen ausgesetzt bestehen jedoch individuelle Schwierigkeiten in der Verarbeitung der Reize im Gehirn. Dadurch kommt es zu einem Datenkonflikt (Inputkonflikt) – definitionsgemäß ausgelöst durch Bewegungsreize –, der die Bewegungsschwindelsymptomatik (Output) entfacht.  

Die Hauptsymptome der Kinetosen sind Übelkeit, Schwindel, Erbrechen, Mattigkeit, Hyperventilation, Schweißausbrüche sowie Herzklopfen. (Vergleiche die Ähnlichkeit zu Angstsymptomen) Schlimmes Erbrechen kann sogar im Extremfall zu gefährlichem Flüssigkeits- und Salzmangel im Körper führen.  Kaltschweißigkeit kann bereits nach 1–2 min auftreten und stellt somit auch ein Frühsymptom dar. Die Gesichtsfarbe kann von fahler Blässe bis zu einer grünlichen Verfärbung reichen. Bei besonders anfälligen Personen und lange fortgesetzten Bewegungsreizen kann es schließlich zum Kreislaufkollaps kommen. In der harmlosesten Form tritt wiederholtes zwanghaftes Gähnen, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Zwangsschlucken, Abgeschlagenheit, geistige Leere, Kopfschmerzen, Arbeitsunlust, Desinteresse bis hin zur Lethargie auf. 

Bei allen Schwindelkrankheiten spielt die Erwartungshaltung eine große Rolle. Nicht ganz selten scheinen klassische Konditionierungen bei der Entstehung des Schwindels eine Rolle zu spielen. Früher wurde von vielen Menschen die Entstehung bei der Autofahrt mit dem Geruch des Autos oder dem Benzingeruch in Verbindung gebracht. Es ist wahrscheinlich, dass sich bei diesen Menschen tatsächlich Konditionierungen entwickelt haben, die bereits bei Wahrnehmung des Geruchs die Bewegungsschwindelsymptome ausgelöst haben. Es soll Menschen geben die bereits beim Anblick eines Schiffes an den Symptomen der Seekrankheit leiden. Menschen denen in einer Achterbahn schlecht wird, sollen auch bei einem Film über eine Achterbahnfahrt ähnliche Symptome entwickeln, diese sollen nicht auftreten, wenn der Film rückwärts angesehen wird und so die Erinnerungsreize so verfälscht sind, dass der bedingte Reflex über die Erinnerung nicht mehr ausgelöst wird.  Auch bei Hunden soll man, wenn man durch Schaukeln einen Bewegungsschwindel mehrfach ausgelöst hat, die Symptome bis hin zum Erbrechen bereits beim Anblick der Schaukel auslösen können. Im eigentlichen Sinn handelt es sich dann nicht mehr um einen Bewegungsschwindel oder eine Kinetose.

Unter Pseudokinetosen versteht man die einem Bewegungsschwindel ähnlichen Symptome, die nur durch Sehreize ausgelöst werden, z.B.:  in Erlebniskinos, Flug- bzw. Fahrzeugsimulatoren, Computerspielen usw. Auch diese Pseudokinetosen treten nur bei intaktem Gleichgewichtsorgan auf. Dies obwohl das Gleichgewichtsorgan eigentlich beim reinen Sehen nicht beansprucht wird. Bei Fehlen des Gleichgewichtsorgans werden auch in dieser Situation die entsprechenden Zentren im Gehirn nicht aktiviert. 

 

  1. Jan MMS. History of motion sickness is predictive of childhood migraine. J Paediatr Child Health 1998;34:483-484.  
  2. Grunfeld EA, Price C, Goadsby PJ, Gresty MA. Motion sickness, migraine, and menstruation in mariners. Lancet 1998;351:1106  
  3. Grunfeld E, Gresty MA. Relationship between motion sickness, migraine and menstruation in crew members of a ‘round the world’ yacht race. Brain Res Bull 1998;47:433-436
  4.  F. Schmäl · W. Stoll, Kinetosen, HNO 2000 · 48:346–356  Springer-Verlag (deutscher Fachartikel, der die Zusammenhänge ausführlich für Ärzte beschreibt.
  5. Balaban CD. Vestibular autonomic regulation (including motion sickness and the mechanism of vomiting). Curr Opin Neurol 1999;12:29-33.[18]  
  6. Bos JE, Bles W. Modelling motion sickness and subjective vertical mismatch detailed for vertical motions. Brain Res Bull 1998;47:537-542.[13]  
  7. Brandt T. Vertigo - Its multisensory syndromes. 2nd edition. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag. 1999; [15]  
  8. Lu ZL, Lesmes LA, Sperling G. The mechanism of isoluminant chromatic motion perception. Proc Natl Acad Sci U S A 1999;96:8289-8294.  
  9. Quarck G, Etard O, Darlot C, Denise P. Motion sickness susceptibility correlates with otolith- and canal-ocular reflexes. Neuroreport 1998;9:2253-2256.  
  10. Stanney KM, Kennedy RS, Drexler JM, Harm DL. Motion sickness and proprioceptive aftereffects following virtual environment exposure. Appl Ergon 1999;30:27-38.[8]  
  11. Yates BJ, Miller AD, Lucot JB. Physiological basis and pharmacology of motion sickness - An update. Brain Res Bull 1998;47:395-406.[17]

 

Häufigkeiten verschiedener Schwindel-Syndrome

Schwindel als erstes Symptom eines drohenden Schlaganfalles

gutartiger  Lagerungsschwindel

paroxysmaler Schwindel

Neuronitis vestibularis

Akustikus- Neurinom 

Morbus Menière

Episodische Ataxien

Vestibuläre Epilepsie

Merkregeln:
 Anatomie und Physiologie beim Schwindel Medikamente die Schwindel auslösen
Synkopen oder Ohnmachten Stürze im Alter

Zur Startseite Anschrift des Verfassers: (Praxisadresse)
Feedback: Karl C. Mayer
Gästebuch Bergheimerstraße 56a
E-Mail 69115 Heidelberg