Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Außenseitermethoden

Das britische Fachmagazin „Nature“ stellt Tierversuche vor, denen zufolge Haschisch über bestimmte Rezeptoren gegen den typischen Tremor (Zittern) und die Spasmen (Muskelverkrampfungen) wirkt. Beides gehört zu den schwer kontrollierbaren Störungen, die auch bei Mäusen mit künstlich ausgelöster MS auftreten. Allerdings muß bedacht werden, daß Haschisch nicht nur verboten ist, sondern auch   psychiatrische Nebenwirkungen haben kann (Psychosen, amotivationales Syndrom)   Eine Zusammenfassung zur Diskussion um Marijuana und Medizin (mit eher posiver Bilanz) findet sich in Arch Gen Psychiatry. 2000;57:547-552 Marijuana and Medicine: Assessing the Science Base: A Summary of the 1999Institute of Medicine Report    Stanley J. Watson, MD, PhD; John A. Benson, Jr, MD;      Janet E. Joy, PhD Herkenham M, Lynn AB, Little MD, Johnson MR, Melvin LS, de Costa BR, Rice KC.Cannabinoid receptor localization in the brain.Proc Natl Acad Sci U S A.1990;87:1932-1936.  Matsuda L, Lolait SJ, Brownstein JJ, Young AC, Bonner TI.Structure of a cannabinoid receptor and functional expression of the cloned cDNA.Nature.1990;346:561-564   Munro S, Thomas KL, Abu-Shaar M.Molecular characterization of a peripheral receptor for cannabinoids.Nature.1993;365:61-65   Childers SR, Breivogel CS.Cannabis and endogenous cannabinoid systems.Drug Alcohol Depend.1998;51:173-187    Felder CC, Glass M.Cannabinoid receptors and their endogenous agonists.Annu Rev Pharmacol Toxicol.1998;38:179-200    Pertwee RG.Pharmacology of cannabinoid CB1 and CB2 receptors.Pharmacol Ther.1997;74:129-180    Devane WA, Hanus L, Breuer A, Pertwee RG, Stevenson LA, Griffen G, Gibson D, Mandelbaum A, Etinger A, Mechoulam R.Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor.Science.1992;258:1946-1949    Mechoulam R, Ben-Schabat S, Hanus L, Ligumsky M, Kaminski NE, Schatz AR, Gopher A, Almog S, Martin BR, Compton DR, Pertwee RG, Griffin G, Bayewitch M, Barg J, Vogel Z.Identification of an endogenous 2-monoglyceride, present in canine gut, that binds to cannabinoid receptors.Biochem Pharmacol.1995;50:83-90.    Miller AS, Walker JM.Electrophysiological effects of a cannabinoid on neural activity in the globus pallidus.Eur J Pharmacol.1996;304:29-35    Fligiel SE, Roth MD, Kleerup EC, Barsky SH, Simmons MS, Tashkin DP.Tracheobronchial histopathology in habitual smokers of cocaine, marijuana, and/or tobacco.Chest.1997;112:319-326    Roth MD, Arora A, Barsky SH, Kleerup EC, Simmons MS, Tashkin DP.Airway inflammation in young marijuana and tobacco smokers.Am J Respir Crit Care Med.1998;157:1-9    Jones RT, Benowitz N, Bachman J.Clinical studies of tolerance and dependence.Ann N Y Acad Sci.1976;282:221-239.   Crowley TJ, Macdonald MJ, Whitmore EA, Mikulich SK.Cannabis dependence, withdrawal, and reinforcing effects among adolescents with conduct symptoms and substance use disorders.Drug Alcohol Depend.1998;50:27-37    Haney M, Ward AS, Comer SD, Foltin RW, Fischman MW.Abstinence symptoms following smoked marijuana in humans.Psychopharmacology.1999;141:395-404  

 

Die obligate Frage nach Behandlungsversuche "jenseits der Schulmedizin" entwickelt sich meist schon aus Gründen der Terminologie zur heiklen Diskussion: Vom ausgrenzend-ablehnendem Begriff der "Außenseitermethoden", milder ausgedrückt als "alternative Medizin", vollzieht sich der Vorgang begrifflicher Annäherung zunächst noch vorsichtig über die Bezeichnungen "unkonventionelle Medizin" oder "Erfahrungsmedizin" bis fast zur vereinnahmenden Umarmung: "Komplementäre Medizin". Was immer man genau darunter versteht, und egal, was man davon hält: Das "auf jeden Fall nicht schaden" bezieht sich nicht nur auf die Gesundheit, sondern auch auf Vermögensschäden, denn viele gutgläubige Probanden sogenannter Behandlungen jenseits der Schulmedizin sind danach nicht nur um eine Hoffnung ärmer geworden. Die MS war schon immer ein Tummelplatz für kriminelle Scharlatane und selbsternannte Wunderheiler! Wer als therapeutisch aufgeschlossener Arzt auf das reichhaltige Inventar aus dem Bereich der "Erfahrungsmedizin" zurückgreift, kann nicht ausschließen, dass Placeboeffekte, die im Übrigen gerade bei der MS immer wieder eindrucksvoll beschrieben wurden, die Beurteilung erschweren. Er sollte dann aber auch den so erzielten "therapeutischen Nutzen" nicht mit Begriffen aus der Therapieforschung wie "Wirkung" oder "Wirksamkeit" verwechseln.   Vermutungen, Amalgam könnte Schuld an der Auslösung von MS sein haben sich in einer italienischen Studie nicht bestätigt. dort wurden 132 MS Patienten mit Beginn der Erkrankung in den letzten 16 Jahren mit 423 Kontrollpersonen aus der selben Gegend und mit ähnlichem Alter und Geschlecht verglichen. Es ergaben sich keine signifikanten Gruppenunterschiede. Die Vergiftungszentrale in Chicago Illinois Poison Center des Metropolitan Chicago Healthcare Counsil warnt unabhängig davon vor einer unkritischen Chelattherpie zur Ausleitung von Quecksilber aus dem Körper. Neben fehlendem Nutzen wird dort auf das Risiko verwiesen, dass hierdurch auch wichtige Mineralien und Salze dem Körper entzogen werden können. Bisher gibt es also keinen wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass Zahnplomben an MS Schuld sind, und eine darauf ausgerichtete Behandlung beinhaltet neben den finanziellen auch gesundheitliche Risiken. Ilaria Casettaa, Matteo Invernizzib, Enrico Granieria, Multiple Sclerosis and Dental Amalgam: Case-Control Study in Ferrara, Italy; Neuroepidemiology 20:2:2001, 134-137. Sauerstoffüberdruck oder Hyperbare Sauerstofftherapie zeigt in kontrollierten Studien bei immensen Kosten allenfalls fragliche Minimaleffekte, je besser die Studienqualität umso kleiner der Effekt. Hyperbaric Oxygen for MS: an update Bandolier 104 - October 2002. Lorenzos Öl kann entgegen der Werbung nicht in das Gehirn eindringen und dürfte zumindest bereits Erkrankten wenig nützen.Lorenzo's oil  Bandolier 104 - October 2002. Manchmal könnte der Schaden alternativer Behandlungen durchaus wesentlich größer sein, als der sog. Noceboeffekt eines Plazebos. Fallmeldungen ergaben den Verdacht, dass Infusionen mit pflanzlichen Arzneimitteln möglicherweise eine Ms oder eine MS ähnliche Erkrankung auslösen könnten. Pflanzliche Produkte sind in Deutschland unglaublich populär. Für die meisten Substanzen gibt es weder Wirksamkeitsstudien noch vernünftige prospektive Studien zu schwerwiegenden Nebenwirkungen. Bedenklich ist, dass viele pflanzliche Präparate bei sog. Befindlichkeitsstörungen oder unter der obskuren Vorstellung eingesetzt werden, mit diesen Präparaten das Immunsystem stärken zu können. Die Autoren von der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg berichten über zwei Fälle, bei denen wiederholte Injektionen von Pflanzenextrakten eine akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) auslösten. In beiden Fällen legen der enge zeitliche Zusammenhang zwischen den Injektionen der Pflanzenextrakte und dem Beginn der neurologischen Ausfälle sowie die Tatsache, dass die Injektion wiederholt durchgeführt worden war, nahe, dass tatsächlich ein kausaler Zusammenhang zwischen der Injektion der Pflanzenextrakte und der ADEM besteht. Die hier vorgelegten Daten sind ein weiteres Beispiel dafür, dass eine Therapie mit pflanzlichen Substanzen genauso behandelt werden müsste wie die Zulassung chemischer Einzelsubstanzen, d.h., es müssen vernünftige prospektive Studien zur Wirksamkeit und zur Sicherheit durchgeführt werden.  Ein endgültiger Beweis für die Auslösung ist dies sicher nicht, solche Zusammenhänge müssen aber weiter beobachtet werden. Auf einen beispielhaften Fall in dem Kräutermedizin eine Vielzahl von Krebserkrankungen erzeugt hat, wurde in einem Artikel bei Meome hingewiesen. Jedenfalls muss derzeit aus meiner Sicht von Infusionen mit Pflanzenextrakten bei MS abgeraten werden. Schwarz S, Knauth M, Schwab S, Walter-Sack 1, Bonmann E, Storch-Hagenlocher B. Acute dissemlnated encephalomyelltls after parenteral therapy wlth herbal extracts. a report of two cases. J Neurol Neurosurg Psychlatry 2000;69,516-8. Ähnliches berichtet das arznei-telegramm 2003; 34: 23 unter der Überschrift: "Multiple Sklerose als Immunreaktion auf AUTOVACCINE?" anlässlich eines Falles bei dem "Autovaccine" (Urin, Sputum u.a. oder Krankheitsprodukte wie Eiter, Rotz u.a.) nach Aufarbeitung in steigender Dosierung zur "Aktivierung des Immunsystems" reinjiziert werden. Eine Frau hatte direkt nach Beendigung der Injektionsserie einen ersten Schub einer MS erlitten.

Stellungnahme der Australasian Society of Clinical Immunology or ASCIA publiziert und ist im Volltext im Internet abrufbar.  Position statement published in the Medical Journal of Australia zum Vegatest und der Elektroakupunktur nach Voll (MJA 1999; 155:113-114) http://www.mja.com.au/public/guides/vega/vega.html.  

Zitat: Ärzte Zeitung, 17.01.2001 "Die US-Regierung erließ zu Jahresbeginn eine Internet-Warnung an Patienten, nachdem mehrere Todesfälle, bedingt durch falsche Internet-Therapien, bekannt geworden waren. Die amerikanische Federal Trade Comision (FTC) identifizierte mehr als 800 dubiose Websites, auf denen riskante Arzneimittel und/ oder Heilmethoden angeboten werden. Mehrere Website-Betreiber werden in den USA inzwischen strafrechtlich verfolgt, weil sie auf ihren Internetseiten Patienten falsche Hoffnungen auf Heilung machen. Versprochen werden laut FTC unter anderem Heilungen für Patienten mit Krebs, AIDS, Multiple Sklerose, Herz- und Kreislaufleiden sowie Arthritis. Die FTC zitierte diverse, haarsträubende Einzelfälle." "Nach Angaben des Londoner Gesundheitsministerium tummeln sich vor allem auf dem Gebiet der Alternativmedizin "beängstigend viele schwarze Schafe im Cyberspace". Dubiose Unternehmer böten verwirrten Patienten Magneten, Bio-Resonanz-Therapien und andere zweifelhafte Hilfen an. Eine Ministeriumssprecherin: "Das ist ein sehr ernstes Problem. Wir raten Patienten dringend, immer erst einen Apotheker oder Arzt aufzusuchen.""

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