Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Faktoren die auf eine gute Prognose bei Multipler Sklerose hinweisen (entsprechend auch umgekehrt)

Satistische Analyse nach Studien mit 2204 Patienten

Kriterium
OR (95% CI)
spricht für einen gutartigen Verlauf  
Dauer der ersten Remission mehr als ein Jahr 2.7 (1.9 to 3.8)
Beginn vor dem Alter von  40 Jahren 2.0 (1.1 to 3.9)
Beginn mit einer Optikusneuritis 1.7 (1.3 to 2.4)
Nur ein Schub in 5 Jahren 1.6 (1.2 to 2.2)
Kein sicherer Vorhersagewert  
weibliches Geschlecht 1.3 (0.9 to 1.7)
Beginn mit sensiblen Symptomen 1.0 (0.7 to 1.5)
Beginn mit Hirnstamm/Kleinhirn- Symptomen 1.0 (0.7 to 1.4)
Gegen einen guten Verlauf spricht  
Pyramidenbahnzeichen bei Beginn 0.5 (0.3 to 0.7)
Aus Bandolier nach G Ramasaransing et al. Early prediction of a benign course of multiple sclerosis on clinical grounds: a systematic review. Multiple Sclerosis 2001 7: 345-347.

Krankheits-VERLAUF

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist ungewiß und nicht vorhersehbar.

Es gibt drei klassische Verlaufsformen:

  1. Bei rund einem Drittel der Patienten verläuft die MS in Schüben - Beschwerden treten auf und gehen nach einigen Wochen oder Monaten teilweise oder vollständig zurück. Nach Monaten oder Jahren können erneut Schübe auftreten, ohne daß aber insgesamt eine Verschlechterung eintritt. Etwa fünf Prozent der MS- Kranken erleben dabei einen besonders günstigen Verlauf.

  2. Ein weiteres Drittel der MS-Kranken erlebt nach jedem Schub ein geringes Ausmaß an Behinderung und eine gewisse Einschränkung der Beweglichkeit.

  3. Beim restlichen Drittel kommt es von Anfang an zu fortschreitender Behinderung durch die Krankheit. Etwa fünf Prozent der MS-Patienten erleben einen besonders ungünstigen Verlauf. Wenn eine MS in eine sekundär progressive Multiple Sklerose übergegangen ist, sprechen die üblichen vorbeugenden Behandlungen z.B. mit Interferonen nur noch in geringem Umfang an. Der Verlauf gilt dann als schwer aufzuhalten, dies gilt unabhängig davon wie lange der Krankheitsverlauf zuvor war. In diesem Stadium wird in den demyelinisierten Nervenzellen der axonale Transport immer deutlicher gestört. Synapsen die übrig bleiben wenn das Axon zerstört ist, verursachen Auswucherungen (sprouting) bei den überlebenden terminalen Axonen, dies führt zu einer metabolischen Überladung der terminalen Axone. Dieser jetzt nicht merh entzündliche Prozess kann durch entzündungshemmende oder entzündungsbeeinflussende Behandlungen nicht mehr beeinflusst werden. Robert M. Herndon, MD, Why Secondary Progressive Multiple Sclerosis Is a Relentlessly Progressive Illness, Arch Neurol. 2002;59:301-304, FullText    
    Wenn eine MS in eine sekundär progressive Multiple Sklerose übergegangen ist, sprechen die üblichen vorbeugenden Behandlungen z.B. mit Interferonen nur noch in geringem Umfang an. Der Verlauf gilt dann als schwer aufzuhalten, dies gilt unabhängig davon wie lange der Krankheitsverlauf zuvor war. In diesem Stadium wird in den demyelinisierten Nervenzellen der axonale Transport immer deutlicher gestört. Synapsen die übrig bleiben wenn das Axon zerstört ist, verursachen Auswucherungen (sprouting) bei den überlebenden terminalen Axonen, dies führt zu einer metabolischen Überladung der terminalen Axone. Dieser jetzt nicht merh entzündliche Prozess kann durch entzündungshemmende oder entzündungsbeeinflussende Behandlungen nicht mehr beeinflusst werden. Robert M. Herndon, MD, Why Secondary Progressive Multiple Sclerosis Is a Relentlessly Progressive Illness, Arch Neurol. 2002;59:301-304, FullText    
     

  Jahre die es dauert einen EDSS von 3 oder 6 zu erreichen 
Schubrate der ersten 2 Jahre
EDSS 3
EDSS  6
1
13
20
2
8
17
3
9
18
4
8
14
5 oder mehr
3
7
Natural history of multiple sclerosis and a US view of treatment aus Bandolier (Verlauf ohne Behandlung)

 

Relatives Risiko so behindert zu werden, dass man 100 Meter nur mit Hilfe zurücklegen kann oder stirbt (Verlauf ohne Behandlung)
Indikator
Relatives Risiko
Progressiver Verlauf
6
Schubrate Jahr 1/Jahr 2
3
Zeit zwischen dem ersten und zweiten Schub
2
Polysymptomatisch bei Beginn
2
Zeit vom Beginn der Erkrankung bis Erreichen eines EDSS 3
2
Natural history of multiple sclerosis and a US view of treatment aus Bandolier (Verlauf ohne Behandlung)

 

 

 

Neues zum Thema

Wenn erstmals Sehverschlechterungen,   Sprachstörungen (undeutliche Sprache),  Gangunsicherheit,  Zittern,   Schmerzen unterschiedlicher Lokalisation, rasche Ermüdbarkeit, Schwindel, Doppeltsehen, Schwäche oder Lähmungserscheinungen in Arm(en) und/oder Bein(en), Gefühlsstörungen unterschiedlicher Verteilung, Entleerungsstörungen der Blase und des Darmes auftreten kann es sich auch um die ersten Symptome einer MS handeln.  Die meisten Menschen die eines oder mehrere der genannten  Symptome haben, haben keine MS. Solche Symptome sind aber immer ein Grund einen Neurologen aufzusuchen.  Dies auch und besonders um andere Krankheiten auszuschließen. Besonders wenn tatsächlich ein krankhafter neurologischer Befund vorliegt und sich diese Symptome langsam über die nächsten Wochen und Monate zurückbilden, wird daran gedacht ob es sich um ein erstes Anzeichen einer MS gehandelt hat. Die derzeitige medizinische Definition setzt für die Diagnose einer MS einen 2. Schub der Erkrankung voraus. Davor wird nur von einer wahrscheinlichen MS gesprochen. Neuere Forschungsergebnisse lassen es wahrscheinlicher erscheinen, daß sehr frühzeitige immunmodulatorische Behandlungen, zumindest zukünftig, den Krankheitsprozess aufhalten können. Zugelassen sind solche Behandlungen bisher in Deutschland wie im überwiegenden Europa und den USA aber erst ab dem 2. Schub der Erkankung. Besonders interessant ist deshalb die Frage bei wie vielen Patienten sich aus einem ersten Schub eine MS nach den derzeitigen Kriterien entwickelt. Eine neue israelische Untersuchung ist dieser Frage nachgegangen. 1  

 

172 Patienten die zwischen 1991 und 1997, erste Symptome und einen positiven NMR- Befund hatten und damit als Patienten mit  wahrscheinlicher MS diagnostiziert wurden wurden  in die Studie aufgenommen. 163 konnten im Verlauf beobachtet werden. 57.6% hatten innerhalb des ersten Jahres einen 2 Schub der Erkankung  79.7% (130) innerhalb von 3 Jahren, und damit auch die definitive Diagnose einer MS. Der Schweregrad der Behinderung und das Betroffensein mehrerer funktioneller Systeme des Zentralnervensystems zeigte eine höhere Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer MS an. Wie von anderen Untersuchungen her zu erwarten, hatten Patienten mit dem Erstsymptom einer alleinigen Sehnervenentzündung eine wesentlich bessere Prognose. 40.7%  von diesen Patienten entwickelten im Gegensatz zu etwa 22%  aus den anderen Gruppen keine weiteren Symptome, so daß die Diagnose MS im Beobachtungszeitraum bei diesen Patienten nicht gestellt werden konnte.  Eine Kortisonbehandlung des ersten Schubes hatte keinen Effekt auf den weiteren Verlauf. Ein Ergebnis, das im Widerspruch zu manchen anderen Untersuchungen und Empfehlungen der letzten Jahre steht.1,2,    Weitgehende Einigkeit besteht inzwischen dahingehend, daß sowohl die klinischen Befunde, als auch die häufig wesentlich gößeren Schaden anzeigenden NMR- Befunde, nur die Spitze eines Eisberges bezüglich des tatsächlich vorhandenen Krankheitsprozesses im Zentralnervensystem anzeigen. Diese wie andere neuere Untersuchungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, daß die Fachgesellschaften über kurz oder lang die Diagnosekriterien einer MS ändern werden. 4

Die Autoren empfehlen, daß eine immunmodulatorische Behandlung sofort nach dem erstem Schub, also bereits vor der endgültigen Diagnose einer MS eingeleitet werden sollte um die Entwicklung einer MS zu verhindern. Allerdings müßte dies erst durch Studien untermauert werden.

Diese Untersuchung macht vor dem Hintergrund der aktuellen Behandlungsmöglichkeiten noch einmal deutlich, daß eine immer noch häufig praktizierte Art der Patientenaufklärung, bei der die Diagnose nicht ausgesprochen wird, und den Patienten eine sinnvolle Aufklärung vorenthalten wird, um sie nicht zu beunruhigen, nicht mehr zu rechtfertigen ist.

 

  1. European Charcot Foundation Working Group for Treatment Trials.Guidelines for early treatment trials in patients presenting with clinical and paraclinical abnormalities which put them at high risk for conversion to multiple sclerosis. Mult Scler.1995;1(suppl 1):S55-S59.
  2. Optic Neuritis Study Group.The 5-year risk of MS after optic neuritis: experience of the Optic Neuritis Treatment Trial.Neurology.1997;49:1404-1413.
  3. Multiple Sclerosis--From Probable to Definite Diagnosis: A 7-Year Prospective Study    Anat Achiron, MD, PhD; Yoram Barak, MD Arch Neurol. Juli 2000;57:974-979
  4. To Treat, or Not to Treat: The Therapeutic Dilemma of Idiopathic Monosymptomatic Demyelinating Syndromes    Elliot M. Frohman, MD, PhD; Michael Racke, MD; Stanley van den Noort, MD Arch Neurol. Juli 2000;57:
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