Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) Seite 3 

 

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Ausmaß des Problems

Millionen von Kindern auf der Welt sind Traumen ausgesetzt. Diese können heftig und chronisch  (z:B. Mißhandlungen, Inzest oder Krieg) oder zeitlich begrenzt (z.B. Naturkatastrophen, Überfälle) sein. Konservative Schätzungen der Zahl der Kinder, die in den USA jedes Jahr einem traumatischen Ereignis ausgesetzt sind, gehen von mehr als 4 Millionen aus (Perry, 1994a).  Diese Erlebnisse -- körperliche oder sexuelle Mißhandlungen, Aufwachsen in einer Umgebung häuslicher Gewalt oder einer gewalttätigen Wohnumgebung, Überleben eines schweren Autounfalles -- all dies hat Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung (Taylor, Zuckerman, Harik, and Groves, 1992; Pynoos, Frederick, Nader, Arroyo, Steinberg, Eth, Nunez, and Fairbanks, 1987; Osofsky, 1995).  Abhängig von dem Schweregrad, der Häufigkeit, der Art, und der Struktur der Erlebnisse kann man davon ausgehen, daß mindestens die Hälfte der solchen Ereignissen ausgesetzten Kinder eine signifikante neuropsychiatrische Symptomatik entwickeln (Schwarz and Perry, 1994).  Kinder die einer unerwarteten Menschen-gemachten Gewalt ausgesetzt sind; erscheinen verwundbarer - dies bedeutet, daß Millionen von Kindern; die mit häuslicher Gewalt oder in einer   gewalttätigen Wohnumgebung groß werden; ein hohes Risiko für  tiefgreifende emotionale, verhaltensmäßige, kognitive, soziale und körperliche Probleme haben.

Eines der am besten untersuchten  neuropsychiatrischen Syndrome, die nach Traumen entstehen, sind  posttraumatische Belastungsstörungen. (englisch post-traumatic stress disorder (PTBS)).   Die meisten Untersuchungen wurden bei erwachsenen Kriegsveteranen gemacht (Krystal, Kosten, Perry, Mason, Southwick, and Giller, 1989; DaCosta, 1871). Seit Anfang der 90er Jahre wird der PTBS bei traumatisierten oder mißhandelten Kindern aber auch in der Forschung mehr Aufmerksamkeit geschenkt. (McFarlane, 1987). Kinder, die einem Trauma ausgesetzt waren, können typische PTBS Symptome, wie Verhaltensauffälligkeiten, Ängste, Phobien und depressive Störungen entwickeln (Schwarz and Perry, 1994). Dies schließt Kinder ein, die gekidnappt wurden  (Terr, 1983), Zeuge eines Gewaltverbrechens wurden (Schwarz and Kowalski, 1991), mißbraucht wurden (Browne and Finkelhor, 1986; Kiser, Heston, and Millsap, 1991) oder ein anderes schweres Trauma (Kaufman, 1991) überlebt haben ein. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit vergrößern das Risiko, eine Vielzahl von neuropsychiatrischen Symptomen im Jugend- und Erwachsenenalter zu entwickeln (Davidson and Smith, 1990; Famularo, Kinscherff, and Fenton, 1991; Ogata, Silk, Goodrich, Lohr, Westen, and Hill, 1990; Teicher, Glod, Surrey, And Swett, 1993).

Trauma ist ein Erlebnis. Wie kann dieses Erlebnis die Welt eines Kindes in ein Horrorszenario verwandeln,  verwirrendes Gift, das so dramatisch den Übergang eines Kindes ins Erwachsenenleben verändert? Letztlich ist es das menschliche Gehirn, das traumatische (und therapeutische) Erlebnisse internalisiert. Das Gehirn steuert und verarbeitet alle emotionalen, kognitiven, verhaltensmäßigen, sozialen und körperlichen Funktionen. Es ist das menschliche Gehirn, in dem unsere Seele wohnt, und in diesem lebt auch unsere Menschlichkeit. Wenn man die Organisation, Funktion und Entwicklung des menschlichen Gehirns und die  von ihm verarbeiteten Antworten auf Erlebnisse versteht, hat man den Schlüssel, das traumatisierte Kind zu verstehen. 

Das Menschliche Zentral- Nerven-  System

Das menschliche Gehirn ist ein erstaunlich komplexes Organ, zusammengesetzt aus über 100 Milliarden Neuronen und 10 mal mehr Stützzellen, alle in Systemen organisiert um wahrzunehmen, zu verarbeiten,  zu speichern, zu erkennen und um auf äußere Reize und Informationen  ( visuelle,-taktile, olfaktorische, auditorische) und auf   internale Reize ( hormonelle Signale, z.B. bei Hunger ) zu reagieren. Alle diese komplexen Systeme und Aktivitäten arbeiten zusammen mit einem übergeordneten Ziel -- Überleben (Goldstein, 1995). Die hauptsächlichen Arbeitseinheiten des Gehirns sind die Neuronen,   sie sind als Netzwerke verbunden, Netzwerke sind zu Systemen verbunden, viele Systeme arbeiten zusammen um spezifische Funktionen zu gewährleisten - z.B.: Sehen.    Verschiedene Systeme im Hirn steuern verschiedene Funktionen.  Systeme im frontalen Cortex sind für das abstrakte Denken, Systeme im Hirnstamm für die Regulation des Herzschlags, Blutdrucks, und für die Wachheit aber auch Alarmbereitschaft verantwortlich. Systeme in den limbischen Hirngebieten sind für Bindung, Zuneigung, Affektregulation und Gefühle verantwortlich, und Systeme in der Rinde oder im  Cortex sind für das abstrakte Denken und komplexe Sprachleistungen verantwortlich. Diese Systeme unterscheiden sich etwas im Hinblick auf die Art, wie sie funktionieren, welche hauptsächlichen Neurotransmitter sie benutzen, in den synaptischen Strukturen.  Alle diese neuralen Systeme funktionieren aber auf der molekularen Ebene ähnlich. Sie gehorchen ähnlichen Regeln ihrer Entwicklung, Veränderungen als Antwort auf  chemische Signale, und der Speicherung der Information.   Die wichtigste Charakteristik, die das Nervengewebe und die Neuronen von allen anderen Zellen und Geweben unterscheidet ist, daß sie speziell konzipiert sind, um sich als Antwort auch äußere Reize neu und anders zu organisieren. Diese molekularen Veränderungen ermöglichen die Speicherung von Information durch Neuronen und neuronale Systeme. Dieser Vorgang erlaubt unserem Gehirn auf äußere und innere Reize so zu antworten, daß unser Überleben gesichert werden kann. 

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