Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) Seite 4 

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Benutzungsabhängige neuronale Veränderungen: Lernen, Gedächtnis und Sensibilisierung

Jedes Erlebnis wird durch unsere Sinne gefiltert. Alle sensorischen Signale (z.B. Klänge, Gesehenes, Gespürtes,..) ihrerseits leiten eine Kaskade von zellulären und molekularen Prozessen im Hirn ein, die die neuronale Neurochemie, Zytoarchitektur und   letztlich auch die Hirnstruktur und Funktion  verändern. Dieser Prozess schafft eine internale (oder innere) Repräsentation der äußeren oder externalen Welt (bes.Information) und hängt im wesentliche von den Mustern, der Intensität und Häufigkeit  neuronaler Aktivität, die bei der Wahrnehmung, Verarbeitung und beim Speichern der Signale passiert, abhängt. Umso häufiger ein bestimmtes Muster neuraler Aktivierung erfolgt, umso unzerstörbarer ist seine innere (internalisierte) Repräsentation. Erlebnisse schaffen so auch einen internen Verarbeitungsprozess, durch den alle neuen Informationen oder Inputs gefiltert werden. Je mehr ein neurales Netzwerk aktiviert wird, umso mehr werden benutzungsabhängige Internalisationen  neuer Informationen benötigt, um das Überleben zu gewährleisten (Cragg, 1975).

 

Die bekanntesten Beispiele benutzungsabhängiger Speicherung von Information  sind Lernen und Gedächtnis. Ein verwandtes Phänomen ist die Sensibilisierung.       Eine auf eine solche Sensibilisierung erfolgende neuronale Antwort, entsteht aus einem spezifischen Muster wiederholter neuronaler Aktivierungen und Erlebnissen. Sensibilisierung tritt ein, wenn dieses Aktivierungsmuster zu einem veränderten, sensibleren System führt. Ist eine Sensibilisierung eingetreten, kann die gleiche neuronale Aktivität auch durch weniger intensive externe Reize ausgelöst werden (Kalivas and Kuffy, 1989; Kleven, Perry, Woolverton, and Seiden, 1990). Sehr real also zeigen traumatisierte Kinder eine tiefgreifende Sensibilisierung der neuronalen Antwortmuster, die mit ihren traumatischen  Erlebnissen zusammenhängen. Dies hat zur Folge, dass ein vollständig entwickeltes Reaktionsmuster durch offensichtlich geringgradige Reize ausgelöst werden kann (z.B.  erhöhte Alarmbereitschaft oder Dissoziation).

Eine Sensibilisierung kann eintreten, wenn ein Erlebnis den neurosensorischen Apparat aktiviert, das Muster und die Quantität der Neurotransmitter- Ausschüttung ändert in den  neuronalen Systemen, die verantwortlich sind für Sensibilität, Wahrnehmung und Verarbeitung dieses spezifischen Erlebnisses.  Ein  Trauma wird zu so einer Veränderung  führen. Neurotransmitter Rezeptor/Effektor-Aktivierung verändern dann die intrazelluläre chemische Zusammensetzung, einschließlich der der zweiten (z.B.:. cAMP, Phosphatidyl- Inositol) und dritten Überträgerstoffe (z.B.:Kalzium). Veränderungen dieser Überträgerstoffe verändern die Mikroumgebung des Zellkerns, sie verursachen Veränderungen in der genetischen Transkription und Expression von Eiweißen, die in der neuronalen Struktur und Funktion bedeutsam sind.  Dies wiederum kann eine   Sensibilisierung des Neurotransmitter- Rezeptor/Effektors auf ähnliche zukünftige Neurotransmitterstimulation in allen verbundenen neuronalen Systemen zur Folge haben. (LeDoux, Cicchetti, Xagoraris, and Romanski, 1989; LeDoux, Romanski, and Xagoraris, 1990).

Benutzungsabhängige Internalisation einer Angstantwort  -- ein  'Zustands-' Gedächtnis -- kann auch in einem erwachsenen Hirn gebildet werden (z.B.: bei den Kriegsveteranen mit PTBS). Im sich noch entwickelnden Hirn  führen diese   Zustände  zu einer Neuorganisation neuronaler Systeme, mit der Folge von   Persönlichkeitsveränderungen und Veränderungen der Charakterzüge. Das menschliche Gehirn existiert in seiner reifen Form nur als Produkt des genetischen Potentials und seiner erlebten Geschichte. Erlebnisse, einschließlich traumatischer, die eine Sensibilisierung oder einen Lernprozess im reifen Hirn auslösen können, werden während der Entwicklung die funktionale Komponente des menschlichen Gehirns. Im wesentlichen sind die selben einzigartigen molekularen Charakteristika des Nervengewebes, die dem erwachsenen reifen Gehirn die Speicherung von neuer Information ermöglichen, verantwortlich für die Organisation des Gehirns während der Entwicklung (Goelet and Kandel, 1986; Kandel and Schwartz, 1982).

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