Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) Seite 8

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Das Hyperarousal- Kontinuum:  Defensive und 'Kampf oder Flucht Reaktionen

Zu Beginn einer Bedrohung oder Gefahr wird eine Alarmreaktion  initiiert (Table 1). Die Alarmreaktion ist charakterisiert durch eine enorme Zunahme der Aktivität des sympathischen Nerven Systems, hieraus folgt eine Erhöhung des Pulses und Verstärkung des Herzschlags und dadurch erhöhter Blutdruck, Umleitung des Bluts aus der Haut in die Skelettmuskeln, Herzkranzgefäße,  (kalte Hände, kalte Füße, blasses Gesicht). Vorbereitung der Kampf- Flucht- Reaktion, um den Organismus in Leistungsbereitschaft zu versetzen, Anhebung des Blutzuckerspiegels, Zunahme der Muskelanspannung (Zittern, Schulter- Nackenverspannungen...), Erhöhung der Stoffwechselgeschwindigkeit, Erweiterung der Bronchien, Erweiterung der Pupillen,   ein Gefühl der Alarmbereitschaft oder Hypervigilanz, und ein Abschalten aller nicht für die Situation wichtiger Informationen. All dieses bereitet den Körper für eine Verteidigung -  für einen Kampf - oder für Flucht  vor der Gefahr vor.   Wenn die Gefahr sich bewahrheitet, kann eine voll ausgebildete  Kampf- Flucht- Reaktion aktiviert werden.

Die 'sensibilisierte' Hyperarousal- Antwort: Wenn ein Kind mit einer Bedrohung konfrontiert wird und mit einer Hyperarousal- Antwort reagiert, gibt es eine enorme Zunahme der Aktivität im LC und VTN. Diese erhöhte Noradrenalinausschüttung reguliert die Antwort des gesamten Körpers auf die Bedrohung. Die beteiligten Hirnregionen   der gefahreninduzierten- Hyperarousal- Antwort spielen eine wichtige Rolle in der Regulierung, der Vigilanz (Wachheit), des Affektes, der Ablenkbarkeit, Bewegung, Aufmerksamkeit, den Reaktionen auf Stress, den Schlaf und die Schreckreaktion (Andrade and Aghajanian, 1984; Bhaskaran and Freed, 1988).

Zu Beginn einer akuten Angstantwort werden diese Systeme im Gehirn reaktiviert, wenn das Kind erneut einer speziellen Erinnerung an das traumatische Ereignis ausgesetzt ist (.z.B. Schüssen, der Gegenwart des Peinigers). Außerdem werden diese Teile des Hirns reaktiviert, wenn das Kind einfach über die Situation nachdenkt oder von dem Ereignis träumt. Mit der Zeit können diese zunächst spezifischen Erinnerungen generalisieren (z.B. statt nur auf Schüsse auf jedes laute Geräusch, statt auf den speziellen Peiniger auf jeden fremden Mann). Mit anderen Worten, obwohl von der Gefahr und dem ursprünglichen Trauma  ferngehalten, wird der Stress-Antwort- Apparat im Gehirn des Kindes immer wieder aktiviert. 

Diese benutzungsabhängige Aktivierung für diese Hirngebiete führt zu einer Sensibilisierung, und Sensibilisierung der Katecholamin- (LCNTN-amygdaloid) Systeme, was zu einer Kaskade damit verbundener funktionaler Veränderungen hirnabhängiger Funktionen führt (Vantini, Perry, Gucchait, U'Prichard, and Stolk, 1984; Perry, Stolk, Vantini, Gucchait, and U'Prichard, 1983). Diese Sensibilisierung des Hirnstamms und der Mittelhirnneurotransmitter- Systeme bedeutet auch, daß andere kritische physiologische, kognitive, emotionale und Verhaltensfunktionen, die durch diese Systeme beeinflußt werden, sensibilisiert werden. Weil die Hirngebiete, die an der akuten Stressantwort beteiligt sind, auch eine Vielzahl anderer Funktionen steuern, führt die Sensibilisierung dieser Systeme durch wiederholtes   Wiederdurchmachen eines  traumatischen Erlebnisses auch zu einer Dysregulation dieser Funktionen. Ein traumatisiertes Kind kann nach einer gewissen Zeit eine motorische Hyperaktivität, Angst, Impulsivität, Schlafstörungen, Tachykardien (schnellen Puls), Hochdruck und eine Vielzahl anderer neuroendokriner Abnormalitäten zeigen (Perry, 1994a; Perry and Pate, 1994b; DeBellis, Lefter, Trickett, Putnam, 1994; DeBellis, Chrousos, Dorn, Burke, Helmers, Kling, Trickett, Putnam, 1994; Ito, Teicher, Glod, Harper, Magnus, Gelbard, 1993; Hoffman, DiPiro, Tackett, Arrendale, and Hahn, 1989).

Dies bedeutet natürlich auch, daß diese Komponenten der Angstantwort selbst sensiblisiert werden. Alltägliche Stressoren, die zuvor gar keine Reaktion hervorgerufen hätten, können jetzt zu einer Überreaktion  führen -- diese Kinder werden hyperreaktiv und übersensitiv. Dies, weil das Kind sich in einem andauernden Angstzustand befindet (der jetzt eine Persönlichkeitskomponente ist). Außerdem bedeutet dies, daß das Kind jetzt sehr leicht von geringer Furcht zu einem Gefühl von massiver Angst oder Terror übergeht. Auf lange Sicht beobachtet man bei diesen Kindern ein Vielzahl unangepaßter  emotionaler Verhaltensweisen und kognitiver Probleme, die ihre Wurzel in der ursprünglichen Anpassung an das traumatische Ereignis haben. 

Abnormale Persistenz des ursprünglichen Hyperarousals, der durch das Trauma hervorgerufen wurde, kann einige, aber nicht alle Symptome, die  traumatisierte Kinder entwickeln, erklären. Tatsächlich kann es die Mehrheit der  neuropsychiatrischen Probleme, die aus beeindruckenden Traumen der Kindheit resultieren, nicht erklären. Warum werden mehr mißhandelte Jungen als Mädchen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt, warum entwickeln mehr Jungen als Mädchen Hinweise auf sensibilisierte Hyperarousal Systeme (motorische Hyperaktivität, Impulsivität, Hypervigilanz) nach einem Trauma; warum entwickeln Mädchen eher sensibilisierte dissoziative Systeme (vermeidend, depressive, dissoziative) nach einem Trauma ?  Die Antworten darauf geben eher andere Anpassungsmuster an Traumen ------ Muster, die  für Kinder im allgemeinen und besonders für Mädchen eine Rolle spielen, und offensichtlich bei erwachsenen Männern weniger wichtig sind.

Die gesamte neurophysiologische Hyperarousalantwort gibt es, weil sie zum Überleben wichtig ist. Es ist einleuchtend, daß für erwachsene Männer ein sehr wichtiger Anpassungsmechanismus darin besteht, angesichts einer Bedrohung den Körper auf eine Kampf- Flucht- Reaktion umzustellen und alle Energie zu mobilisieren.  Dies ist allerdings keine besonders gute Anpassung, wenn man ein Kind oder eine Frau ist. Es ist die Erfahrung der Autoren, daß die Hyperarousalantwort-   als Anpassungsmechanismus mit der   Kampf- Flucht- Reaktion -  nicht die primäre Antwort junger Kinder auf   eine Bedrohung ist.  Tatsächlich benutzen jüngere Kinder üblicherweise eher eine Kombination von Anpassungsmechanismus, die dazu da sind, um zu Beginn einer Bedrohung die umsorgenden Personen (Eltern) dazu zu bringen, sie zu verteidigen, (eine beginnende Hyperarousalantwort). Und wenn die Bedrohung anhält, wechseln sie zu einem dissoziativen Kontinuum, sie werden zunächst starr (immobil,freezing) und fügsam, später völlig dissoziiert; schließlich, im Extremfall,  ohnmächtig.  Diese Reaktionen wurden auch bei Tieren sehr genau beschrieben, dort auch als Niederlage- oder Aufgabeantwort benannt.  (Miczek, Thompson, and Tornatzky, 1990). Beim Menschen werden wir diese Verhaltensmuster eine 'Surrender' Reaktion (sich ergeben) nennen.Zentrales Höhlengrau,

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