Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) Seite 9

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Das Dissoziative Kontinuum: Die "Freeze" oder "Surrender" Reaktion

Kinder sind nicht besonders gut ausgestattet, um zu kämpfen oder zu fliehen.  Im Anfangsstadium einer unangenehmen oder bedrohlichen Situation wird ein kleines Kind schreien, damit die umsorgende Person von der Bedrohung erfährt. Dies ist einer erfolgreiche angepasste Antwort, wenn die umsorgende Person kommt und entweder für das Kind kämpft oder mit dem bedrohten Kind flieht.  Schreien ist also eine entwicklungsmäßig adäquate Antwort auf eine Bedrohung, der das Kind nicht ausweichen kann. Unglücklicherweise bringt Schreien in den seltensten Fällen einen Erwachsenen dazu, ein traumatisiertes Kind zu verteidigen- dies, da am häufigsten die Eltern die Verursacher des Traumas sind. In Abwesenheit einer adäquat auf das Schreien reagierenden umsorgenden Person, wird das Kind nach vielen Enttäuschungen das Schreien (als Copingverhalten) (eine Niederlagen oder "surrender" Reaktion). Angesichts der bleibenden Bedrohung und abhängig vom Alter des Kindes  und der Art der Bedrohung wird es zum Hyperarousalkontinuum übergehen (der kindlichen Variante der Kampf- Flucht- Reaktion) oder ins dissoziative Kontinuum (Figure 1).

Freezing und oppositionelles-Trotzverhalten: Eine erste Reaktion angesichts einer fortlaufenden Gefahr kann Erstarrung (Freezing) sein. Der Anpassungsmechanismus ist verständlich.  Freezing ermöglicht eine bessere Lokalisation von Geräuschen, eine bessere visuelle Beobachtung -- und eine allgemein verbesserte Überwachung der Umwelt auf mögliche Gefahren. Zusätzlich ist Freezing durch den Mangel an Bewegung eine Möglichkeit, sich der Entdeckung des Angreifers zu entziehen (manche Raubtiere sehen nur, was in Bewegung ist). Im Angesicht einer zunehmenden Bedrohung  kann Freezing den Vorteil haben, sich neu zu organisieren und Wege zu antworten herauszufinden. 

Kinder, die traumatisiert wurden und sensibilisiertes Hyperarousal- oder 'sensibilisierte ' dissoziative Muster entwickelt haben, benutzen diesen Freezingmechanismus, wenn sie Angst haben. Dies wird oft oppositionelles-Trotzverhalten genannt. Die Kinder haben Angst aufgrund eines erregenden Stimulus (Reiz), auf den ihre sensibilisierten Systeme reagieren (z.B.Familienbesuch). Sie sind sich oft der erregenden Natur eines bestimmten Ereignisses nicht bewußt, aber was sie erleben -  ist Angst. An diesem Punkt haben sie das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, und werden kognitiv (und oft, körperlich) erstarren. Wenn die umgebenden Erwachsenen sie bitten einer Aufforderung nachzukommen, kann es vorkommen, daß sie sich verhalten, als ob sie es nicht gehört hätten oder sie sich weigern. Das bringt den Erwachsenen - Lehrer, Eltern, oder auch Therapeuten/Berater- dazu, dem Kind eine weitere Vielzahl von Aufforderungen zu geben.  Typischerweise beinhalten diese Aufforderungen mehr Drohungen. Der Erwachsenen sagt: "Wenn du das nicht machst, werde ich...". Der nonverbale und verbale Charakter dieser  'Drohungen' lassen das Kind noch mehr Angst haben, erschrecken und sich außer Kontrolle fühlen. Je ängstlicher sich das Kind fühlt umso schneller fühlt es sich bedroht. Wenn sich dies steigert, wird aus freezing Dissoziation.  (see Table 1).

Dissoziation:  Zur Konstellation der Symptome nach einem Trauma bei Erwachsenen gehört die Dissoziation. Dissoziation heißt einfach, sich von den Reizen der äußeren Welt abzuschirmen und in der inneren Welt zu bleiben. Tagträumen, Fantasie, Depersonalisation, Derealisation, und Fugue- Zustände sind Beispiele für Dissoziation (Putnam, 1991). Es gibt Abstufungen der Dissoziation -- vom einfachen Tagträumen zu tiefgehendem folterinduziertem Bewußtseinsverlußt.  Häufige Beispiele sind aus Kriegssituationen beschrieben. Ein Soldat im Krieg kann sehr engagiert kämpfen, wenn das Feuer sistiert und wenn das Gefecht vorbei ist, entdeckt er erst, daß sein Herz rast, und er sieht erst dann hinunter und entdeckt die blutende Wunde an seinem Bein. Soldaten erleben das Gefecht oft wie ein Video (Derealisation), als ob alles weit entfernt wäre. Sie werden auf diesen Mechanismus gedrillt, er hat für sie oft eine überlebenswichtige Funktion.

Die Fähigkeit zu dissoziieren mitten im Terror scheint eine differenzierte Anpassung zu sein- bei jedem anders verfügbar. Einige Menschen dissoziieren früh im Arousalkontinuum -- einige Menschen dissoziieren erst im Zustand völliger Panik. Leidenschaftslos gesehen besteht der Vorteil oft darin, daß bei voll ausgeprägter Kampf- Fluchtreaktion die Denkfähigkeit herabgesetzt ist, eine partielle Dissoziation kann diese erhalten - und dem Soldaten erlauben ohne Panik zu kämpfen.

Es entspricht unserer Erfahrung mit Kindern, daß das Verhalten das akut und nach einem akuten Trauma gezeigt wird, Abstumpfung, Gefügigkeit, Vermeidung und reduziertes Gefühlserleben einschließt, alles in Übereinstimmung mit einem primär dissaziativen Antwortmuster. Traumatisierte Kinder verwenden eine Vielzahl von dissoziativen Techniken. Kinder berichten davon, daß sie an einen 'anderen Ort' gehen, die Gestalt von Helden oder Tieren annehmen, das Gefühl haben, 'einen Film anzusehen, in dem sie selbst vorkommen' oder einfach dahintreiben- klassische Depersonalisations- und Derealisationsantworten. Beobachter beschreiben diese Kinder als empfindungslos, roboterhaft, reaktionslos, tagträumerisch, handelnd als ob sie nicht da wären, vor sich hin starrend mit glasigem Blick. Wenn Bewegungsunfähigkeit, keine Möglichkeiten auszuweichen oder Schmerz hinzukommen, werden die dissoziativen Antworten noch ausgeprägter .

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