Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Rückenschmerz Seite 11

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Psychosoziale Faktoren spielen für die Chronifizierung eine erhebliche Rolle: 

Auch hier ein Zitat aus: Kapitel 5.11 Dorsopathien (Teil 1) [Gesundheitsbericht für Deutschland 1998 "

Psychosoziale Risikofaktoren

Hinter Rückenschmerzen werden gelegentlich auch spezifische seelische Konflikte vermutet. Engere systematische Beziehungen lassen sich zwischen psychosozialen Belastungen wie subjektivem Streß, seelischen Gleichgewichtsstörungen, Depressivität, geringer subjektiver Gesundheit und Rückenschmerzen finden. Solche Faktoren zeigen ebenfalls eine ungleiche soziale Verteilung.

Wichtig scheint ein übergreifendes soziokulturelles Risiko. Im Ausland wurden verschiedentlich Zunahmen sog. nomogener, d.h. durch gesetzliche Regelungen geförderter Erkrankungen, beobachtet. Nachdem z.B. in Australien das Konzept eines "Repetitive Strain Injury" (Sammelbegriff für durch wiederholte Anstrengung bedingte Nerven- bzw. Sehnenschmerzen) von Ärzten, Sozialversicherungen und schließlich von Gerichten anerkannt und durch die Medien verbreitet worden war, kam es zu einem starken Anstieg solcher Fälle. Er klang nach Änderung der gesetzlichen Bestimmungen in kurzer Zeit wieder ab. Ähnliches wurde zu Schleudertraumen und der "Fibrositis" (Bindegewebsentzündung) berichtet. Sozialrechtliche und gesellschaftliche Einflüsse sind offensichtlich in der Lage, unspezifische Beschwerdekomplexe zu "organisieren" und zu ihrer Verbreitung beizutragen.

Schließlich trägt womöglich das, was als therapeutische oder präventive Lösung des Problems gedacht ist, zu seiner Verschärfung bei. Jedenfalls sind die heute bei Rückenschmerzen favorisierten Vorbeugungs- und Behandlungsmaßnahmen in ihrer Wirksamkeit kaum gesichert. Dies gilt für Kräftigungs- und Fitneßprogramme, ambulant durchgeführte Rückenschulen und ähnliche Interventionen im Bereich der Prävention sowie für Krankengymnastik und längere Bettruhe im Bereich der Therapie.

Mangelnde soziale Unterstützung wird oft als Risikofaktor für die Entstehung lumbaler Rückenschmerzen identifiziert (e.g., Bongers et al., 1993). Andererseits kann soziale Unterstützung auch chronifiziertes Krankheitsverhalten begünstigen (vgl. Fordyce, 1988). So hatten sich in einer prospektiven Längsschnittstudie mit 46 Wirbelsäulenoperierten und einer im Hinblick auf Alter, Geschlecht und ergonomische Arbeitsbelastung gematchten Kontrollgruppe in hierachischen Regressionen in beiden Gruppen signifikant positive Beziehungen zwischen sozialer Unterstützung vom besten Kollegen bzw. Partner und verschiedenen Kriteriumsvariablen ergeben. (Schade et al., 1999; Boos et al., in press). Wenig berücksichtigt sind in diesem Zusammenhang Konstellationen von sozialer Unterstützung. So könnte die Unterstützung durch nahestehende Personen einen Mangel an Sozialer Unterstützung durch die Vorgesetzten kompensieren und dabei krankheitsfördernde Aspekte (z.B. sek. Krankheitsgewinn, Vermeidung, Schonung) beinhalten. Die Hypothese einer solchen Risikokonfiguration wurde mittels prädiktiver Konfigurationsfrequenzanalysen geprüft und konnte für beide Gruppen bestätigt werden, und zwar für affektive und sensorische Schmerzkomponenten, Behinderungen sowie verhaltensnaher Kriteriumsvariablen wie der Inanspruchnahne medizinischer Versorgung bei der Kontrollgruppe und der Notwendigkeit von Folgeoperationen bei den Patienten. Darüber hinaus war der Risikotyp mit weiteren Merkmalen der Arbeit wie häufiges Heben, repetitiven Arbeitsvorgängen und Monotonie assoziiert, die ihrerseits als Risikofaktoren muskuloskeletärer Störungen gelten. Der Riskotyp zeigte hingegen keine Assoziationen zur Morphologie der Wirbelsäule, die in beiden Gruppen über MRI erfaßt wurde.

Aus National Clinical Guidelines in Acute Low Back Pain (Acute Low Back Pain) Übersetzt Leitlinien zur Behandlung akuter Rückenschmerzen,  http://www.rcgp.org.uk  Warum englische und Amerikanische Leitlinien hier stehen und nicht deutsche siehe unten
 

Es gibt inzwischen eine Menge an Beweisen, daß psychosoziale Faktoren eine erhebliche Rolle beim chronischen Rückenschmerz spielen. Dies zu einen weit früheren Zeitpunkt als man früher dachte.

Psychologische, soziale und wirtschaftliche bzw. ökonomische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei chronischen Rückenschmerzen und daraus resultierenden Behinderungen. Waddell 1992, Waddell & Turk 1992
Psychosoziale Faktoren sind zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt wichtig als dies bisher angenommen wurde. Deyo & Diehl 1988, Burton et al 1995, Klenerman et al 1995, Gatchel et al 1995
Psychosoziale Faktoren beeinflußen das Ansprechen des Patienten auf die Behandlung und Rehabilitation. Waddell 1992, Waddell & Turk 1992

 

 

Häufige Fehler bei der Behandlung von Rückenschmerzen
-Überbewertung bildgebender Verfahren
-Einstufung als "degenerativ "bzw."Verschleiß "
-Schonungsverhalten der Patienten
-unangemessene Chirotherapie und Injektionen
-Delegation der Krankheit an den Arzt
-passives Patientenverhalten
-chaotische Therapiekonzepte
-Zufriedenheit nach Spontanheilung
-zu viele Operationen
-zu lange Dauer der Arbeitsunfähigkeit
-Therapieziel "aktuelle Beschwerdelinderung "
-Therapieziel "völlige Schmerzfreiheit "
Bernhard Kügelgen, Modernes Rückenmanagement, NeuroTransmitter 9 -2000

 

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