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Rückenschmerz Seite 9
Röntgenbilder
und Kernpintomographien sind wichtige Zusatzuntersuchungen
Apparatemedizin ist ein sehr begehrter Bestandteil der
medizinischen Versorgung, so jedenfalls der Augsburger
Patientenforscher Professor Gerhard Riegl nach Auswertung einer
Befragung zu den Einschätzungen von 1400 Patienten vom März bis Mai
2009: „Die Ergebnisse zeigen eindeutig eine Hochschätzung der
Apparatemedizin“. Für 76 % der Bevölkerung steigert der Einsatz
von zusätzlicher Apparatemedizin spürbar die Qualität ihrer ärztlichen
Versorgung.
(Pressemitteilung
der Apparate-Imagestudie Deutschland 2009 Prof. Riegl Augsburg)
Diese angenommene Patientenzufriedenheit (wissen und sehen wollen, wo
der Schmerz herkommt) ist auch nach Auffassung anderer Untersucher der
Hauptgrund für rein medizinisch nicht zur rechtfertigende bzw.
überflüssige und oft schädliche radiologische Untersuchungen bei
Rückenschmerzpatienten. Nach der gegenwärtigen Studienlage gibt es
zumindest eine große Studie, die eindeutig sagt, Röntgen oder Kernspin
beim unkomplizierten Rückenschmerz verschlimmert die Schmerzen und
chronifiziert den Verlauf der Beschwerden. Diese Einschätzung ist auch
Bestandteil der
aktuellen Leitlinien des englischen NICE vom Mai 2009 geworden.
Trotz entsprechender Leitlinien- Empfehlungen seit Jahren nehmen
Kernspinuntersuchungen der Lendenwirbelsäule enorm an Häufigkeit zu. Bei
amerikanischen Medicare- Versicherten war es eine Zunahme von 307% in
den letzten 12 Jahren, für Röntgenuntersuchungen werden ähnliche
Zunahmen berichtet. Dort wo die Zunahme am größten ist kommt es auch zur
schnellsten Zunahme an operativen Behandlungen. Schätzungen sagen, dass
ein bis 2 Drittel aller radiologischen Untersuchungen der Wirbelsäule
überflüssig, bzw. nicht indiziert sind.
The Journal of the American Board of Family Medicine 22 (1): 62-68
(2009) siehe auch
Arch Intern Med 169: 921-923
Weitere Literatur siehe Literaturliste unten auf der Seite.
Bei allen großen technischen Fortschritten bleiben
apparative Befunde wie Röntgenbilder oder Laborwerte zur Stellung einer
Diagnose und Entscheidung über eine Behandlung in den meisten Fällen
weiterhin nur Hilfsmittel, die ausschließlich in einem Gesamtzusammenhang
eine Bedeutung haben. Die meisten Diagnosen werden im ärztlichen
Untersuchungsgespräch (Anamnese) gestellt. Danach kommen zunächst die
(körperlichen und psychiatrischen) Untersuchungen bei denen der Arzt
hauptsächlich sein Wissen und Können mit seinen fünf Sinnen und einfachen
Hilfsmitteln wie einem Stethoskop, Reflexhammer , Augen- oder Ohrenspiegel
einsetzt. Erst danach haben Röntgenbilder einen Sinn. Für die Bewertung
von Röntgenbildern und Röntgenbefunden sind die mit den einfacheren, wenn
auch manchmal zeitaufwendigen Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse
Voraussetzung. Aus Gründen vermeidbarer Patientenbelastungen und Kosten
ist der Einsatz bildgebender Verfahren nur dann berechtigt, wenn sie für
Diagnosesicherung, Therapieentscheidung und Prognose relevant sind.
Schon
1975
zeigte
eine
Studie
von
Brolin
dass
nur
bei
einem
von
2500
Röntgenbildern
eine
Diagnose
gestellt
worden
war,
die
vorher
nicht
auch
ohne
Röntgen
gestellt
worden
wäre.
Dies
nach
Auswertung
von
immerhin
68
000
Wirbelsäulenröntgenuntersuchungen. |
| |
| Zunächst aus Kapitel 5.11
Dorsopathien (Teil 1) [Gesundheitsbericht
für Deutschland 1998 ":...Auch
die oft vermuteten und mit immer neuen bildgebenden Verfahren gesuchten
Bandscheibenvorfälle erklären wahrscheinlich weniger als 10% der
Rückenschmerzen....Es wurden auch sog. Warnsignale festgelegt, die eine
konsequente Abklärung der Ursachen von Rückenschmerzen erfordern. In
verschiedenen Ländern existieren Leitlinien zur Untersuchung von akuten
Rückenschmerzen. In Deutschland gibt es diese noch nicht in befriedigender
Qualität. Solche Leitlinien ordnen u.a. den Gebrauch der in Deutschland
i.d.R. früh und häufig eingesetzten Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule.
Deren unselektiver Einsatz gibt
in weniger als 2% der Fälle therapeutisch
nutzbare Informationen. Außerdem tragen Röntgenaufnahmen
der Wirbelsäule wesentlich zu der medizinisch veranlassten
Strahlenexposition bei und stellen einen erheblichen Kostenfaktor dar." Zu
beachten ist hier auch der rechtlich bedenkliche Aspekt:
Im Fall von Röntgenuntersuchungen hat der BGH zwischen einer
einmaligen, kurzzeitigen oder nur gelegentlich wiederholten ordnungsgemäße
Anwendung von Röntgenstahlen und der exzessiven Durchführung von
Röntgenuntersuchungen differenziert. Im erst genannten Fall liegt nach
Auffassung des BGH noch keine Körperverletzung vor. Dagegen sei im
letzterem Fall das Risiko von Langzeitschäden nicht unbeträchtlich erhöht
und die beschriebene Vorgehensweise grundsätzlich rechtlich relevant im
Sinne von §§ 223 ff BGB. Der
BGH hat in seiner Entscheidung hervorgehoben,
dass es nicht darauf ankomme, ob der
Eintritt von Langzeitschäden tatsächlich voraus-sehbar sei, sondern
dass die
Gefahr des Eintritts strahlenbedingter Schäden durch die exzessive,
medizinisch nicht indizierte Durchführung von Röntgenaufnahmen erheblich
erhöht werde. Wann eine solche erhebliche Gefahrerhöhung in Bezug auf
Langzeitschäden vorliegt, muss,
so der BGH, im Einzelfall durch den Tatrichter mit sachverständiger Hilfe
entschieden werden.
Urteil des BGH vom
03.12.97 - 2 StR 397/97
Röntgenbilder oder Kernspinbilder ohne dass eine dringende
Notwendigkeit vorhanden ist, verbessern nicht die
Behandlungsmöglichkeiten oder die Prognose von Rückenschmerzen und
sollten deshalb unterlassen werden. Dies ist auch das Ergebnis einer
aktuellen Metaanalyse. Es besteht umgekehrt das Risiko einer
Beschwerdefixierung. Das Bedürfnis nach einem Röntgenbild das die
Ursache zeigt ist verständlich. Die ärztliche Ausbildung und
medizinische Studien sollten aber dazu beitragen, Patienten zu erklären,
wann Röntgen und Kernspin sinnvoll sind und wann sie mehr schaden.
Lancet 2009; 373: 463–72 |
| Oder: Auch mehr als die Hälfte aller Rückengesunden, bzw.
beschwerdefreien weisen Zeichen einer Bandscheibenabnutzung auf.
Given the high prevalence of these findings and of back pain, the
discovery by MRI of bulges or protrusions in people with low back pain may
frequently be coincidental. (New England
Journal of Medicine 1994;331:69-73. Abstract des Artikels
hinten) Beim chronifizierten Rückenschmerz besteht
häufig keine enge Korrelation zwischen dem Grad der körperlichen
Erkrankung und dem Ausmaß subjektiver Schmerzempfindung sowie der daraus
resultierenden lebenseinschränkenden Behinderung. Die bisherigen
Ergebnisse epidemiologischer und klinischer Schmerzforschung lassen den
Schluss zu, dass der Chronifizierungsprozess als ein Resultat komplexer
Interaktionen somatischer und psychischer Dimensionen sowie sozialer
Unterstützungssysteme zu verstehen ist. Im Bereich der
Schmerztherapie werden diese Zusammenhänge bisher immer noch sowohl in der
diagnostischen Vorgehensweise als auch in den daraus resultierenden
Behandlungskonzepten zu wenig berücksichtigt.
I. Gralow Psychosoziale Risikofaktoren in der Chronifizierung von
Rückenschmerzen Psychosocial aspects of chronic low back pain. Der Schmerz
Vol 14, 2 (2000) pp 104-110 : |
| New England Journal of Medicine |
|
Beispiele
an
was
sonst
noch
gedacht
werden
muss,
nicht
immer
sind
es
Verspannungen
oder
die
Bandscheiben.
Besondere
Sorgfalt
ist
natürlich
bei
jeder
Untersuchung
eines
Patienten
mit
Rückenschmerzen
erforderlich.
Der
Verdacht,
dass
auch
etwas
anderes
dahinter
stecken
könnte
ist
besonders
groß,
wenn
die
Patienten
noch
Jugendliche
sind
oder
schon
im
Rentenalter
sind.
Kurz
vorausgehende
schwereres
Traumen/Unfälle,
konstante,
zunehmende
nicht
belastungsabhängige
Schmerzen
sollten
ebenfalls
misstrauisch
machen.
Thoraxschmerzen
gehören
immer
auch
internistisch
abgeklärt.
Bei
Osteoporose
oder
länger
dauernder
Einnahme
von
Kortison
sowie
nach
einem
epileptischen
Anfall
muss
an
Wirbelbrüche
gedacht
werden.
Bei
Immunsuppression,
Drogenabusus,
HIV,
Fieber,
schlechtem
Allgemeinzustand
und
systemischem
Unwohlsein
(Schwäche,
Müdigkeit,
Nachtschweiß..)
muss
an
eine
infektiöse
Genese
gedacht
werden.
Bei
Vorgeschichte
einer
Tumorerkrankung
und
ungewolltem
Gewichtsverlust
muss
an
Metastasen
gedacht
werden.
Wann Röntgen? Die Empfehlungen des Royal College of
Radiologists Third Edition 1995 Aus
National Clinical Guidelines
in Acute Low Back Pain (Acute Low Back Pain)
http://www.rcgp.org.uk |
| Symptome |
Art der Röntgenmethode |
Guideline |
Kommentar |
| 1) Chronischer Rückenschmerz ohne Hinweis auf eine
Infektion oder einen Tumor |
normales Wirbelsäulenbild |
nicht routinemäßig indiziert. |
Degenerative Veränderungen sind häufig und unspezifisch.
Hauptsächlich indiziert bei jüngeren Patienten zur Ausschluss-Diagnose
(Spondylolisthesis, ankylosierende Spondylitis Bechterew, etc) oder bei
alten Patienten wegen Wirbeleinbrüchen. |
2) Rückenschmerz mit folgenden Begleitsymptomen:
Blasen oder Darmentleerungsstörungen; Gefühlsstörungen besonders im
Anogenitalbereich aber auch an Armen und Beinen, Schwere und zunehmende
Schwäche (Lähmung), anderes neurologisches Defizit, vorausgegangene
Krebserkrankung; allgemeines Krankheitsgefühl, HIV- Infektion |
Kernspin |
Indiziert |
Immer sofortige Vorstellung beim
Facharzt, nicht die
Kernspinuntersuchung abwarten, normale einfache Röntgenbilder
schließen eine schwere Erkrankung nicht aus.
Die
Kernspintomographie
zeigt
dabei
recht
gut
die
anatomischen
Verhältnisse,
ist
aber
nicht
100%
zuverlässig.
Bei
eindeutigem
klinischem
Befund
und
fehlenden
eindeutigen
Zeichen
einer
Wurzelkompression
im
Kernspin
bleibt
der
klinische
Befund
ausschlaggebend.
Fast
30%
aller
Druckschädigungen
einer
Nervenwurzel
entgehen
dem
Kernspinbild.
dann
kann
eine
Myelopathie
indiziert
sein.
AmJ
Neurorad.
24:348-360 |
| 3) Akuter Rückenschmerz, Ischias, ohne die
oben genannten Begleitsymptome: |
normales Wirbelsäulenbild |
nicht routinemäßig indiziert. |
Akute Rückenschmerzen haben in der Regel Gründe die nicht
mit einem normalen Röntgenbild erfassbar sind. (Osteoporotische
Wirbelbrüche sind eine Ausnahme). Normale Röntgenbilder können darüber
hinaus in falscher Sicherheit wiegen. Bandscheibenschäden kann man nur im
Kernspin oder CT wirklich sehen. Kernspin ist dem CT deutlich überlegen.
Diese Untersuchungen sind auch zum Ausschluss von anderen Ursachen bei
Nicht- Ansprechen auf die Behandlung indiziert. |
| MRI / CT |
Bei Beschwerden nach 6 Wochen, nach manchen Leitlinien
auch erst nach 3 Monaten |
Unnötig vorzeitige Kernspintomographien führen nach einer neuen Studie zu
keinem Profit für die Patienten. Normale Röntgenbilder tun den selben Dienst,
sie kosten weniger und vermindern das Risiko unnötiger belastender Eingriffe,
sagt eine neue Studie. Jeffrey G.
Jarvik; William Hollingworth; Brook Martin; Scott S. Emerson; Darryl T. Gray;
Steven Overman; David Robinson; Thomas Staiger; Frank Wessbecher; Sean D.
Sullivan; William Kreuter; Richard A. Deyo,
Rapid Magnetic Resonance Imaging vs Radiographs for Patients With Low Back Pain:
A Randomized Controlled Trial
JAMA. 2003;289:2810-2818.
ABSTRACT |
FULL TEXT |
PDF.
Walter S.
Bartynskia
and Luke
Lina
Lumbar
Root
Compression
in the
Lateral
Recess: MR
Imaging,
Conventional
Myelography,
and CT
Myelography
Comparison
with
Surgical
Confirmation
American
Journal of
Neuroradiology
24:348-360,
March 2003

| Mechanische Ursachen für Rückenschmerzen
|
| |
Muskelverspannung |
Bandscheibenvorfall |
Spinalkanalstenose |
| Typisches Alter in Jahren |
20-40 |
30-50 |
>60 |
| Schmerzcharakteristik |
| Lokalisation |
Rücken |
Rücken/Bein |
Bein/Rücken |
| Beginn |
akut |
akut |
schleichend |
| Beim Stehen |
Zunahme |
Abnahme |
Zunahme |
| Sitzen |
Abnahme |
Zunahme |
Abnahme |
| Beugung nach vorne |
Zunahme |
Zunahme |
Abnahme |
| Lasègue |
- |
+ |
+ |
| Normales Röntgenbild |
- |
- |
+ |
| Computertomographie |
- |
BS- Vorfall |
WS-Kanal Einengung |
| Kernspintomographie |
- |
BS- Vorfall |
WS-Kanal Einengung |
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