Schwindel Seite 4
Neuronitis vestibularis Synonym wird auch von einer Labyrinthitis oder einer unilateralen Vestibulopathie gesprochen. Der Ausdruck Neuronits bedeutet "Nervenentzündung", "N. vestibularis" meint einen Ausfall des Gleichgewichtsnerven. Dass von einer "-itis" also einer Entzündung, ausgegangen wird, erscheint begründet. Vieles deutet auf einen Virusinfekt als Ursache hin. Nicht selten gehen Symptome wie bei einem Virusinfekt voraus. Die Erkrankungen kann epidemisch auftreten und soll häufiger mehrere Familienmitglieder gleichzeitig betreffen. Die Erkrankung tritt zudem am häufigsten im Frühjahr und Frühsommer auf. Dazu kommt, dass es Tiermodelle mit Viren gibt, die selektiv den Gleichgewichts- oder Hörnerven befallen. Ganz sicher geklärt ist die Ursache dieser Störung dennoch nicht. Die Inzidenz beträgt 3.5 pro 100,000 und Jahr. Symptome und Zeichen der Erkrankung Der heftige Schwindel bei dieser Erkrankung dürfte fast immer dazu führen, dass der Arzt nach hause gerufen wird. Die "Entzündung des Gleichgewichtsnerven" führt zu einem akut einsetzenden, extrem unangenehmen über Tage anhaltenden, heftigen Dauerdrehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen, bleichem Gesicht, Schweißausbrüchen, Gangunsicherheit mit Fallneigung zur betroffenen Seite. Es besteht ein horizontal-rotatorischer Spontannystagmus, der Drehschwindel ist zum gesunden Ohr gerichtet. Auch der Spontannystagmus schlägt mit der schnellen Phase zum gesunden Ohr. Die Patienten können allerdings in der Regel (im Gegensatz zu Patienten mit durch Schlaganfall verursachten Schwindel) stehen. Gelegentlich kommt es in den Tagen vorher bereits zu kurzdauernden Drehschwindelattacken, bevor der Dauerschwindel einsetzt. Die Intensität des Schwindelgefühls wird durch die Lage und durch rasche Bewegungen gesteigert. Am besten fühlen sich die Patienten wenn sie liegen. Die Neuronitis vestibularis geht auf eine Funktionsstörung oder der Ausfall eines Gleichgewichtsorganes oder der Gleichgewichtsnerven zurück. Bei der Untersuchung findet sich ein Gang- und Standataxie mit Auffälligkeiten im Romberg'schen Versuch (die Betroffenen fallen mit geschlossenen Augen zum betroffenen Ohr), horizontaler Spontannystagmus (zum nicht betroffenen Ohr) mit rotatorischer Komponente, und Übelkeit. Bei der kalorischen Testung (Spülung des Ohres mit warmem oder kaltem Wasser) zeigt sich eine verminderte oder aufgehobenen kalorische Erregbarkeit.
Der hinzugezogene Arzt sucht bei der Diagnostik zunächst nach anderen
neurologischen Symptomen um einen akuten Schlaganfall oder eine Blutung
auszuschließen. Er findet einen typischen Patienten mit einem horizontalen
Spontannystagmus mit rotatorischer (Dreh-) Komponente. Dies bedeutet, dass das
Auge spontan (in Ruhe) nicht ruht, sondern nach eine Seite zuckt und sich dabei
etwas dreht. Dabei ändert der Nystagmus bei Blickbewegungen nicht seine
Richtung. Bei einem Schlaganfall oder anderen Ursachen im ZNS findet sich zwar
oft auch ein Spontannystagmus, dieser ist aber meist rein horizontal, vertikal,
oder rotatorisch und ändert seine Richtung in der Regel je nach Blickrichtung.
Diese Unterscheidung gilt für den horizontalen Nystagmus nicht immer, fast immer
aber für den vertikalen und rotatorischen. Durch einfache Prüfung des
horizontalen Vestibulo-Okulären-Reflexes wird dann untersucht ob es sich um eine
peripher vestibuläre Störung handelt. Der Arzt nimmt dazu den Kopf des Patienten
in die Hand und bittet den Patienten die Nase des Untersuchers zu fixieren
(anzusehen). Der Patient wird hierdurch zunächst dazu gebracht etwa 10° von der
Mittellinie in eine Richtung zu sehen, der Kopf wird dann vom Untersucher rasch
in die Mittellinie gedreht, dies wird auch für die andere Seite wiederholt.
Der
Untersucher sieht dabei, ob die geöffneten Augen korrigierende Sakkaden
(ruckartige Bewegungen) in der Richtung, in der der Schaden am
Gleichgewichtsorgan vorliegt, durchführen. Die Augen sind hier nicht ohne
weiteres in der Lage unabhängig von der Kopfbewegung die Nase des Untersuchers
zu fixieren. Falls dies nur auf einer Seite der Fall ist, und sich keine anderen
neurologischen Symptome zeigen, ist die Diagnose schon sehr sicher.
Geprüft
wird dabei
die
Funktion
des
horizontalen Behandlung: Methylprednisolon verbessert signifikant den Heilungsverlauf. Nachgewiesen ist, dass unter Methylprednisolon die Funktion des Gleichgewichtsorgans schneller wieder hergestellt wird. Es ist zumindest anzunehmen, dass dadurch auch die Symptome schneller verschwinden, zumindest im Tierversuch bessert Methylprednisolon auch die zentrale Kompensation (Ausgleich des Schwindels über Lernvorgänge des Gehirns). Für Antibiotika, Valacyclovir oder Infusionen steht ein Wirkungsnachweis aus. In den ersten Tage erfolgt zur Linderung des Schwindels und der Übelkeit eine medikamentöse Behandlung. (Vomex A Zäpfchen, Promethazin 25mg als i.m. Spritze, Psyquil oder Sulpirid). Diese sollte, weil sie den Heilungsverlauf eher verzögert, nach 3-4 Tagen wieder eingestellt werden. Eine Besserung dies Schwindels der schließlich verschwindet tritt praktisch immer von alleine im laufe den nächsten 4 Wochen ein. Die Kompensationsmechanismen des Gehirns werden durch die Medikamente unterdrückt. Man behält seinen Schwindel, wenn man die Medikamente nimmt länger. Man braucht immer wieder Medikamente, um den Schwindel zu unterdrücken... Ein Teufelskreis. Oft muss wegen des vorhanden Erbrechens über Infusionen Flüssigkeit zugeführt werden. Dies ist aber der einzige Grund für Infusionen. Wenn Sie also wieder genügend trinken können und nicht mehr erbrechen, sollten diese eingestellt werden. Wichtig ist zu wissen, auch wenn sich das Gleichgewichtsorgan meist nicht vollständig erholt, so verschwindet dennoch der Schwindel wieder. Auch bei Labortieren bei denen man den Gleichgewichtnerven durchtrennt, erholt sich das Tier rasch von dieser anfangs sehr beeinträchtigenden Schädigung. Die Erholung von einem Verlust des Gleichgewichtsorgans gilt als Musterbeispiel für die Kompensationsmechanismen des Gehirns. Bei den Tieren gilt je höher entwickelt die Tierart ist (Beispiel Affen deutlich schneller als Katzen) umso schneller erholt sich das Tier vom Schwindel. Auch bei Tieren gibt es einen eindeutigen Trainingseffekt. Im weiteren Verlauf ist dann ein intensives
Gleichgewichtstraining am wichtigsten.
Der
Heilungsprozess
wird durch
Training
beschleunigt.
Ziel ist
es, das
Gleichgewichtssystem
unter
kontrollierten
Bedingungen
Schwindel
induzierenden
Situationen
auszusetzen,
um durch
den Reiz
die
Erholung
zu
fördern.
Auch falls
sich das
Organ
nicht
vollständig
erholt,
sorgt das
Gehirn für
die
Wiederherstellung
der
Gleichgewichtsfunktion. Bei geringer Belastbarkeit
wird mit Fixationsübungen begonnen. Der Patient dreht z.B. den Kopf und sieht
dabei einen feststehenden Gegenstand an. Oder er sieht einem sich bewegenden
Gegenstand nach. Mit zunehmender Belastbarkeit folgen dann
Gleichgewichts-Übungen im Sitzen, Stehen und Gehen. Auch hierbei soll ein
Gegenstand im Zimmer fixiert werden. Wesentlich für die Besserung ist die
rasche Kompensation der zentralen Tonusdifferenz durch ein frühzeitiges
Vestibularistraining und möglichst vielseitige Bewegung.
Im
Spontanverlauf
also auch
ohne
Behandlung
bessert
sich die
Symptomatik
innerhalb
von
einigen
Tagen. In
der Regel
sind die
Patienten
nach zwei
bis drei
Wochen
soweit
beschwerdefrei,
dass sie
den Alltag
wieder
bewältigen
können.
Rezidive
sind, im
Gegensatz
zu den
beiden
anderen
Krankheiten
des
peripher-vestibulären
Systems,
sehr
selten. Die Erholung ist
bei ganz
genauer
Untersuchung
meist nicht ganz komplett, bis zu 90% der Patienten weisen bei genauer
Untersuchung nach einem Monat, 80% nach 6 Monaten bei der kalorischen Prüfung
Auffälligkeiten auf, nur bei 42% trat bei einer Untersuchung eine
vollständige Erholung auf,
das
Gleichgewichtsorgan
kann sich
in einem
Zeitrahmen
von 3
Jahren
erholen.. Auch Defizite des Vestibulo-okularen Reflexes
bleiben bei vielen nachweisbar, das Ausmaß der subjektiven Gleichgewichtsstörung
beim Gehen und bei Kopfbewegungen zum betroffenen Ohr korreliert aber nicht
unbedingt mit dem Befund.
Auch bei
weiter
bestehenden
leichten
Auffälligkeiten
in der
körperlichen
Untersuchung
besteht
subjektiv
meist
Beschwerdefreiheit.
Leichter
Schwindel
der
gelegentlich
bei
raschen
Kopfbewegungen
(z.B.
ausgeprägtem
Kopfschütteln)
auftritt
kann
manchmal
bleiben,
ist aber
zumindest
teilweise
einem
Training
zugänglich.
Bei
aufgesetzter
Frenzelbrille
kann
dieser
Restschwindel
mit seinem
Nystagmus
sichtbar
gemacht
werden.
Durch die
so
genannte
zentrale
Kompensation
kann das
Gehirn den
Ausfall
eines
Gleichgewichtsorgans
soweit
kompensieren,
dass das
Gleichgewicht
wieder
problemlos
gehalten
werden
kann und
kein
Schwindel
empfunden
wird, auch
wenn noch
Defizite
in einem
Gleichgewichtsorgan
messbar
sind. Wenig sinnvolles: Oft angewendete "durchblutungsfördernden
Therapien" entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage, allenfalls können die
Infusionen den Flüssigkeitsmangel durch das oft vorhandene Erbrechen
ausgleichen. Dass bei jeder Infusion auch eine Kreislaufüberlastung, ein
Thrombophlebitisrisiko usw. resultieren kann, lässt diese Behandlungen
schlechter als eine Placebotherapie (oder gar keine Behandlung) erscheinen. Auch
die nach HAES- Infusionen häufig ein halbes Jahr anhaltenden
Juckreizerscheinungen am Körper sind ein unnötiges Risiko. Infusionen sind bei
Durchblutungsstörungen der A. basilaris und ihrer Äste nicht wirksam und es ist
schwer verständlich, warum sie ausgerechnet bei einem kleinen Basilarisast –
nämlich der A. labyrinthi – wirksam sein sollen. Bei einer seltenen und zunächst
nachzuweisenden hochgradigen Vertebralis- oder Basilaris- Stenose kann
dagegen eine Antikoagulation erforderlich werden. Es ist extrem zweifelhaft,
dass irgendein sogenanntes gefäßerweiterndes Medikament im Labyrinth signifikant
den Blutfluss im Innenohr beeinflusst. Die
Vorstellung, dass Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen gehäuft bei
Neuronitis vestibularis
vorhanden sind, wurde vielfach untersucht. Es wurde dem Nikotinabusus,
Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, Hypercholesterinämie für die Entstehung
dieser Störungen große Bedeutung zugemessen. Auswertungen zeigen sich
jedoch, dass diese für den Herzinfarkt oder Schlaganfall
festgelegten Risikofaktoren nicht gehäuft vorkommen. Dies gilt
hier ebenso wie bei Tinnitus- oder Hörsturzpatienten. Die oft jungen
Patienten entwickeln später auch nicht häufiger einen Schlaganfall oder
Herzinfarkt als andere Gleichaltrige. Die Durchblutungsstörung wurde bisher auch
noch nie histologisch gesehen. Wenn es sich um Durchblutungsstörungen
handeln würde, müssten Gehör und Vestibularisfunktion gleichzeitig gestört sein.
Neben dem sehr wichtigen raschen Ausschluss eines Schlaganfalls können auch andere Erkrankungen des Ohres Ursache für eine akuten Dauerdrehschwindel sein. Besonders trifft dies bei gleichzeitiger Hörminderung auf dem betroffenen Ohr für Innenohrerkrankungen wie eine (auch manchmal eitrige) Labyrinthitis, eine Labyrinthinfarkt, eine Perilymphfistel oder einen M. Menière zutreffen. Unklar bleibt, ob es eine oder mehrere verschiedene Ursachen gibt, sicher ist, dass bisher keine belegt oder bekannt ist. Wann chronifiziert der Schwindel? In einer Berliner Dissertation (Tröger), wurden 67 Patienten mit akutem einseitigem Vestibularisausfall über 6 Monate beobachtet. bei 13 der 67 Patienten (19.6%) bestanden nach sechs Monaten noch Schwindelsymptome an. Bei 11 der 13 Patienten handelte es sich dabei weniger um klassische Schwindelsymptome als vielmehr um schwindelassoziierte autonome Symptome, die als Angstäquivalent interpretiert werden können. Als Risikofaktoren fanden sich weibliches Geschlecht, die dysfunktionale Bewertung beängstigender Situationen sowie eine dependente Persönlichkeitsstruktur. Diese drei Faktoren erklären fast 35% der Varianz schwindelassoziierter Beschwerden sechs Monate nach Neuropathia vestibularis. Chronifizierter Schwindel nach Neuropathia vestibularis scheint in erster Linie ein Angstäquivalent zu sein und beruht zum großen Teil auf der dysfunktionalen Bewertung des Schwindels zu Beginn. Der Schwindel ist dann meist ein Angstäquivalent, ohne dass notwendigerweise ein bewusstes Angsterleben besteht. Auch neuere Untersuchungen bestätigen, katastrophisierende Gedanken und Befürchtungen bezüglich des Schwindels fördert die Entwicklung psychosomatischen Schwindels im Sinne eines Angstäquivalents.
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