Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Kraftgrade
Motorische Funktionsprüfung British Medical Research Council (BMRC) 1978
Definition Kraftgrad
Fehlende Muskelkontraktion 0
Eben sichtbare Muskelanspannung 1
Bewegung des Gliedmaßenabschnitts bei Ausschaltung der Schwerkraft 2
Aktive Bewegung gegen die Schwerkraft

3

Aktive Bewegung gegen leichten Widerstand 4-
Aktive Bewegung gegen mäßigen Widerstand 4
Aktive Bewegung gegen kraftigen Widerstand (jedoch schwächer als auf der Gegenseite) 4+
Normale Kraft

5

Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen, eine Körperseite fühlt sich taub an)

Bewertung der Sensibilitätsstörungen: Nicht jedes Kribbeln ist ein Hinweis auf einen Schlaganfall. Fast nie ist es ein Hinweis auf Durchblutungstörungen an Armen und Beinen. Für die Beurteilung der hier erhobenen Befunde ist eine exakte Kenntnis der komplizierten physiologischen Hautinnerinnervationsverhältnisse (zentral, peripher und segmental ) Voraussetzung.  Nicht bei jedem Patienten wird jedes Detail untersucht, der Untersucher muss einschätzen können, wo ein ganz genaues Nachschauen erforderlich ist. Wie bei Lähmungen können auch Sensiblitätsstörungen ihre Ursache nicht nur in Schäden des Gehirns durch einen Schlaganfall haben, sondern auch in Schäden der peripheren Nerven. Wichtig ist hier für die Unterscheidung zunächst die genaue Feststellung in welchem Hautbezirk sich der Schaden feststellen lässt. Die Untersuchung der Schmerzwahrnehmung oder Spitz-Stumpf-Unterscheidung mit einer Nadel kann diese Hautbezirke oft besser abgrenzen als die Prüfung des Berührungsempfindens. Manchmal ist es bei Sensibilitätsstörungen erforderlich, das betroffene Gebiet am Patienten beispielsweise mit einem Kugelschreiber zu markieren um die Ausdehnung genauer abschätzen zu können, oder auch um zu überprüfen ob diese reproduzierbar ist. 

Zentral bedingte, also im Zusammenhang mit einem Schlaganfall stehende Sensibilitätsstörungen haben eine typische Verteilung je nach Ort der Schädigung im Gehirn, ihre Verteilung ist diffuser als bei peripheren Nervenschäden, sie betrifft häufig eine ganze Gliedmaße oder eine ganze Körperhälfte.  

Die Verteilung von peripher (also außerhalb des zentralen Nervensystems von Hirn und Rückenmark) bedingten Sensibilitätsstörungen wird durch zwei voneinander unabhängige Ordnungsprinzipien bestimmt: von der segmentalen, radikulären (Nervenwurzel) Gliederung (Dermatome) einerseits und von dem Verteilungsmuster der peripheren Nervenverästelungen andererseits. (hinzu kommt noch die besondere Verteilung bei Plexusläsionen). Radikuläre oder periphere Sensibilitätsstörungen unterscheiden sich vor allem durch die Verteilung des Ausfalles.

Zur sogenannten Oberflächensensibilität gehört die Wahrnehmung Berührungs-, Schmerz- und Temperaturreize auf der Haut. 

Als besondere Leistung der Tiefensensibilität gelten das Bewegungs-, Lage- und das Vibrationsempfinden. 

Schließlich wird als Stereognosie die Fähigkeit bezeichnet, Gegenstände durch Betasten ohne Kontrolle durch das Auge zu erkennen. An der Stereognosie sind differenzierte (epikritische) Leistungen der Oberflächensensibilität und die Tiefensensibilität beteiligt

Taktile Ästhesie. Oft ist es sinnvoll, die Sensibilitätsprüfung mit der Frage an den Patienten einzuleiten, an welcher Körperstelle seine sensibel Wahrnehmung beeinträchtig ist, oder wo sich Berührung oder Druck anders als bisher anfühlen. Man kontrolliert den oberflächlichen Drucksinn der Haut, die Berührungsempfindung, mit leichten, streichenden Berührungen durch einen Wattebausch, eine Hühnerfeder, ein Holzstäbchen, den Glaskopf einer Stecknadel oder dergleichen. Die Prüfung mit der bloßen Fingerkuppe hat den Vorteil, daß der Untersucher selbst die Intensität der Druckentfaltung spüren kann. Was der Arzt auf diese Weise selbst als ,,gleich" wahrnimmt, sollte auch die zu untersuchende Person so erkennen.
Zweipunkt- Unterscheidung. Diese erlaubt eine quantitative Analyse der taktilen Ästhesie. Dies geschieht mit Hilfe des sog. Webersehen Tastzirkels, eines Zirkels mit rechtwinklig abgebogenen stumpfen Enden und einer Skala, welche die Abstände dieser Enden in Millimeter anzeigt. Bei einer Rarefizierung der Druckpunkte in der Haut wird der Mindestabstand der Unterscheidungsmöglichkeit zweier Berührungspunkte vergrößert. Normalerweise werden zum Beispiel an der Fingerkuppe zwei Punkte im Abstand von 3-5mm noch als differente Berührung empfunden. Wichtig ist immer auch der Vergleich mit der analogen Region der gesunden Seite  Als improvisierter Tastzirkel kann eine auseinandergezogene Büroklammer verwendet werden 
Algesie. Als Hyper-, Hyp- und Analgesie werden Steigerung, Abschwächung und Aufhebung des Schmerzempfindens bezeichnet. Die Schmerzempfindung wird vielfach mit einer Nadelspitze geprüft. Dies ist nicht immer zuverlässig, da die Nadelspitze in gewissen, wenig empfindlichen Körperregionen sehr wohl zwischen zwei Schmerzpunkten an die Haut angesetzt werden kann, wodurch dann eine Verminderung des Schmerzsinnes vorgetäuscht wird. Im wesentlichen ist immer eine Spitz- Stumpf- Unterscheidung möglich, wie spitz ein Gegenstand empfunden wird, ist allerdings auch generell bei Gesunden immer an verschiedenen Körperregionen und zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich. Eine andere Möglichkeit ist, eine Hautfalte zwischen zwei Fingern mit den Nägeln zu klemmen, wobei man auch die Intensität des Reizes beim Vergleich mit einer gesunden Region annähernd dosieren kann. Die Prüfung der Algesie kann meist das von einer Sensibilitätsstörung betroffene Hautgebiet besser abgrenzen als die Prüfung der taktilen Ästhesie. Besondere Bedeutung hat die Prüfung der Algesie auch, wenn der Verdacht auf eine Rückenmarksschädigung besteht und das sensible Niveau gesucht wird. Nadeln haben bei der Prüfung den Nachteil, dass es möglich ist den Patienten zu verletzen, sie dürfen auch nur bei einem Patienten verwendet werden.
Thermästhesie. Als Thermhyp- und Thermanästhesie werden Abschwächung und Aufhebung des Temperaturempfindens bezeichnet. Am einfachsten ist die Prüfung mit dem kalten Metallteil des Reflexhammers, auch im Gegensatz z.B. zum Holzgriff. Sinnvoll ist, dass der Reflexhammer kälter ist als die Haut des Patienten. Gegenstände die Temperatur leiten, wie Metall, werden immer als kühler empfunden als Gegenstände die Temperatur schlecht leiten wie Holz oder Kunststoff.  Die Temperaturempfindlichkeit  kann man auch mit Hilfe zweier Reagenzgläser oder besser zweier Metallgefäße prüfen, die man mit kaltem bzw. warmem Wasser füllt. Die Temperaturunterschiede sollten nicht zu groß sein, nur so, daß sie der Untersucher in seiner Hand deutlich empfindet (warm bis 30°C kalt bis 10°C).
Vibrationsempfindung.  Störungen des Vibrationsempfindens nennt man Pallhyp- bzw. Pallanästhesie. Man setzt eine angeschlagene Stimmgabel (128 Schwingungen /s) mit ihrem Fuße zunächst auf die Finger oder Zehenballen auf, falls hier keine Vibration gefühlt werden kann, wird erst auf auf tastbare Skelettvorsprünge (Sprunggelenk, Schienbein, Kniegelenk, Darmbeinstachel) aufgesetzt. Nachteil beim aufsetzten der Stimmgabel auf Skelettvorsprünge ist, dass Knochen die Vibration über weite Strecken leiten und damit die Wahrnehmungsfähigkeit des Patienten überschätzt wird. Man überprüft mit der nichtschwingenden Gabel immer noch einmal, ob der Patient wirklich das Schwingen spürt und korrekt angibt.
Dermolexie oder Graphästhesie oder Zahlenschrifterkennen. In der Regel mit dem Finger des Untersuchers aber auch mit einem Holzstab werden dem Patienten Zahlen zwischen 0und 9 auf die Hohlhand oder den Unterschenkel geschrieben, der Patient versucht diese mit geschlossenen Augen zu erkennen oder zu ,,lesen".
Bewegungsempfinden (Propriozeption) wird geprüft an distalen Gelenken der Hände und Füße, wobei vom Untersucher die Endglieder seitlich gefasst und dann passive Beuge- und Streckbewegungen durchgeführt werden. Der Patient hat dabei die Augen geschlossen. An den Fingern muss dabei das Grundglied ebenfall seitlich festgehalten werden, damit sich nur das distale Glied bewegt. Finger oder Zeh werden jeweils nach oben oder unten bewegt. Die Richtung der jeweils vollzogenen Bewegung hat der Patient dann anzugeben. Die meisten Patienten können mit geschlossenen Augen auch feinste Bewegungen in den Finger- oder Zehengelenken unterscheiden und erkennen. Wenn der Patient am Finger oder Zeh ein normales Bewegungsempfinden hat kann auf die Prüfung des Bewegungsempfindens an den proximalen Extremitäten verzichtet werden. Bei massive Störung an Fingern und Zehen wird aber auch im Hand- Ellbogen- und Schultergelenk bzw. entsprechend an den Beinen geprüft.
Lageempfinden  wird geprüft dadurch, daß der Kranke mit geschlossenen Augen eine vom Untersucher an der Gegenseite vorgegebene Extremitätenhaltung nachzuvollziehen hat.
Stereognosie (Tasterkennen) wird geprüft durch verschiedene Münzen oder Schlüssel, Sicherheitsnadel usw., die dem Kranken in die Hohlhand gegeben werden und die er erkennen soll. Das Unvermögen hierzu wird als Astereognosie (besser: Stereoagnosie) bezeichnet.
bei der dissoziierten Empfindungsstörung ist nicht die gesamte Oberflächensensibilität gestört, sondern nur die Schmerz- und Temperaturempfindung bei erhaltenem Berührungsempfinden,. (besonders bei Rückenmarksläsionen)

 

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