Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Hemianopsie, Homonyme. Ursachen:- Schädigung des Okzipitalhirns: (homonyme Hemianopsie nach kontralateral),- Schädigung der Sehstrahlung: (vordere oder hintere Schleife)(homonyme Hemianopsie nach kontralateral),- Schädigung des Traktus opticus: (homonyme Hemianopsie nachkontralateral)bitemorale Hemianopsie:Ursache:- Schädigung der ungekreuzt verlaufenden temporalen Fasern der N.opticus z.B. durch Hypophysentumor, dadurch Ausfall der nasalen Retinaanteile. Okzipitalhirnläsionen sind hauptsächlich durch optische Wahrnehmungsstörungen charakterisiert. Aus der begleitenden Hemianopsie, die auf einer Zerstörung des primären Sehfeldes oder der Sehstrahlung beruht, Iäßt sich die Seite der Läsion bestimmen. Es ist oft schwierig, echte Wahrnehmungsstörungen von durch Sprachstörung bedingten Benennungsstörungen zu unterscheiden.

Farbbenennungsstörungen treten bei linksseitigen Okzipitalhirnlasionen auftreten, während echte Beeinträchtigungen der Farbwahrnehmung mit rechtsseitigen Substanzdefekten verbunden sind. Das klinische Bild linksseitiger Läsionen umfaßt eine rechtsseitige Hemianopsie, Alexie und Farbbenennungsstörungen. Bei Läsionen im okzipito-parietalen Grenzbereich können zusätzlich Rechenstörungen auftreten. Obwohl Objektagnosie gewöhnlich auf beidseitigen Okzipitalhirnläsionen beruht, findet man sie gelegentlich auch bei linksseitigen Läsionen, wobei hier die Abgrenzung von einer Benennungsstörung bei Begleitaphasie besonders wichtig ist. Einige Autoren bezweifeln, ob es sich bei der optischen Agnosie um eine echte Wahrnehmungsstörung handelt und nehmen modalitätsspezifische Benennungsstörungen oder diskrete Störungen elementarer Sehfunktionen verbunden mit Demenz als Grundstörung an. Dasselbe gilt für die häufig nach linksseitigen Läsionen auftretenden Bildinterpretationsschwierigkeiten. Bei rechtsseitigen Läsionen können auf Grund von primären Störungen der Raumwahrnehmungen Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern (Prosopagnosie) und räumliche Lese-und Schreibschwierigkeiten auftreten. Bei Mitbeteiligung der Parietalregion können auch räumliche Desorientierungen und Konstruktionsapraxie entstehen. Ausgedehnte Läsionen können optische Agnosien und optische Halluzinationen bedingen.

Balintsyndrom 1909 berichtete Balint  über einen Patienten, der nach zweimaligen, plötzlichen Schwindelanfällen (bei vollem Bewußtsein) deutliche Sehstörungen sowie Probleme in der Kontrolle seiner dominanten rechten Hand bemerkte, infolge derer er weder lesen noch schreiben konnte und zahlreiche Probleme bei der Bewältigung von Alltagsaktivitäten hatte. Balint stellte folgende Symptome als typisch für das von ihm beschriebene Syndrom heraus: 1. die Unfähigkeit, die verschiedenen einzelnen Elemente, die eine visuelle Szene zusammensetzen, als Ganzes wahrzunehmen (räumliche Störung der Aufmerksamkeit oder Simultanagnosie), 2. eine Störung von Handbewegungen unter visueller Kontrolle (optische Ataxie) und 3. die Unfähigkeit, zielgerichtete Augenbewegungen auszuführen (Seelenlähmung des Schauens).   Balint-Syndrom ist eine ebenso seltene wie schwerwiegende neurologische Erkrankung, welche die betroffenen Personen derartig einschränkt, daß sie sich oft wie Blinde bewegen. Das erstmals von Rudolph Balint  beschriebene und nach ihm benannte Krankheitsbild tritt zumeist nach bilateralen posterior-parietalen Läsionen auf.

Pusher-Syndrom

Einige Patienten, die nach einem Schlaganfall eine Halbseitenlähmung erlitten haben, drücken sich aktiv mit den nichtgelähmten Extremitäten zur gelähmten Seite, so dass sie das Gleichgewicht verlieren und zu dieser Seite fallen. Dem Versuch, die schräge Körperhaltung passiv durch Aufrichten des Körpers zu korrigieren, wird massiver Widerstand entgegengesetzt. Dieses aktive Drücken der Patienten führte zur Bezeichnung des Störungsbildes als sog. "Pusher-Syndrom". Neuere Untersuchungen zur Ursache dieser Symptomatik ergaben, dass Pusher-Patienten ihren Körper dann als "aufrecht" orientiert empfinden, wenn er objektiv zur nichtgelähmten Seite gekippt ist. Demgegenüber werden visuelle (Seh-) und vestibuläre (Gleichgewichts-) Informationen über die Orientierung der visuellen Welt normal verarbeitet. Dem pathologischen Drücken von Pusher-Patienten liegt also eine selektiv gestörte Wahrnehmung der Körperorientierung in Relation zur Schwerkraft zugrunde. Dies zeigt, dass unser Gehirn zur Bestimmung und Kontrolle unserer Körperposition im Raum neben dem bekannten visuell-vestibulären System zur Orientierungswahrnehmung der visuellen Welt offensichtlich ein weiteres, hiervon unabhängiges gravizeptives (schwerkraftsensibles) System benutzt.

Chronischer Gesichtsschmerz zentraler Genese:  

Nach lokalen Hirnschädigungen, z.B. nach Schlaganfällen oder Blutungen, können einseitige Gesichtsschmerzen auftreten und hartnäckig anhalten. Gemeinsamer Nenner für die Entwicklung eines Schmerzes zentraler Genese im Gesicht ist eine Teilläsion im Thalamus oder im Trigeminuskerngebiet (z.B. bei umschriebenem Oblongatainfarkt) oder im Verlauf der aufsteigenden trigemino-thalamischen oder thalamo-limbischen Schmerzleitung. Der Schmerz ist einseitig lokalisiert, tritt mit oft längerer zeitlicher oder Schmerzreizen (Spontanschmerz, Allodynie, Hyperpathie). Nahezu immer findet sich ein sensibles Defizit. Der Schmerz ist wie bei der Trigeminusneuropathie und Deafferenzierungsschmerzen allgemein schwer beeinflußbar, selten ganz zu beseitigen. NSAR sind wirkungslos, Opioide im Effekt unzuverlässig. Medikamentös bietet sich ein Vorgehen wie bei der Trigeminusneuropathie an, also mit einem trizyklischen Antidepressivum und ggf. einem Antiepileptikum. Vereinzelt wurden positive Resultate mit Lidocain intravenös erzielt. Der Effekt hirnstereotaktischer Eingriffe zur Schmerzausschaltung ist unsicher. Soyka D, Pfaffenrath V, Steude U, Zenz M (1997) Therapie und Prophylaxe von Gesichtsneuralgien und chronischen Gesichtsschmerzen anderer Provenienz. Nervenheilkunde 16: 243–249

 

 

Koordinationsstörungen

An der Koordination, die das Zusammenspiel der verschiedenen Leistungen des Bewegungsapparates abstimmt, sind weite Bereiche des Nervensystems beteiligt. Vielfältig sind daher die Störungsmöglichkeiten der Koordination, wobei neben Großhirn und peripheren Nerven vor allem das Kleinhirn, extrapyramidale, auch Rückenmarksbahnen und das Gleichgewichtsorgan beeiligt sind. Am häufigsten treten im Rahmen des Schlaganfalles Koordinationsstörungen bei Kleinhirninfarkten und Hirnstamminfarkten auf.

Aphasie

Eine Beeinträchtigung im Verstehen oder Übermitteln von Gedanken durch Sprache in gelesener, geschriebener oder gesprochener Form, verursacht durch eine Verletzung oder Erkrankung der Hirnareale der dominanten Hirnhälfte, die für Sprache zuständig sind. Amnestische Aphasie: Die Person kann vorhandene Wörter nicht abrufen, erkennt aber von außen angebotene Wörter sofort bzw. kann sie richtig auswählen und zuordnen (bei sensorischer Aphasie nicht möglich). Motorische oder expressive Aphasie (Broca-Aphasie):Schwierigkeiten beim Sprechen oder Schreiben der beabsichtigten Begriffe. Sensorische Aphasie (Wernicke- Aphasie): Schwierigkeiten beim Verständnis geschriebener oder gesprochener Sprache. Die globale Aphasie ist eine starke Störung der Sprachproduktion und des –verständnisses manchmal auch ihr völliger Ausfall. Unterschieden werden von der Aphasie muss die Dysarthrie (siehe dort). Man geht generell davon aus, daß pro Jahr bei einer Bevölkerung von 100.000 Menschen mit etwa 60 Neuerkrankungen an Aphasie zu rechnen ist. In Deutschland erkranken jährlich etwa 45000 Personen an behandlungsbedürftigen Aphasien. Insgesamt leiden in Europa 250 von 100.000 Menschen an einer Aphasie, das sind allein in Deutschland ca. 300.000 . Dabei ist etwa die Hälfte der Betroffenen über 70 Jahre alt, die andere Hälfte liegt im Altersbereich zwischen 20 und 70 Jahren. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen beträgt nur etwa 4%.

 

 

Die 4 Modalitäten einer Sprache
mündlich und rezeptiv Wahrnehmung der Laute einer Sprache, auditives Sprachverständnis
mündlich und expressiv Artikulation der Laute einer Sprache, Sprechen
schriftlich und rezeptiv Lesen, Leseverständnis
schriftlich und expressiv Schreiben

 

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