Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Glossar: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y
Inhaltsverzeichnis  |  Suche  |  Startseite

 


Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Paruresis (Vermeidende)

oder Urinierhemmung Das häufige Leiden wird auch als schüchterne Harnblase oder psychisch bedingte Entleerungsstörung bezeichnet. Man versteht darunter das Unvermögen in Anwesenheit anderer (oder in der Befürchtung, dass andere dazukommen) auf öffentlichen Toiletten zu urinieren. Bei fast allen Männern, kommt es einmalig oder selten auf der öffentlichen Toilette vor, dass die beabsichtigte Blasenentleerung nicht zustande kommt, obwohl die Toilette mit entsprechendem Harndrang aufgesucht wurde. Für die Diagnose der Paruresis mit entscheidend ist, dass die Angst vor dem Scheitern des Vorhabens vorhanden ist. Diese Angst ist es letztlich, die die Blasenentleerung unmöglich machen kann. Betroffen sind überwiegend Männer, zumindest in leichterer Form sollen 2,7-7% der Männer betroffen sein. Pinkelrinnen in Toilettenwagen bei Volksfesten werden zur Horrorvorstellung, noch schlimmer kann es nur werden, wenn ein Bekannter androht, dass er zum Pinkeln mit gehen will. Oft wird dann der Besuch öffentlicher Toiletten vermieden, Freizeitunternehmungen wie z.B. Kneipen- oder Kinobesuche bei denen das Risiko besteht auf eine öffentliche Toilette angewiesen zu sein, werden zunehmend ebenfalls vermieden. In schlimmeren Fällen kann dies zu einer sozialen Isolation führen. Die Angst davor, dass der Mechanismus der Harnentleerung in der Öffentlichkeit der Herrentoilette nicht funktioniert, ist dabei oft kombiniert mit der übermäßigen Angst, dass der nachträufelnde Harn an der Hose sichtbare Nassstellen hinterlässt. Wenn es dann doch trotz unerwünschtem Publikum geklappt hat, bleiben dann die als peinlich empfundenen (und nicht selten übertriebenen und länger dauernden) Prozeduren sicherzustellen, dass die Hose trocken bleibt. Die Augen der Anderen scheinen für die Betroffenen ganz auf ihre Person gerichtet zu sein. Toiletten zum Sitzen soll es schon vor 3500 Jahren in Indien und vor 3100 Jahren im alten Ägypten gegeben haben, die erste Wasserspülung ist vor 3000 Jahren in Betrieb genommen worden. Im Mittelalter wurden die Exkremente einfach aus den Fenstern auf die Straßen der Städte geschüttet. Ab dem 16. Jahrhundert wurde der Zusammenhang zwischen Schmutz und Krankheit in Europa ernst genommen, erste Verordnungen schrieben Toiletten für Häuser vor. 1739 wurde in einem Pariser Restaurant die erste nach Geschlechtern getrennte Toilette eingeführt. 1824 soll die erste öffentliche Toilette in Paris in Betrieb genommen worden sein. Soziale Ängste haben möglicherweise im Altertum beim Urinieren keine Rolle gespielt. Im alten Rom sollen bei Gesellschaften Sklaven silberne Urinpötte gebracht haben, in die die Herren ungeniert urinierten, während sie Spiel und Unterhaltung weiterführten. Vereinzeltes Wohnen mit mangelndem sozialem Training, zunehmende Ansprüche an Hygiene und Sauberkeit bei gleichzeitiger Tabuisierung der (häufig gestörten) menschlichen Ausscheidungsfunktionen machen anfälliger für mit den Ausscheidungsfunktionen im Zusammenhang stehende psychische Störungen. Es gibt keine allgemein gültige Ursache der Paruresis. Selbstwertprobleme, Minderwertigkeitsgefühle, eine allgemein übertriebene Neigung zur Scham können bei der Entstehung eine Rolle spielen. Die Kontrolle über die Blasen- und Darmentleerung ist eine Voraussetzung für die gelungene soziale Integration in den Kindergarten und die Schule. Wenig andere Makel sind so peinlich, wie ein Einnässen oder ein Einkoten in der Öffentlichkeit. Hosenscheißer, Hosenseicher, Bettnässer etc gehören zu den Schimpfwörtern, die bereits Kinder besonders treffen. Diese soziale Ächtung der mangelhaften Blasen- oder Enddarmkontrolle stellt eine Motivation für Kinder wie Eltern dar, möglichst bis spätestens zum Kindergarten oder Schuleintritt/ersten Schullandheimaufenthalt... diesen Meilenstein in der kindlichen Entwicklung zu erreichen. Nicht nur für die verspotteten Nachzügler in dieser Entwicklung bleibt die Gewissheit, dass bei erkennbar mangelnder Kontrolle dieser Ausscheidungsfunktion eine nie vergessene Peinlichkeit droht. Druck und Zwang bei unbeholfener Erziehung besorgter Eltern können ebenso auslösend für spätere Probleme sein, wie besonders beschämende Situationen im Zusammenhang mit der mangelhaften Kontrolle der Ausscheidungen in Kindergärten, Schulen etc. Besonders überangepasste ehrgeizige Menschen, Menschen die um keinen Preis auffallen wollen und Menschen mit anderen sozialen Ängsten sind anfällig für eine manchmal sehr hinderliche Angst vor peinlichen Situationen auf der Herrentoilette. Hier könnte scheinbar sichtbar werden, dass sie den Meilenstein der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion nicht sicher erworben haben. Das Scheitern bei pubertären Weitpinkelwettbewerben oder in anderen Situationen bei denen es galt die Männlichkeit zu beweisen kann ebenfalls eine auslösende Beschämung sein. Wie bei alle sozialen Phobien ist eine verhaltenstherapeutische Behandlung Erfolg versprechend. Das Verfahren ist dabei ähnlich wie bei der Behandlung anderer Phobien. Betroffene lernen dabei sich mit Unterstützung eines Therapeuten der gefürchteten Situation schrittweise auszusetzen. Entspannungsverfahren unterstützen sie dabei. Die Angst lässt unter dieser Exposition mit der Übung nach. Die Urinierhemmung verschwindet. In einem Forschungsprojekt des Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf untersuchte Dr. Hammelstein die verhaltenstherapeutische Behandlung der Paruresis und kann bei einer Untersuchung von 60 Patienten auch sehr gute Erfolge vorweisen. Die Therapeuten, die bereit sind, die Betroffenen auf die Herrentoilette zu begleiten, dürften allerdings nicht überall in der Republik in ausreichender Zahl zu finden sein. Das Forum Paruresis.de bietet Betroffenen Unterstützung und Austausch. Überwiegend finden sich dort neben der Darstellung von Leidensgeschichten Betroffener auch nützliche Tipps für Betroffene. Wie in allen Foren ist nicht alles was gepostet wird sinnvoll. Im Zweifel sollten Betroffene immer auch mit Ihrem Arzt über das Thema sprechen.
 

Quellen / Literatur:

Dr. Hammelstein Universität- Düsseldorf Geschichte der Toilette  Paruresis.de/

 

Glossar: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y
Inhaltsverzeichnis  |  Suche  |  Startseite

 

Wichtiger Hinweis: Sämtliche Äußerungen auf diesen Seiten erfolgen unter Ausschluss jeglicher Haftung für möglicherweise unzutreffende Angaben tatsächlicher oder rechtlicher Art. Ansprüche irgendwelcher Art können aus eventuell unzutreffenden Angaben nicht hergeleitet werden. Selbstverständlich erheben die Aussagen keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, es wird daneben eine Vielzahl vollkommen anderer Erfahrungen und Auffassungen geben. Ich distanziere mich ausdrücklich von den Inhalten der Webseiten und Internetressourcen, auf die ich mit meinen Links verweise. Die Haftung für Inhalte der verlinkten Seiten wird ausdrücklich ausgeschlossen. Bitte lesen sie auch den Beipackzettel der Homepage, dieser beinhaltet das Impressum, weiteres auch im Vorwort. Das Glossar wurde unter Verwendung von Fachliteratur erstellt. Insbesondere dem ICD 10, dem DSM IV, AMDP- Manual, Leitlinien der Fachgesellschaften, Lehrbuch VT von J.Mragraf, Lehrbuch der analytischen Therapie von Thomä und Kächele, Lexika wie dem Pschyrembel, verschiedene Neurologie- und Psychiatrielehrbücher, Literatur aus dem Web, außerdem einer Vielzahl von Fachartikeln aktueller Zeitschriften der letzten 10 Jahre.Möglicherweise sind nicht alle (insbesondere kleinere) Zitate kenntlich gemacht. Durch Verwendung verschiedener Quellen konnte eine Mischung aus den unterschiedlichen Zitate nicht immer vermieden werden. Soweit möglich wird dies angezeigt. Falls sich jemand falsch oder in zu großem Umfang zitiert findet- bitte eine E-Mail schicken. Bitte beachten Sie: Diese Webseite ersetzt keine medizinische Diagnosestellung oder Behandlung. Es wird hier versucht einen Überblick über den derzeitigen Stand der medizinischen Forschung auch für interessierte Laien  zu geben, dies ist nicht immer aktuell möglich. Es ist auch nicht möglich, dass ein Arzt immer auf dem aktuellsten Stand der medizinischen Forschung in allen Bereichen seines Faches ist.  Es ist immer möglich, dass die medizinische Forschung hier noch als wirksam und ungefährlich dargestellte Behandlungsmaßnahmen inzwischen als gefährlich oder unwirksam erwiesen hat. Lesen Sie bei Medikamenten immer den Beipackzettel und fragen Sie bei Unklarheiten Ihren behandelnden Arzt. Medikamentöse Behandlungen auch mit freiverkäuflichen Medikamenten bedürfen ärztlicher Aufsicht und Anleitung. Dies gilt auch für alle anderen Behandlungsverfahren. Die hier angebotenen Informationen können nicht immer für jeden verständlich sein. Um Mitteilung, wo dies nicht der Fall ist, bin ich dankbar. Fragen Sie hierzu immer Ihren behandelnden Arzt. Dieser weiß in der Regel über die hier dargestellten Sachverhalte gut Bescheid und kann Ihren individuellen Fall und Ihre Beschwerden besser einordnen- was für einen bestimmten Patienten nützlich ist, kann einem anderen schaden.  Selbstverständlich gibt es zu den meisten Themen unterschiedliche Auffassungen. Soweit möglich wird hier dargestellt, woher die Informationen stammen. In den meisten Fällen mit einem entsprechenden Link (da diese oft ohne Ankündigung geändert werden, sind diese leider nicht immer aktuell zu halten). Leider ist die zitierte Literatur nicht immer kostenfrei zugänglich. Die Beschränkung auf kostenfrei zugängliche Literatur würde manches sehr oberflächlich lassen. In der Regel versuche ich mich in der Darstellung an deutschen oder internationalen Leitlinien der Fachgesellschaften und Metaanalysen der Literatur zu orientieren. Auch dies ist nicht überall möglich. Zum einen gibt es nicht überall solche Leitlinien, zum anderen werden diese mir nicht immer sofort bekannt. Manche Leitlinien sind lange nicht aktualisiert worden und von neuerer Literatur überholt, bzw, ergänzungsbedürftig.  Wenn möglich sind im Text Links zu solchen Leitlinien eingebaut. Auch Leitlinien sind nur Orientierungen, sie schließen nicht aus, dass generell oder im Einzelfall Fehler enthalten sind oder diese im Einzelfall nicht anwendbar sind. Ziel der Darstellung ist hier definitiv nicht, mich als Experten für irgendeines der in der Homepage dargestellten Krankheitsbilder auszuweisen. Ich gehe davon aus, dass alle vergleichbaren Fachärzte für Neurologie, Psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie ihre Patienten sorgfältig und genau so gut wie ich behandeln. Sollten Sie über eine Suchmaschine direkt auf diese Seite gekommen sein, werden Sie gebeten auch die Hauptseite aufzusuchen. Dort finden Sie einen Link zu den zuständigen Ärztekammern. Jeder Nutzer ist für die Verwendung der hier gewonnenen Informationen selbst verantwortlich, es handelt sich definitiv um keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Es wird keinerlei Haftung weder für die hier angebotenen Informationen noch für die in den Links angebotenen Informationen übernommen. Sollten Sie Links finden, die nicht (oder nicht mehr) seriös sind, teilen Sie mir dies bitte mit, damit ich diese löschen kann. Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen den Autor, welche sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden sind grundsätzlich ausgeschlossen, sofern seitens des Autors kein nachweislich vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verschulden vorliegt. Alle Angebote sind freibleibend und unverbindlich. Der Autor behält es sich ausdrücklich vor, Teile der Seiten oder das gesamte Angebot ohne gesonderte Ankündigung zu verändern, zu ergänzen, zu löschen oder die Veröffentlichung zeitweise oder endgültig einzustellen. Veränderungen erfolgen dabei ständig in Anpassung an neue Literatur oder weil sich meine Auffassung zu einem Thema aus anderen Gründen geändert hat.  Dieser Haftungsausschluss ist als Teil des Internetangebotes zu betrachten, von dem aus auf diese Seite verwiesen wurde. Sofern Teile oder einzelne Formulierungen dieses Textes der geltenden Rechtslage nicht, nicht mehr oder nicht vollständig entsprechen sollten, bleiben die übrigen Teile des Dokumentes in ihrem Inhalt und ihrer Gültigkeit davon unberührt.  Sollte sich jemand durch die Homepage in irgendeiner Form beleidigt, benachteiligt oder in sonst einer Form geschädigt fühlen, bitte ich um eine persönliche Kontaktaufnahme per E-Mail  oder telefonisch bzw. per Post. Bitte nennen Sie bei Mitteilungen Ihren vollständigen Namen und Ihre Adresse. Bei Mitteilungen von Kollegen bitte auch Tatsache, dass sie Kollege sind, sowie die Fachbezeichnung. Anonyme Mitteilungen sind in der Regel nicht willkommen. Karl C. Mayer