Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Spastische Paraplegien (Hereditäre) oder Spastische Spinalparalyse

Klinisch handelt es sich zunächst um eine  Ausschlussdiagnose, der genetische Nachweis ist inzwischen aber in vielen Fällen möglich. Hereditäre spastische Paraplegien (HSP) sind eine syndromatische Zuordnung, die mehr als 30 verschiedene Erkrankungen mit Gangstörungen einschließt. 15 bekannte Genloc, 4 identifizierten Gene (Spastin, Paraplegin, Proteolipidprotein – PLP und Adhäsionsmolekül LI). Die genaue Häufigkeit ist nicht bekannt, in Irland geht man für die autosomal dominante Form von eine Prävalenz von 1,3/100 000 aus, für alle Formen zusammen liegen die Angaben um 2-4/100000 in einer spanischen Studie sogar bei 9/100000.. Die Symptome der HSP können in jedem Alter beginnen, vom Kleinkindesalter bis zum Alter von über 60 Jahren.  Die Lebenserwartung ist bei den meisten Syndromen normal. Wenn die Symptoms im Teenagealter oder später beginnen schreitet die spastische Gangstörung in der Regel langsam über viele Jahre fort. Gehstöcke, Rollatoren, oder Rollstühle werden nach Jahren manchmal erforderlich. Wenn die Symptome in der frühen oder späten Kindheit beginnen, tritt meist nur eine geringe Verschlechterung über viele Jahre ein. Individuen mit frühem Beginn haben meist eine nicht fortschreitende Variante der HSP.  Sie sind von der infantilen spastischen Zerebralparese oft nur durch die Familienvorgeschichte zu unterscheiden. Die HSP-Syndrome werden als unkompliziert (oder als rein oder nonsyndromatisch) bezeichnet, wenn die Symptome auf eine progressive spastische Schwäche der Beine, oft begleitet von einer Urin- Drang Inkontinenz und geringen Zeichen einer Schädigung der Hintersäulen des Rückenmarkes, begrenzt sind. HSP Syndrome werden als kompliziert oder syndromatisch bezeichnet, wenn die Erbkrankheit andere neurologische Auffälligkeiten (besonders Neuropathie, Amyotrophie, Ataxie, geistige Behinderung oder ein verdünntes Corpus callosum) oder systemische Störungen (bes. Katarakte) für die andere Ursachen ausgeschlossen wurden einschießen.  Typisch ist ein mehr oder wenige fortschreitende spastische Lähmung der Beine. Keine pseudobulbäre Symptomatik, Symptomatik durch Hirnstammbeteiligung, keine Hirnnervenbeteiligung. Obligatorisch für die sichere Diagnose ist eine positive Familienvorgeschichte, eine progressive Gangstörung, Spastik der Beine, Hyperreflexie der Beine, Pyramidenbahnzeichen, meist ist eine Schwäche der Beine vorhanden, Sphinkterstörungen, leichte Störungen der Hinterstränge (Sensibilitätsstörung in 10%-65%) , ein Pes cavus, eine leichte terminale Dysmetrie, selten ein ASR- Verlust, sehr selten auch ein Lähmung der Arme, eine distale Amyotrophie. An eine andere Ursache der Lähmung ist besonders dann zu denken, wenn die Parese stärker ist, als die Spastizität erwarten lässt, die Ataxie ausgeprägt ist, die Amyotrophie oder die Beteiligung der Arme ausgeprägt ist, bei peripherer Neuropathie, Asymmetrie der Symptome, retinaler Pigmentation und extrapyramidalen Zeichen.  Die eindeutige Zuordnung der komplizierten Formen ist schwierig, und sollte vom Spezialisten oder einer Humangenetischen Abteilung vorgenommen werden. Fehldiagnosen sind hier leicht möglich. Differenzialdiagnose: Besonders ein B12 Mangel, eine Doparesponsive Dystonie, und strukturelle Rückenmarksschäden müssen ausgeschlossen werden. Multiple Sklerose und familiäre Motoneuronerkrankungen müssen ebenfalls ausgeschlossen werden.  Bei den komplizierten Formen kommen verschiedene Syndrome vor. Eine Amyotrophie ähnlich der hereditären motorischen und sensorischen Neuropathie, distale Schwäche und Atrophie kombiniert mit lebhaften Reflexen und pes cavus. Bei anderen Formen eine Atrophie der kleinen Handmuskeln, bei wieder anderen Formen (Troyersyndrom) eine Atrophie der kleinen Fußmuskeln, eine spastische Tetraparese, pseudobulbäre Lähmungen, Kleinwuchs bei den Amish people. Formen mit angeborenen Herzfehlern, geistiger Behinderung sind ebenfalls bekannt. Ebenso Formen mit cerebellären Zeichen, Dysarthrie, Taubheit, Demenz, Epilepsie, Dystonie, Optikusatrophie, hypogonadotrophem Hypogonadismus und Anosmie, Hyperekplexie und neonataler Hypertonie.. .. . Postmortem Studien von unkomplizierten HSP haben eine axonale Degeneration gezeigt, die besonders an den distalen Enden  des Traktus corticospinalis und den Fasern des Fasziculus gracilis lokalisiert ist. Bei den rezessiv, X-chromosomal vererbten oder dominant vererbten Formen mit variablem Alter bei Beginn gibt es oft in der Familie keine sonst bekannten Betroffenen. Die autosomal dominanten, autosomal rezessiveen, und X-lhromosomal vererbten HSP handelt es sich um genetische heterogene Gruppen. Durch Genmapping konnten bisher 20 verschiedene HSP loci die SPG 1-21 (SPastic parapleGia) genannt werden identifiziert werden.  Am bekanntesten ist die SPG4 Genmutation, die für 40% der autosomal dominante HSP verantwortlich ist. Bisher wurden 10 loci für die  autosomal dominante HSP, 7 loci für die autosomal rezessive HSP, und 3 loci für die X-chromosomal vererbte HSP veröffentlicht. Die verschiedenen genetischen Typen der unkomplizierten HSP können in der Regel kinisch und neuroradiologisch nicht unterschieden werden. Sie können innerhalb der Familie erheblich hinsichtlich der Schwere und des Alters des Auftretens variiren. Bei verschiedenen Formen sind auch viele assymptomatische Träger des Gens bekannt.
 

Quellen / Literatur:

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