Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Spielen / Spielsucht

In den USA geht man davon aus, dass knapp 2% der Bevölkerung spielsüchtig sind. (Can J Public Health/Rev Can Sante Publ 2001;92:168–172.) Die Anerkennung des „Pathologischen Glücksspiels" als eigenständiges Störungsbild begann 1980 mit der Aufnahme in die internationalen Klassifikationssysteme DSM und später ICD. Die aktuellste Operationalisierung findet sich im DSM-IV, wobei sich in der deutschen Übersetzung (Saß et al. 1996) eine unkorrekte Bezeichnung als „Pathologisches Spielen" anstelle von „Glücksspielen" (gambling) findet. Danach handelt es sich um ein andauerndes und wiederkehrendes fehlangepaßtes „Glücksspielverhalten", das sich in mindestens fünf von zehn suchttypischen Merkmalen ausdrückt: Pathologisches Spielen ist durch die Unfähigkeit charakterisiert, dem Impuls zum Glücksspiel zu widerstehen, obwohl schwerwiegende persönliche, familiäre oder berufliche Konsequenzen drohen oder bereits eingetreten sind. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.

Leitsymptome: Häufiges und wiederholtes Spielen, ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Glücksspiel (z.B. Spieltechniken, Möglichkeiten der Geldbeschaffung für neue Glücksspiele), wiederholte erfolglose Versuche, dem Spieldrang zu widerstehen, fortgesetztes Spiel trotz schwerwiegender Konsequenzen, wie Verarmung, Zerrüttung der persönlichen Beziehungen, das Spiel dient als Möglichkeit, Problemen oder einer depressiven Stimmung auszuweichen, das Spielverhalten wird oft gegenüber Familienangehörigen, dem Therapeuten oder anderen verheimlicht, kriminelle Handlungen wie Diebstahl zur Finanzierung des Spielens , Spielen mit steigenden Geldmengen, um die erwünschte Spannung zu erzielen , Unruhe oder erhöhte Irritierbarkeit bei dem Versuch, auf Spielen zu verzichten, Vertrauen auf andere zur Begleichung der Schulden. Spielsucht verschlechtert die Lebensqualität in allen Bereichen und führt zu vermehrter Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, vermutlich reduziert es nach der Studienlage auch die Lebenserwartung. Arch Gen Psychiatry. 2005;62:677-683

Besonders gefährdet Spieler zu werden, sind Menschen, die vorher schon ein erhöhtes Risikoverhalten zeigen und zur Impulsivität neigen. Das Persönlichkeitsprofil zukünftiger Spieler ist ähnlich dem von Menschen, die zu Alkoholmissbrauch, oder Cannabismissbrauch neigen. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die Verwandtschaft von pathologischem Spielen mit Substanzabhängigkeiten. Arch Gen Psychiatry. 2005;62:769-775 Schwerere depressive Erkrankungen finden sich unter Spielern deutlich häufiger als in der Gesamtbevölkerung (etwa 4-fach häufiger). Nach Untersuchungen ist dies weniger Folge der Verluste beim Spiel als Folge einer gemeinsamen genetischen Veranlagung. Arch Gen Psychiatry. 2005;62:1015-1021 Eine Befragung von 2417 Menschen die in ihrem Leben Probleme mit einer Spielsucht hatten und 43093 Menschen mit zeitweisen Alkoholproblemen mit zeitweise Spielsucht ergab, dass 36%–39% im vergangenen Jahr keinerlei Probleme mit dem Spielen hatten, obwohl nur 7%–12% jemals deshalb eine Behandlung oder eine Selbsthilfegruppe aufgesucht hatten. Ein Drittel der Amerikaner mit Spielsucht haben also ihre Spielsucht ohne jede Behandlung aufgegeben. Die Prognose der Spielsucht ist also möglicherweise besser als in manchen Veröffentlichungen angenommen. Auch bei anderen Süchten hören viele Betroffene ohne ärztliche oder psychologische Hilfe mit dem Suchtverhalten auf. Am J Psychiatry 2006; 163:297–302

Ein Übel kommt selten alleine. Viele Spielsüchtige leiden unter anderen psychischen Störungen. Am häufigsten sind Alkoholabhängigkeit und andere Substanzabhängigkeiten, antisoziale Persönlichkeit und andere Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Manien, Depressionen. Häufig bestehen mehrere psychische Störungen gleichzeitig. Die Wahrscheinlichkeit pathologischen Spielens ist z.B. bei Alkoholabhängigen in einer Studie 23 fach erhöht gewesen. In einer amerikanischen Studie hatten 73% der Spieler ein gravierendes Alkoholproblem, 32% eine Abhängigkeit von anderen Substanzen, 60% eine Persönlichkeitsstörung, die Hälfte eine affektive Störung, 41% eine Angststörung,  Entsprechend müssen diese begleitenden psychischen Störungen mitbehandelt werden. (Petry et al. Journal of Clinical Psychiatry 2005 66(5) 564-74)

Medikamente als Auslöser der Spielsucht. Spielsucht kann auch eine Nebenwirkung einer medikamentösen Behandlung sein. Dass Dopaminagonisten bei Parkinsonkranken nicht ganz selten eine Spielsucht auslösen ist seit mehreren Jahren immer wieder beschrieben worden. Dass eindeutig die Medikation und nicht die Krankheit schuld ist, belegt die Tatsache, dass Spielsucht inzwischen auch bei Restless legs Patienten unter einer solchen Behandlung beschrieben wurde. Die Patienten haben dabei teilweise deutlich über 100 000 Euro verspielt, die Spielsucht sistierte nach dem Absetzen der Dopaminagonisten. Ob im Umkehrschluss, Antipsychotika, die ja eine gegenteilige Wirkung haben eine sinnvolle Behandlung der Spielsucht wären ist nicht ausreichend untersucht, wäre aber denkbar. NEUROLOGY 2007;68:301–303 Die Auslösung einer Spielsucht durch Dopaminagonisten belegt auch eine Fehlfunktion des dopaminergen Hirnbelohnungssystems bei Spielsüchtigen.

Behandlung. Es gibt eine Vielzahl von einzelnen Berichten und Studien zum Erfolg psychotherapeutischer und milieutherapeutischer Interventionen bei Spielsucht. Die Studien sind allerdings uneinheitlich und oft mit geringer Fallzahl, so dass eine abschließende Beurteilung zum Erfolg einzelner Methoden nicht möglich ist. Im Vergleich zum Besuch von Selbsthilfegruppen ergibt sich nicht immer eine eindeutig positive Bilanz. Der Besuch von Selbsthilfegruppen sollte aber in jedem Fall empfohlen werden. Im Einzelfall immer auch eine Psychotherapie, die meisten Studien gibt es hier zur kognitiven Verhaltenstherapie.  Pharmakologisch  wurden bisher Opiatantagonisten, Stimmungsstabilisierer, und Serotonin reuptake Hemmer eingesetzt. Unter den Opiatantagonisten kann nach der Studienlage Naltrexon als wirksam gelten, dies trifft besonders für Menschen zu, die entweder selbst eine Alkoholabhängigkeit zusätzlich haben oder bei denen Alkoholabhängigkeit in der Familie bekannt ist. Besonders wenn eine bipolare Störung komorbid vorliegt, möglicherweise aber auch allgemein wird für Topiramat, Lithiumcarbonat, Carbamazepin und Valproat in Studien übereinstimmend eine positive Wirkung auf das pathologische Spielen berichtet. Eine kleine Studie zeigte ein fehlende Wirkung für Olanzapin. Angesichts positiver Studien für SSRI und Bupropion sind diese Medikamente unter Kosten und Verträglichkeitsgesichtspunkten in den meisten Fällen Mittel der Wahl. Andererseits, wenn eine Alkoholvorgeschichte in der Familie vorliegt oder bei gleichzeitige bipolarer Störung kommen Naltrexon oder Stimmungsstabilisierer in Betracht.


 

Quellen / Literatur:

  1. Renee M. Cunningham-Williams, Prevalence and predictors of pathological gambling: results from the St. Louis personality, health and lifestyle (SLPHL) study J Psychiatr Res J Psychiatr Res. 2005 July; 39(4): 377–390.
  2. Leung, Kit Sang; Treatment of pathological gambling.  Current Opinion in Psychiatry. 22(1):69-74, January 2009.
  3. Pallesen S, Mitsem M, Kvale G, et al. Outcome of psychological treatments of pathological gambling: a review and meta-analysis. Addiction 2005; 100:1412–1422.
  4. Dannon, Pinhas 12-Month Follow-Up Study of Drug Treatment in Pathological Gamblers: A Primary Outcome  Study.  Journal of Clinical Psychopharmacology. 27(6):620-624, December 2007.
  5. McElroy SL, Nelson EB, Welge JA, et al. Olanzapine in the treatment of pathological gambling: a negative randomized placebo-controlled trial. J Clin Psychiatry 2008; 69:433–440
  6. Dickson-Swift VA, James EL, Kippen S. The experience of living with a problem gambler: spouse and partners speak out. J Gambl Issues 2005; 13:1–22.
  7. Muelleman RL, DenOtter T, Wadman MC, et al. Problem gambling in the partner of the emergency department patient as a risk factor for intimate partner violence. J Emerg Med 2002; 23:307–312.

 

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