Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Whipple Morbus Whipple`sche Erkrankung

Die Erkrankung wurde bereits 1907 von Whipple beschrieben, aber erst im Jahr 2000 wurde das verursachende Bakterium Tropheryma whipplei, nachgewiesen. Über das Vorkommen des Erregers in der allgemeinen Umwelt gibt es noch wenige Daten. Eine Ausbreitung über Stuhl ist wahrscheinlich. Betroffen sind überwiegend Menschen aus ländlichen Regionen mit Berufen in der Landwirtschaft, Tierhaltung/schlachtung, im Baugewerbe etc.
Bisher sind erst etwa 1000 Fälle beschrieben worden, nach postmortem Studien soll die Prävalenz weniger als 0.1% sein. Die Erkrankung tritt überall auf der Welt auf, und befällt überwiegend weiße Männer im mittleren Alter. Da HLA-B27- positiive Menschen 2-3x häufiger erkranken, nimmt man an, dass viele Menschen mit dem Erreger in Kontakt kommen, aber nur die genetisch empfindlichen oder immunsupprimierten erkranken.

Im frühen oder Prodromalstadium, das meist etwa 6 Jahre dauert, leiden die Betroffenen meist unter Gelenkschmerzen und Arthritis. Bei immunosuppressiver Behandlung, wie beispielsweise Behandlung mit Kortikosteroiden oder Tumornekrosisfaktor ist der Verlauf beschleunigt. Durchfall kann dann bereits nach Beginn der Kortisonbehandlung auftreten. Danach kommt es zu Gewichtsverlust Durchfall, und manchmal auch anderen Organmanifestationen. Die Trias Diarrhoe, Malabsorption und Gewichtsverlust galt als typisch, kann aber auch fehlen. Wegen der vielfältigen Symptome und den technischen Schwierigkeiten bei der Diagnostik (die eine Endoskopie voraussetzt), wird die Diagnose häufig erst spät im Verlauf gestellt.
Die Differenzialdiagnosen, von der der M. Whipple abgegrenzt werden muss, schließen ein großes Spektrum von Erkrankungen wie entzündliche rheumatische Erkrankungen, Malabsorptionsyndrome wie Zöliakie, Sarkoidose und Lymphome), Morbus Addison, Bindegewebserkrankungen und eine große Anzahl neurologischer Erkrankungen ein.
In der Reihenfolge nach der Häufigkeit tritt folgende Symptomatik auf: Arthralgie oder Arthritis, Diarrhoe, Gewichtsverlust, Fieber, Lymphknotenvergrößerung, Melanodermie, immerhin bei einem Drittel neurologische Symptome, Augensymptome, Pleuraerguss. An neurologischen Symptomen sind kognitive Störungen (bis hin zur Demenz), supranukleäre Ophthalmoplegien, Bewusstseinsstörungen, psychische Störungen, Spastik, Zeichen einer hypothalamischen Schädigung, Hirnnervenstörungen, Myoklonus, epileptische Anfälle, Myorhythmien, Ataxien, und Sensibilitätsstörungen beschrieben worden. Neurologische Manifestationen der Erkrankung kommen als Beteiligung im Rahmen des klassischen M. Whipple vor, als neurologischer Rückfall nach zuvor durchgeführter antibiotischer Behandlung des M. Whipple und auch als isolierte neurologische Symptomatik.
In wie weit es asymptomatische Infektionen in der Allgemeinbevölkerung gibt ist strittig. In einer Serie wurde bei einem von 174 Blutspendern der Erreger nachgewiesen. In 2 anderen Studien wurde T. whipplei DNA im Speichel bei 19 und 35% gesunder Probanden nachgewiesen. Bei Menschen mit anderen Duodenal oder Magenerkrankungen wurde mittels PCR DNA von T. whipplei in 5% der Biopsien und 12% im Magensekret und Stuhlgang nachgewiesen. Diese Ergebnisse werden aber von anderen bezweifelt.
Anämie, Leukozytose, Thrombozytose oder -penie, Laborhinweise auf Malabsorption können allgmeine Hinweise sein. Bei zerebraler Beteiligung sind kernspintomographisch bilaterale, Signalanhebungen sowohl periventrikulär in der Weißen Substanz als auch subkortikal beschrieben. Solche Veränderungen sind aber insbesondere bei schon etwas älteren Menschen unspezifisch. Sie können auch ähnlich wie bei einer MS oder einer Vaskulitis aussehen. Klassischerweise wird die Diagnose mittels Dünndarmbiopsie oder Biopsie aus einem anderen befallenen Organ und lichtmikroskopischer Untersuchung nach PAS- Färbung gestellt. Verschiedene PCR- Assays sind entwickelt worden. Mit der Polymerasekettenreaktion (PCR) lassen sich kleinste Genommengen aus Gewebeproben oder Körperflüssigkeiten spezifisch nachzuweisen. Dies entspricht aber keinem sicheren Nachweis einer Erkrankung. Als Differentialdiagnose käme hier selbstverständlich auch eine asymptomatische Infektion bei einem Gesunden in Betracht. Der Erregernachweis mittels PCR im Liquor kann aber bei entsprechend passender zentral nervöser Symptomatik und Bildmorphologie als ausreichender Beweis der Erkrankung dienen. Behandlung: Vor die Erkrankung genauer bekannt war, verlief sie meist tödlich. Trimethoprim–Sulfamethoxazol scheint das wirksamste Antibiotikum zu sein, aber auch hier kommen Rezidive vor. Meist wird empfohlen 160 mg Trimethoprim und 800 mg Sulfamethoxazol 2x/Tag für 1-2 Jahre, üblicherweise nachdem zuvor parenteral mit Streptomycin (1 g/Tag) und Penicillin G (1,2 Millionen U/Tag) oder Ceftriaxon (2 g/Tag) für 2 Wochen anbehandelt worden ist. Rezidive sind immer möglich, wenn diese eine neurologische Symptomatik beinhalten, ist die Prognose schlecht. Interferonbehandlungen werden diesbezüglich experimentell eingesetzt. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind im Laufe der Behandlung notwendig.


 

Quellen / Literatur:

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