Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Charles Bonnet-Syndrom (CBS),

bei älteren Patienten mit unterschiedlich verursachten Sehstörungen auftretende visuelle Halluzinationen, sogenannte „Release-Halluzinationen” bei partieller Visusdeprivation. Die Patienten bleiben bewusstseinsklar, es fehlen andere Arten von Halluzinationen (multimodale Halluzinationen), es entsteht in der Regel kein Wahn.  Als Ursache wird eine Deafferenzierung, oder ein Mangel an tatsächlichem visuellem Input zu Gehirn angesehen. Dem Release-Phänomen wird also eine ähnliche Grundlage nachgesagt wie Sensationen am Phantomglied nach einer Amputation.  Für diese Hypothese spricht ein Experiment, bei dem  13 normalsichtigen Personen für 5 aufeinander folgende Tage vollständig die Augen verbunden wurden, von diesen berichteten 10 im Mittel nach einem Tag über visuelle Halluzinationen.  Journal of Neuro-Ophthalmology: June 2004; 24/2 109-113 Ähnliches wird für Musikalische Halluzinationen bei plötzlichen Hörverlust berichtet. In Studien mit Patienten mit schwerem Visusverlust ließen sich bei 6.3%–13% der Patienten visuelle Halluzinationen erfragen, die am häufigsten bei den Patienten auftraten, bei denen der Sehverlust abrupt eingetreten war. Warum beim Hörverlust Musikalische Halluzinationen und keine Stimmen auftreten, ist  bisher nicht bekannt.
 

Bekannte Gegenstände werden für etwas anderes gehalten. Oft Halluzinationen  von Menschen oder Tieren, die in der Wohnung sind. Nicht selten auch komplexe Szenen mit Gruppen von Menschen, meist ohne dass diese versuchen den Patienten zu beeinträchtigen. Die Patienten erleben diese Visionen manchmal während langen Zeiträume, fürchten sich aber, diese mitzuteilen, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden. Schließlich jedoch reagiert der Patient; erbost befiehlt er den Fremden, das Haus zu verlassen und beschuldigt sie des Diebstahls. Insgesamt ist aber der fehlende Bedrohungscharakter typisch. Spätestens nach entsprechender Aufklärung ist den Patienten in der Regel der halluzinatorische Charakter ihrer Wahrnehmungen bewusst..

 Gegenstand der Halluzinationen sind in absteigender Häufigkeit: Erwachsene, Kinder, Haustiere, andere Tiere, leblose Objekte. Szenische Konfiguration ist fast genau so häufig wie das halluzinierte Einzelobjekt. Scharfe Konturierung, stereotype Erscheinung, Mobilität und natürliche Größe sind weitere, häufig genannte Charakteristika. Eine Farbenpräferenz ist nicht erkennbar.  Ähnliches tritt auch bei Parkinsonpatienten manchmal (bis zu einem Drittel der Patienten) auf, dort wohl Folge der Medikamente wie Anticholinergika, L-Dopa. Die Halluzinationen sind charakteristischerweise jeweils kurzdauernd (Sekunden oder Minuten), meist geräuschlos, und treten meist im Dämmerlicht auf.  Augenschluss, Wegsehen oder Licht anmachen kann die Halluzinationen vertreiben. Wird die Ursache (z.B. grauer Star) beseitigt, verschinden die visuellen Halluzinationen meist vollständig.

Die Halluzinationen im Rahmen des Charles Bonnet Syndroms können über Jahrzehnte bestehen bleiben, können aber auch noch nach vielen Jahren einfach verschwinden. Viele Patienten leiden nicht unter ihren Halluzinationen und bedürfen deshalb keiner Behandlung sondern nur einer Aufklärung. Es handelt sich um eine Folge der Sehstörung und nicht um eine psychische Störung oder einen Hinweis auf ein Delir.  Große Studien zur Wirksamkeit von Medikamenten bei diesem seltenen Syndrom gibt es nicht. Berichte über die Anwendung von Risperidon, Cisaprid, Valproat, Carbamazepin, Clonazepam, SSRIs, Gabapentin und Olanzapin finden sich aber in der Literatur,- mit unterschiedlichen Behandlungsergebnissen.

Wenn zusätzlich zu den Halluzinationen neurologische Symptome,  ein kognitiver Abbau, oder eine mangelnde Einsicht in die Tatsache, dass es sich um  Halluzinationen handelt vorliegt sollte die Diagnose überprüft werden und nach anderen Ursachen der Halluzinationen gesucht werden.

 

Quellen / Literatur:

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