Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Bullying

Wenn ein Kind gequält, terrorisiert oder systematisch zum Opfer gemacht wird durch seine Peers, liegt Bullying vor. In Abhängigkeit von der Datenquelle (Selbstbericht, Auskunft durch andere), der Länge der berücksichtigten Zeitspanne (im Moment oder über die gesamte Schulzeit), der Dauer und Häufigkeit der Angriffe, der Berücksichtigung von Kräfteungleichgewicht und wahrgenommener Schwere der Angriffe ergab sich eine große Varianz der Häufigkeitsangaben von 3% bis 89.2% bzgl. des Auftretens von Bullying. Je spezifischer die Vorgaben / Definitionen, desto niedriger war die Rate der Betroffenen. Im Mittel geht man in den USA davon aus, dass 30% aller Jungs sind bereits auf dem Schulhof als Opfer oder Täter involviert sind. Mädchen sind seltener betroffen, was nicht in allen Studien berücksichtigt wurde. Nach neueren Untersuchungen gibt es dramatische Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, in einer WHO Befragung mit identischen Fragen (HBSC Studie 113 200 Schüler wurden im Alter von 11.5, 13.5, und 15.5 Jahren befragt, 74% bis 99% der im Unterricht befragten Schüler beteiligten sich an der Umfrage, 84 Fragen (http://www.hbsc.org) und zusätzlich landesspezifische Fragen wurden gestellt, Arch Pediatr Adolesc Med. 2004;158:730-736. ABSTRACT | FULL TEXT | PDF)

In westlichen Industrieländern bezeichneten sich 9% bis 54% der befragten Jugendlichen als Betroffen. Die dritthöchste Zahl von 25 Ländern wurde dabei in Deutschland erreicht, auch deutlich höher als in den USA. In allen Ländern zeigten die Betroffenen eine schlechtere psychosoziale Anpassung (P<.05). In allen oder fast allen Ländern berichteten Bullies, Opfer, und Bully-Opfer über größere Gesundheitsprobleme, und schlechtere emotionale und soziale Anpassung. Opfer, und Bully-Opfer berichteten über eine schlechtere Beziehung zu Klassenkameraden, Bullies und Bully-Opfer berichteten über einen größeren Alkoholkonsum und vermehrtes Tragen von Waffen. Bullying ist eine der wesentlichen Ursachen für Gesundheitsprobleme bei Kindern und Jugendlichen (bei Opfern wie Tätern) Auch bei den Kindern schon mit durchaus gravierenden Folgen, die dann ins Jugendalter andauern.  Zu den Folgen zählen nicht nur die spektakulären Amokläufer unter bewaffneten amerikanischen Jugendlichen sondern vor allem gravierende Anpassungsstörungen, Depressionen und Angsterkrankungen (besonders bei Mädchen, aber auch bei den Jungs schon eine Verdoppelung der Depressionshäufigkeit in der Jugend Arch Pediatr Adolesc Med. 2004;158:760-765) und körperliche Symptome. Die grundlegenden Merkmale des Konzepts Bullying beinhalten, dass die Quälerei beabsichtigt ist, dass die durch einen oder mehrere Täter ausgeführten Angriffe negative Folgen haben; diese negativen Aktionen geschehen wiederholt und über eine längere Zeitspanne; die Angriffe sind gegen ein Opfer gerichtet, das schwächer ist als die/der Angreifer (Olweus, 1984). Solche negativen Aktionen können über physischen Kontakt, Worte oder nonverbales Verhalten (Fratzen schneiden, obszöne Gesten machen) erfolgen, oder darin bestehen, dass der/die Angreifer es abzulehnen, die Wünsche der anderen Person zu erfüllen. Das Kriterium 'unterschiedliche psychische oder physische Stärke' ist entscheidend für das Vorliegen von Bullying. Es gibt direktes und indirektes Bullying Ersteres zeichnet sich durch ziemlich offene Angriffe auf das Opfer aus, letzteres durch z.B. soziale Isolation und Ausschluss des Opfers von einer Gruppe. Mit dieser Definition wird Bullying von gelegentlichen, unsystematischen Streitereien und von Aggression in einem weiteren Sinn abgegrenzt. Es gibt Autoren (Pikas, 1989), die zwischen Angriffen, die von einem einzelnen und solchen, die von einer Gruppe ausgehen, unterscheiden. Sie schlagen vor, den ersten Fall als ‘Bullying’, den zweiten Fall als ‘Mobbing’ zu bezeichnen. Letzterer Begriff entspricht der Bezeichnung ‘Kollektive Aggression’ in der Biologie/Ethologie und stimmt mit den linguistischen Wurzeln beider Begriffe überein (Ein ‘bully’ ist ein brutaler Mensch; unter ‘mob’ ist ein aufbegehrender Pöbel zu verstehen.). Diese Begrifflichkeit ist bisher nicht in die Literatur eingegangen. Nach dieser bezeichnet ‘Bullying’ Mobbing bei jungen Menschen, ohne der dyadischen oder kollektiven Natur von Angriffen bei der Verwendung des Begriffs ‘Mobbing’ Rechnung zu tragen. Mobbing und Bullying haben also viele Gemeinsamkeiten: Beide beziehen sich auf negative Aktionen, die wiederholt und über längere Zeit geschehen, ausgeführt durch eine oder mehrere Personen mit der Absicht, Schaden zuzufügen durch indirekte (Ausschluss von einer Gruppe) oder direkte (verbale, physische Angriffe) Strategien. Der scheinbare Unterschied zwischen beiden (die unterschiedliche Stärke bei Bullying zwischen Täter und Opfer, also die Betonung, dass das Opfer nicht mit den Angriffen fertig wird) ist in der neueren Literatur über Mobbing verschwunden. Bullys (Täter) zeichnen sich durch ein hohes Aggressionsniveau aus. Bullys sind im Gegensatz zu den Opfern in der Schulklasse meist anerkannt, dies trotz Verhaltensauffälligkeiten. Die Identifizierung von Bullys erfolgt durch die drei Items: 1) beginnt Prügeleien mit anderen Jungen in der Schule; 2) quält andere Jungen in der Schule; 3) wenn ein Lehrer ihn kritisiert, antwortet er und protestiert. Lehrer hatten in der Untersuchung Schüler nach diesen drei Items zu beurteilen. Auch Mütter und deren Söhne, die Bullys waren, stimmten der Aussage "Er / Ich wird / werde leicht ärgerlich auf andere Leute." öfters zu als Opfer und deren Mütter (Olweus, 1984). 60% der Bullys waren außerdem im Alter von 24 Jahren mindestens einmal vorbestraft. Außerdem sind sie signifikant stärker (physisch) (Einschätzungen von Peers und Lehrern). Sie mochten außerdem die Schule nicht. Sie fühlten sich subjektiv gesehen nicht so wohl hatten Probleme zu Hause. Die Variablen Negativismus der Mutter (positiv-warme vs. negative mütterliche Haltung), das Temperament des Jungen (ruhig- vs. heißblütig in frühen Jahren), das Ausmaß, in dem die Mutter aggressives Verhalten gegenüber anderen Familienmitgliedern toleriert sowie die Häufigkeit des Einsatzes von Methoden, die sich bestimmenden und Macht ausübenden Verhaltens bedienen, durch die Eltern haben einen signifikanten Einfluss auf die Aggressivität der Kinder. Kinder, die vermeidendes Anschlussverhalten zeigen, sind später eher Täter. Es gibt keine Belege dafür, ob all diese Merkmale notwendige, hinreichende oder überhaupt Bedingungen für das Auftreten von Bullying sind, da diese Merkmale durch korrelative Studien gewonnen wurden. Opfer sind physisch schwächer und zeigen Abweichungen von anderen. Z.B. sind sie Mitglieder einer ethnischen Minorität. Jedoch steht noch nicht fest, ob dieses Merkmal auch dann ausschlaggebend ist, wenn eine Minorität die einzige repräsentative Minorität in einer Gruppe ist Auch Fettleibigkeit ist eine mögliche Abweichung. Opfer treten nicht bestimmt auf und sind nicht aggressiv. Meist sind sie depressiver. Ist letzteres jedoch die Ursache oder Folge von Bullying ? Des Weiteren zeigen Opfer ein niedriges Selbstwertgefühl, d.h. sie haben eine negative Sicht von sich selbst und der eigenen Situation. Sie hatten in ihrer Kindheit eine unsichere Bindung zu ihrer Mutter. Abweichungen von anderen kommen jedoch bei jedem Menschen vor. Es ist möglich, dass sie den Bullys zur Rechtfertigung von Bullying dienen. Nicht untersucht ist die kleine Gruppe der Opfer, die zugleich aggressiv und unpopulär, d.h. provozierend, ist. http://www.student-online.net/Publikationen/126/ Opfer von Mobbing auf dem Schulhof neigen nach eine neuen Studie an 4811 Schulkindern zwischen 9 und 13 Jahren zu Suizidgedanken und Depressivität. Die Täter werden nicht selten später auch zu Straftätern. Daten die anregen in die Prophylaxe zu investieren.
 

Quellen / Literatur:

  1. Andre Sourander; et al., Childhood Bullying Behavior and Later Psychiatric Hospital and Psychopharmacologic Treatment: Findings From the Finnish 1981 Birth Cohort Study Arch Gen Psychiatry. 2009;66(9):1005-1012. ABSTRACT
  2. Tonja R. Nansel Bullying Behaviors Among US Youth, Prevalence and Association With Psychosocial Adjustment JAMA. 2001;285:2094-2100
  3.  Marcel F. van der Wal, Cees A. M. de Wit, and Remy A. Hirasing, Psychosocial Health Among Young Victims and Offenders of Direct and Indirect Bullying Pediatrics 2003; 111: 1312-1317. [Abstract] [Full text] [PDF]
  4. Jaana Juvonen, et al Bullying Among Young Adolescents: The Strong, the Weak, and the Troubled Pediatrics 2003; 112: 1231-1237. [Abstract] [Full text] [PDF]
  5.  Forero R, et al Bullying behaviour and psychosocial health among school students in New South Wales, Australia: cross sectional survey. BMJ. 1999;319:344-348.
  6. T. R. Nansel, et al Health Behaviour in School-aged Children B Cross-national Consistency in the Relationship Between Bullying Behaviors and Psychosocial Adjustment Arch Pediatr Adolesc Med, August 1, 2004; 158(8): 730 - 736. [Abstract] [Full Text] [PDF]
  7. E. Smith-Khuri, A Cross-national Study of Violence-Related Behaviors in Adolescents Arch Pediatr Adolesc Med, June 1, 2004; 158(6): 539 - 544. [Abstract] [Full Text] [PDF]
  8. Bond L, et al Does bullying cause emotional problems? a prospective study of young teenagers. BMJ. 2001;323:480-484

 

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