Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Affektinkontinenz

Rasches Anspringen von allen Affekten, die nicht beherrscht werden können und manchmal eine übermäßige Stärke haben können. Beispielsweise plötzliches Losweinen eines Patienten nach einem Schlaganfall, ohne dass er wirklich traurig wäre. Die Patienten leiden unter der mangelnden Kontrolle ihrer Gefühlsäußerungen, die oft gar nicht so wie dargeboten empfunden werden. Die indadäquaten Gefühlsäußerungen sind den Patienten peinlich, auch wenn sie bei Themenwechsel oft rasch wieder abklingen. Das pathologische Lachen und Weinen als Ausdruck der Affektinkontinenz wird als Enthemmungsphänomen motorischer Synergismen gesehen, damit Folge hirnorganischer Störungen. Aus Fallberichten mit Stimulation mittels Hirnelektroden wird vermutet, dass eine Schädigung der caudalen Capsula interna für die Affektinkontinenz verantwortlich ist. Affektinkontinenz kommt bei bei Schlaganfällen, R Binswanger Demenz, Vaskulärer Demenz, Multipler Sklerose, und bei anderen Hirnschädigungen bzw. organischen Psychosyndromen vor. Meist handelt es sich um Zustandsbilder nach einer Hirnverletzung im Rahmen der o.g. Krankheiten. Anfallsweises pathologisches Lachen oder Weinen kann aber in seltenen Fällen auch das erste oder einzige Zeichen eines Schlaganfalls oder einer akuten Hirnschädigung sein im Sinne eines "fou rire prodromique". Auch und besonders wenn bisher keine neurologische Erkrankung bekannt ist, ist das Auftreten pathologischer Emotionsäußerungen immer ein Grund für eine neurologische Diagnostik. Unter pathologischem Weinen versteht man dabei ein Krankheitsbild, bei dem meist wiederholte Anfälle von unfreiwilligem Weinen auftreten, die zur gegenwärtigen Stimmung des Betroffenen inkongruent sind und auch nicht zum situativen emotionalen, kognitiven, und sozialen Kontext passen, und ohne das Empfinden von Traurigkeit auftreten. Im selben Zusammenhang kann auch ein pathologisches Lachen in direkter Verbindung mit dem pathologischen Weinen auftreten. Dem pathologischen Weinen und dem pathologischen Lachen liegen die selben Mechanismen zugrunde. Sie sind beide oft Bestandteile eines weitergehenden pseudobulbären Syndroms bei dem nicht selten auch Schluckstörungen, Dysarthrie, sowie gesteigerte Reflexe der Gesichts-, Gaumen-, und Kiefermuskulatur vorliegen. Affektinkontinenz spricht in den meisten Fällen auf eine Behandlung mit Antidepressiva an. Eine solche Behandlung ist bei subjektivem Leiden sehr sinnvoll, da durch die Affektinkontinenz die sozialen Kontakte erheblich beeinträchtigt seinen können.

Affektinkontinenz wird in der Regel von Affektlabilität unterschieden. Auch hier besteht eine abnorme Variabilität der Affekte mit wiederholten, schnellen und abrupten Wechseln im affektiven Ausdruck .Letztere meint in der Regel aber ein unerwartet rasches Anspringen von Affekten, die tatsächlich in der Situation so empfunden werden. Beispielsweise, wenn jemand bei traurigen Filmsituation losweinen muss. Dies kann daran liegen, dass eine traurige Gefühlslage oder Depression oder eine andere affektive Störung, Histrionische Persönlichkeitsstörung oder eine andere extrovertierte Persönlichkeitsstörung vorliegt, oder die auslösende Situation an eine noch belastende Lebenssituation erinnert. Bei manchen Menschen ist eine gewisse Affektlabilität konstitutionell. Erleben, der Ausdruck und die Regulation von Emotionen unterliegen kulturellen Normen. Nicht jedes Weinen ohne Traurigkeit entspringt einer Krankheit. In jeder Kultur gibt es Menschen (Frauen>Männer, Kinder>Erwachsenen), die willentlich weinen können ohne, dass sie wirklich traurig sind, bzw. in dem sie sich etwas trauriges vorstellen. Man nennt dies manchmal auch taktische Tränen, da dies häufig zur Durchsetzung von Vergünstigungen eingesetzt wird. Nach Umfragen ist davon auszugehen, dass es sich dabei bei weiblichen Geschlecht um einen 2 stelligen Prozentsatz handelt, bei Männern eher jeder 20. Die Umgebung gibt zwar nicht selten den Tränen nach, bei länger dauernden Beziehungen wird diese Fähigkeit allerdings häufig vom Partner als problematisch erlebt. Der Satz Tränen lügen nicht, stimmt also in vielfacher Hinsicht nicht. Ein schönes Video mit Darstellung von Affekten
 

Quellen / Literatur:

  1. Siehe auch unter Affekt Affektisolierung Erlernen einer Steuerung des Affektes, Depression Emotionen emotionale Schwingungsfähigkeit parathym
  2. Kyungmi Oh Pathological Laughter as an Unusual Manifestation of Acute Stroke, Eur Neurol 2008;59:83–84
  3. H. L. Low, F. T. Sayer, and C. R. Honey Pathological Crying Caused by High-Frequency Stimulation in the Region of the Caudal Internal Capsule Arch Neurol, February 1, 2008; 65(2): 264 - 266.  [Abstract]
  4. H Kosaka, N Omata, M Omori, T Shimoyama, T Murata, K Kashikura, T Takahashi, J Murayama, Y Yonekura, and Y Wada Abnormal pontine activation in pathological laughing as shown by functional magnetic resonance imaging. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry,  December 1, 2006; 77(12): 1376 - 1380. [Abstract]
  5. R. Schiffer and L. E. Pope Review of Pseudobulbar Affect Including a Novel and Potential Therapy J Neuropsychiatry Clin Neurosci, November 1, 2005; 17(4): 447 - 454. [Abstract]
  6. R. A Smith, J. E Berg, L. E Pope, J. D Callahan, D. Wynn, and R. A Thisted  Validation of the CNS emotional lability scale for pseudobulbar affect (pathological laughing and crying) in multiple sclerosis patients Multiple Sclerosis, December 1, 2004; 10(6): 679 - 685. [Abstract]
  7. M S Okun, D V Raju, B L Walter, J L Juncos, M R DeLong, K Heilman, W M McDonald, and J L Vitek Pseudobulbar crying induced by stimulation in the region of the subthalamic nucleus J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry, June 1, 2004; 75(6): 921 - 923.  [Abstract]
  8. B. Wild, F. A. Rodden, W. Grodd, and W. Ruch Neural correlates of laughter and humour Brain, October 1, 2003; 126(10): 2121 - 2138. [Abstract]
  9. Scott McCullagh, et al., Treatment of Pathological Affect Variability of Response for Laughter and Crying, J Neuropsychiatry Clin Neurosci 12:100-102, February 2000
  10. J. Parvizi and R. Schiffer Exaggerated Crying and Tremor With a Cerebellar Cyst J Neuropsychiatry Clin Neurosci, May 1, 2007; 19(2): 187 - 190.  [Abstract]
  11. N A Shapira, M S Okun, D Wint, K D Foote, J A Byars, D Bowers, U S Springer, P J Lang, B D Greenberg, S N Haber, et al. Panic and fear induced by deep brain stimulation. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry, March 1, 2006; 77(3): 410 - 412.  [Abstract]

 

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