Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Alexie

erworbene Wortblindheit. Verlust der Lesefähigkeit durch kortikale Hirnverletzungen oder -erkrankungen. Beringer u. Stein beschrieben 1930 einen Fall mit reiner Alexie. Das Gehirn wurde später von Hassler pathologisch-anatomisch untersucht und der Befund 1954 publiziert. Es fand sich isoliert ein Erweichungsherd subkortikal im Mark der Basalfläche des linken Okzipitallappens. Meist tritt eine Alexie im Rahmen einer komplexeren Sprachstörung (z.B. Aphasie) auf. Sie kann aber auch als isoliertes neurologisches Defizit, meist als Folge eines Durchblutungsstörung im Versorgungsgebiet der linken Arteria cerebri posterior auftreten. Man unterscheidet dann die reine Alexie von der hemianopischen Alexie. Letztere ist die Folge einer homonymen Hemianopsie nach rechts, die das Lesen eines Textes mehr behindert, als das Lesen einzelner Wörter. Dies ist bedingt durch die Tatsache, dass bei von links nach rechts Lesern das vorausschauende Erkennen der rechten Buchstaben oder Wörter für die Planung der nach rechts gerichteten Sakkaden erforderlich ist, die so gestört ist. Menschen mit reiner Alexie haben eine schwerere Störung, die auch das Erkennen einzelner Wörter erschwert oder unmöglich macht. Obwohl auch sie manchmal eine homonymen Hemianopsie nach rechts haben, ist bei ihnen die Alexie nicht Folge der homonymen Hemianopsie. Es gibt einzelne Patienten mit Alexie ohne homonymen Hemianopsie. Meist haben sie ein Defizit im System der Erkennung von ganzen Worten. Das System zur Erkennung von ganzen Worten lässt gesunde lesekundige Menschen ein Wort mit 7 Buchstaben genau so schnell erkennen, wie ein Wort mit 3 Buchstaben. Patienten mit reiner Alexie haben eine Störung im System der Erkennung von ganzen Worten, dessen Verbindung zur primären Sehrinde, oder manchmal auch zu den höheren Sprachzentren. Obwohl manche dieser Patienten noch mehr oder weniger lesen können, müssen sie die Buchstaben einzeln erkennen, und mühsam zusammensetzen um versteckt oder offen zu einem Wort zu kommen. (Buchstabe zu Buchstabe lesen). Das Wort Hase wird beispielsweise nicht als Hase erkannt sondern als "H" "a" "s" "e" buchstabiert so dass ein primitives Lesen zustande kommt. Die Unterscheidung zwischen reiner Alexie und hemianopischer Alexie ist für die Behandlung und Rehabilitation sehr bedeutsam. Reine Alexie hat eine vergleichsweise schlechte Prognose, bei hemianopischer Alexie ist das Lesen sehr anstrengend, aber besser trainierbar, bei schwerer hemianopischer Alexie oder bei einem Beruf der viel Lesen verlangt, können auch leichtere Störungen des Lesens eine große Behinderung bedeuten. Japanische Autoren habe auch eine Alexie für Buchstaben beschrieben. Die Übertragbarkeit des Befundes ist angesichts der Komplexität japanischer Schriftzeichen aber schwierig.
 

Quellen / Literatur:

Yasuhisa Sakurai et al., Fusiform type alexia: Pure alexia for words in contrast to posterior, occipital type pure alexia for letters, Journal of the Neurological Sciences 247 (2006) 81 – 92, A P Leff, G Spitsyna, G T Plant and R J S Wise, Structural anatomy of pure and hemianopic alexia, J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry, 2006;77;1004-1007;

 

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