Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Alexithymie

von verschiedenen Untersuchern als eine Art emotionales Analphabetentum bezeichnete Richtung der gemeinsamen Charakteristika vieler psychosomatischer Patienten. "Alexithymie" heißt wörtlich Nicht-Lesen-Können von Affekten, damit eine Unfähigkeit, Gefühle zu identifizieren und zu benennen, verbunden mit der Bevorzugung eines Kommunikationsstils, der gekennzeichnet ist durch sachliche, detaillierte Beschreibung von Realitäten der Außenwelt unter Vermeidung von Mitteilungen über eigene Phantasien oder Vorstellungen. Nach Faktorenanalysen wurden vier Faktoren zusammengefügt: Die Betroffenen haben Schwierigkeiten zwischen Gefühlen und körperlichen Sensationen zu unterscheiden, sie können Gefühle nicht oder schlecht beschreiben, haben einen geringen Wortschatz für Gefühle, haben wenig Tagträume und Phantasien, es herrscht ein external-orientiertes Denken denken vor, die Introspektion ist vermindert, was zu Kommunikationsproblemen führt. Die Patienten scheinen auch allgemein eine an Phantasie arme Vorstellungswelt zu haben, auch ihre Träume sind phantasieärmer. Die körperliche Symptomatik wird hier als Ergebnis einer gerade nicht stattfindenden seelischen Verarbeitung akuter oder chronifizierter intrapsychischer Konflikte verstanden. Ein bestimmter interpersoneller oder intrapsychischer Konflikt trifft ein bestimmtes Individuum – meist aufgrund früherer Schädigungen – quasi schutzlos und es erscheint, ohne dass eine emotionale Reaktion bzw. Verarbeitung sichtbar werden, ein körperliches Krankheitssymptom. Der Verlauf bestimmter Krankheiten scheint durch eine Alexithymie negativ beeinflusst zu werden. Eine neue Studie beweist dies insbesondere für funktionelle Magendarmbeschwerden. Zusammenhänge dieser Art sind häufiger bei Patienten mit chronifizierten Somatisierungs- bzw. somatoformen Schmerzstörungen zu beobachten. Ein Teil dieser Patienten begegnet dem Ansprechen emotional relevanter interpersoneller oder intrapsychischer Themenbereiche häufig mit Unverständnis oder latenter Ablehnung. Als Gegenübertragungsgefühl entsteht oft Langeweile und Abneigung, der Eindruck, dass kein eigentlicher Kontakt entsteht. In diesem Zusammenhang bietet das Alexithymiekonzept einen theoretisch fundierten Zugangsweg zum Verständnis dieser häufigen klinischen Erfahrung. Betroffene verwechseln emotionale Zustände mit körperlichen Leiden, was sie für Somatisierungsstörungen anfällig macht. Anatomisch zeigen funktionelle Kernspinuntersuchungen eine Stoffwechselstörung im anterioren Cingulum und mediofrontaler Aktivität während der Verarbeitung emotionaler Stimuli. Die Rolle der Alexithymie in der Entstehung psychosomatischer Symptome wird allerdings kontrovers diskutiert. Die meisten psychosomatischen Symptome lassen sich damit nicht erklären.
 

Quellen / Literatur:

Sylvie Berthoz, Eric Artiges, Pierre-François Van de Moortele, Jean-Baptiste Poline, Stéphanie Rouquette, Silla M. Consoli, and Jean-Luc Martinot, Effect of Impaired Recognition and Expression of Emotions on Frontocingulate Cortices: An fMRI Study of Men With Alexithymia, Am J Psychiatry 2002 159: 961-967.Abstract] [Full Text]  .  Cornelis G. Kooiman, Jan H. Bolk, Ronald Brand, Rutger W. Trijsburg, and Harry G. M. Rooijmans Is Alexithymia a Risk Factor for Unexplained Physical Symptoms in General Medical Outpatients? Psychosom Med 2000 62: 768-778. [Abstract] [Full Text] L. De Gennaro, M. Ferrara, R. Cristiani, G. Curcio, V. Martiradonna, and M. Bertini, Alexithymia and Dream Recall Upon Spontaneous Morning Awakening, Psychosom Med, March 1, 2003; 65(2): 301 - 306. [Abstract] [Full Text] [PDF] James D. A. Parker, Tonya M. Bauermann, and Carlyle T. Smith Alexithymia and Impoverished Dream Content: Evidence From Rapid Eye Movement Sleep Awakenings Psychosom Med 2000 62: 486-491.[Abstract] [Full Text] Cornelis G. Kooiman, Jan H. Bolk, Harry G. M. Rooijmans, and Rutger W. Trijsburg, Alexithymia Does Not Predict the Persistence of Medically Unexplained Physical Symptoms; Psychosom Med 2004 66: 224-232. [Abstract] [Full Text Piero Porcelli, R. Michael Bagby, Graeme J. Taylor, Massimo De Carne, Gioacchino Leandro, and Orlando Todarello Alexithymia as Predictor of Treatment Outcome in Patients with Functional Gastrointestinal Disorders  Psychosom Med 2003 65: 911-918. [Abstract] [Full Text] Richard D. Lane, Lee Sechrest, Robert Riedel, Daniel E. Shapiro, and Alfred W. Kaszniak Pervasive Emotion Recognition Deficit Common to Alexithymia and the Repressive Coping Style Psychosom Med 2000 62: 492-501. [Abstract] [Full Text]  Cornelis G. Kooiman, Jan H. Bolk, Harry G. M. Rooijmans, and Rutger W. Trijsburg Alexithymia Does Not Predict the Persistence of Medically Unexplained Physical Symptoms Psychosom Med 2004 66: 224-232. [Abstract] [Full Text]

 

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