Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Impulsivität , Impulskontrolle

Ungeduld, Schwierigkeit abzuwarten und Bedürfnisse aufzuschieben, Handeln ohne zu überlegen, Beschäftigung sich mit potentiell gefährlichen Aktivitäten, ohne dass auf die möglichen Konsequenzen geachtet wird, mangelnde Kontrolle von Handlungsimpulsen, mangelnde Frustrationstoleranz, Handeln aus dem Moment heraus, keine Planung oder Nachdenken, mangelnde Konzentration auf die gerade zu lösende Aufgabe. Der komplexe psychische Problembereich der Impulsivität wird in 2 Subkomponenten, eine Antriebsdimension und eine Kontrolldimension, unterschieden. Diese Unterteilung entspricht einem Verständnis von Verhalten als Resultante aus mehr oder weniger ins Bewusstsein tretenden andauernden Kräften und Gegenkräften von Antrieb und Hemmung. Die Seite der Hemmung bildet sich im Konstrukt der Impulskontrolle ab, während der andere Aspekt als impulsiver Antrieb bezeichnet wird. Impulsivität ist damit eine Störung des Zusammenwirkens von Denken, Emotionalität und Verhalten. Impulsivität begünstigt Aggressivität und emotionale Instabilität.

Impulsivität wird mit einer zunehmenden Zahl psychischer Störungen in Zusammenhang gebracht. So findet sich in der 4. Revision der DSM-Klassifikation zunächst die eigenständige diagnostische Kategorie der sog. „Störungen der Impulskontrolle nicht andernorts klassifiziert", die im einzelnen die intermittierende explosible Störung, die Kleptomanie, die Pyromanie, das pathologische Spielen und die Trichotillomanie umfaßt und zeitlich begrenzte, umschriebene Verhaltensstörungen beschreibt. Von Bedeutung ist die Impulsivität auch bei den Eßstörungen, insbesondere der Bulimia nervosa, bei stoffgebundenen Suchterkrankungen, bei verschiedenen Formen selbstschädigenden Verhaltens und auch bei der Aufmerksamkeits-und Hyperaktivitätsstörung des Kindesalters. Impulshandlungen können schließlich im Verlauf nahezu aller psychiatrischen Erkrankungen vorkommen, u. a. bei verschiedenen Formen geistiger Retardierung und bei schizophrenen sowie affektiven Psychosen. Auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen ist Impulsivität schließlich als ein überdauerndes, zentrales Persönlichkeitsmerkmal bei den antisozialen und insbesondere Borderline-Persönlichkeiten von Bedeutung und war sogar namensgebend für die ICD-10-Kategorie der impulsiven Persönlichkeitsstörung.

 

Diagnostische Merkmale der „Störungen der Impulskontrolle nicht andernorts klassifiziert" nach DSM-IV

• Versagen, einem Impuls, einem Trieb oder einer Versuchung zu widerstehen, eine Handlung auszuführen, die schädlich für die Person selbst oder für andere ist
• Ansteigendes Gefühl von Spannung oder Erregung vor Durchführung der Handlung
• Erleben von Vergnügen, Befriedigung oder Entspannung während der Durchführung
• Nach der Handlung können Reue, Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle auftreten oder nicht

Eine Störung der Impulskontrolle manifestiert sich bei Persönlichkeitsstörungen als überdauerndes Muster an selbst- und fremdschädigenden Verhaltensproblemen. Gewöhnlich liegen habituierte Verhaltensmuster bereit, auf die in spannungsreichen situativen Konstellationen schnell, mehr oder weniger unreflektiert zurückgegriffen wird. Dabei kann der impulsive Verhaltensstil recht unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen und sich zum einen in selbstschädigenden Impulshandlungen (u. a. suizidale Handlungen, Selbstverletzungen, bulimische Ess-/Brechattacken, episodische Alkohol- und Drogenexzesse), zum anderen in fremdschädigenden Handlungen und Delikten manifestieren. Ein gängiges lerntheoretisches Modell der Entwicklung von abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle beruht auf der Annahme, dass die selbst- oder fremdschädigenden Impulshandlungen einen maladaptiven Bewältigungsversuch von negativen emotionalen Verfassungen darstellen. Dieses Erklärungsmodell lässt sich bevorzugt bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) anwenden, bei der subjektiv unerträglich erlebte Affekterregungen beispielsweise durch Selbstverletzungen oder Glücksspiel vermieden werden. Plötzliche Wechsel des Erregungs- bzw. Arousalniveaus könnten zu den für BPS-Patienten so typischen abrupten Wechseln zwischen heftiger Gemütsbewegung und quälenden Leeregefühlen sowie auf der Verhaltensebene zwischen Reizvermeidung bis hin zur Dissoziation und ausschweifender Erlebnissuche beitragen. Impulshandlungen dienen dann nicht nur der Kompensation von Leere, sondern auch der Vermeidung von unerträglichen Affekterlebnissen: Stressoren werden nicht bewältigt, sondern eine Impulshandlung soll zur prompten Entlastung von Affekterregungen führen. Bei der antisozialen bzw. psychopathischen Persönlichkeitsstörung mit ihrer habituellen Neigung zu Delikten und Devianz entstehen Impulshandlungen meist auf dem Boden von Kränkungen oder Frustrationen, aus einer gereizten Gestimmtheit heraus. Bei diesen oft auch haltlosen, von keinen weiterreichenden Zielen oder Perspektiven gelenkten Individuen werden den aufsteigenden Handlungsantrieben nur wenig Widerstand bzw. wenige Kontrollversuche entgegengesetzt, so dass sich die Impulse weitgehend ungehemmt nach außen, gegen andere entladen. Hemmungen entstehen gewöhnlich entweder aus der Angst vor Bestrafung oder aus mitmenschlichen Regungen, also aus Empathie heraus, Gefühlsqualitäten, über die Psychopathen per definitionem wenig oder gar nicht verfügen. Sie zeigen Hinweise auf eine abnorme Verarbeitung negativer Reize. Eine mangelnde Reaktion auf bedrohliche Reize hat ein defizitäres Vermeidungsverhalten zur Folge. Im Weiteren mögen die ebenso beeinträchtigten Reaktionen auf positive Reize mit der bei Psychopathen zu beobachtenden mangelnden Fähigkeit zur Empathie und zwischenmenschlichen Anteilnahme zusammenhängen. Psychopathische Persönlichkeiten verfügen nur eingeschränkt über solche emotionalen Empfindungen, die üblicherweise das Ausagieren aggressiver Impulse hemmen. Bei situativen Konstellationen der Kränkung und Zurückweisung und einer konsekutiv gereizten Stimmung besteht demnach die Gefahr, dass aggressive Impulshandlungen weitgehend ungebremst ausgeführt bzw. ungehemmt gegen andere gerichtet werden. Siehe auch unter Spielsucht, Brandstiftung, Kleptomanie, Trichotillomanie

Zugehörige Begriffe für die Wortfelder Impulsivität und Impulskontrolle

Impulsiver Antrieb Impulskontrolle
   
Impuls Kontrolle
Drang Hemmung
Antrieb Steuerung
Aktivierung Regulierung
Trieb Beherrschung
Arousal Willensstärke
Aktualisierungsdruck Charakterstärke
Energieentladung Gewissenhaftigkeit
Mobilisierung Desaktualisierung
Stimulierung Distanzierung
Erregung Bewältigung, Zurückhalten
 

 

Quellen / Literatur:

Sabine Herpertz und H. Saß Impulsivität und Impulskontrolle Nervenarzt (1997) 68: 171–183

 

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