Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Inkontinenz

Die Unfähigkeit den Abgang von Stuhl oder Urin zu kontrollieren ist auch bei Erwachsenen häufiger als die meisten Menschen vermuten. In der Regel wird davon ausgegangen, dass es sich um ein Problem der Kinder und Alten handelt. Zahlen belegen allerdings, dass auch jüngere Erwachsene häufig eine Problem mit der Kontrolle der Ausscheidung haben. Das Nichtwissen über die Verbreitung trät dazu bei, dass Betroffene oft lange glauben, dass sie die einzigen Betroffenen in ihrer Umgebung sind und sich zurückziehen. Inkontinenz sollte immer medizinisch abgeklärt werden, sie kann das erste Symptom auch einer schweren Krankheit sein und kommt bei sehr vielen Krankheiten vor. Beispiele sind MS; nach Schlaganfällen und vielen verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen, bei sehr schweren Bandscheibenvorfällen, Prostataerkrankungen, gynäkologischen Erkrankungen, Blaseninfekten, Den Urin halten zu können unterliegt der willentlichen Kontrolle und wird von einem Blasenzentrum in der Pons (Hirnstamm) gesteuert. Bis zur normalen Blasenkapazität von meist 500–600 ml passt sich die Blase durch die spezielle Funktion des M. detrusor und neurologische Modulation bei den meisten Menschen an das zunehmende Volumen an, ohne dass der Blasendruck steigt. Beim Säugling führt die Füllung der Blase noch zu einer spontanen Kontraktion des M. detrusor, was zur Blasenentleerung führt. Durch das Blasentraining in der Kindheit empfinden wir einen Harndrang ab 200–300 ml Füllung in der Blase und entscheiden uns dann ob und wo wir die Blase entleeren wollen oder werden. Psychopharmaka können ebenfalls zu einer Inkontinenz beitragen.  Ausschlaggebend ist hier einerseits die Sedierung (die müde machende Wirkung) oder besonders bei Männern die Harnretention durch die anticholinerge Wirkung bei Prostathypertrophie. Auch Morphine in der Schmerzbehandlung fördern nicht nur die Verstopfung sondern auch die Harnretention mit einer Überlaufblase. Diuretika fördern bei Männern wie Frauen den Harndrang und die Urinmenge und tragen so zur Urininkontinenz bei. ( Can Fam Physician. 2002;48:96-101) Moderne Alzheimermedikamente können Durchfall auslösen und dadurch die Stuhlinkontinenz fördern.

Wenn wir die Kontrolle darüber nicht vollständig haben, spricht man von Inkontinenz. Von einer Urin- Stressinkontinenz spricht man bei unwillkürlichem Urinabgang bei körperlicher Anstrengung, Husten, Schnäuzen oder ähnlichem durch Anstieg des Drucks im Bauchraum. Von einer Dranginkontinenz spricht man, bei starkem Harndrang und übermäßig starker Kontraktion des M. detrusor. Daneben gibt es andere Ursachen wie eine Blasensenkung bei Frauen, einen hypermobilen Blasenhals, eine Schwäche des intrinischen Sphinkters.

Harn- wie Stuhlinkontinenz ist wesentlich häufiger als gemeinhin angenommen. Die Prävalenz der Inkontinenz mit dem Alter stetig zu und ist bei Frauen höher als bei Männern, was vor allem durch eine höhere Prävalenz der Stressinkontinenz erklärt wird. Darüber hinaus zeigen viele ältere Patienten zwar keine Harninkontinenz, weisen aber bereits andere irritative oder obstruktive Blasensymptome auf. Etwa 40 Prozent der Patienten in der allgemeinmedizinischen Praxis erwähnen vorhandene Symptome. Harninkontinenz macht befangen, sie bindet den Menschen an sein Heim und verhindert soziale Kontakte. Die Prävalenz der Urininkontinenz wird bei Frauen zwischen 10–40% angeben; im Alter noch häufiger. Wenn man nur leichte Inkontinenz mit schwere täglich vorhandener Symptomatik vergleicht, ist die Prävalenz 29% (11–72%) versus 7% (3–17%), ungefähr bei einem Viertel der Betroffenen wird die Inkontinenz als schwer angesehen. Mehr als 50% aller Heimbewohner sind inkontinent. Die Prävalenz ist bei Frauen im Alter deutlich höher als bei Männern, die Prävalenzangaben in der Literatur schwanken sehr, je nachdem wie Inkontinenz in der Studie definiert wird. Leichte Inkontinenz ist wesentlich häufiger als schwere Inkontinenz.

Subjektiv kann es zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität kommen, mit Scham, Konfrontation mit Vorurteilen, manchmal sozialem Rückzug und erheblichen individuellen Kosten. Betroffenen planen oft ihre sozialen Aktivitäten nach der Nähe einer Toilette, trinken zu wenig, und verschlimmern nicht selten durch schlechtes Handling und Ängste das Problem. Inkontinenzprobleme sollten immer mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Bereits vor einigen Jahren kam eine englische Studie zu dem Ergebnis, dass Harninkontinenz bei älteren Menschen die Lebenserwartung reduziert. Den direkten Nachweis erhöhter Sterblichkeit infolge von Harninkontinenz erbrachte eine große japanische Studie. In den USA alleine geht man von 16,3 Milliarden US$, Kosten aus, die überwiegend die 3/4 betroffenen Frauen aufbringen müssen.

Je nach Ursache kommen Beckenbodentraining, medikamentöse Behandlungen, spezielles Blasentraining oder operative Behandlungen bzw. Blasenkatheder in Betracht. Auch die Versorgung mit speziellen Hilfsmitteln sollte nach einer entsprechenden Beratung erfolgen.  Nach einer Metaanalyse bietet dabei Beckenbodentraining durchaus gute Aussicht auch auf Heilung bei Urininkontinenz bei Frauen,  Anticholinergika wie Oxybutynin oder Tolterodin gelten ebenfalls als effektiv. Duloxetin führt zu Besserungen ist aber nach einer Metaanalyse weniger effektiv als Anticholinergika kommt aber als Alternative in Betracht, wenn Anticholinergika nicht vertragen werden und gleichzeitig eine Depression vorliegt. Für eine Elektrostimulation, diverse andere apparative Behandlungen und lokales Östrogen sah die aktuelle Metaanalyse keine eindeutigen Wirkungsnachweise. (Ann Int Med 18.3.2008 148/6)


 

Quellen / Literatur:

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