Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie
 

Komorbidität

Bezeichnung für psychische Störungen, die neben einer anderen, primären psychischen Störung vorhanden sind. Mehrere Diagnosen treffen auf ein und dieselbe Person zu (z.B. soziale Phobie und Depression, Schizophrenie und Alkoholabhängigkeit) Meistens gibt es eine Störung, die zeitlich vor anderen Auffälligkeiten existiert. Treten jetzt andere Störungen zeitlich oder inhaltlich nach- bzw. untergeordnet auf, so werden diese Störungen als komorbide Störungen bezeichnet. Zum Beispiel kann jemand unter Depressionen leiden und fängt in der Folge an, vermehrt Alkohol oder andere Drogen zu missbrauchen. Dieser Missbrauch wäre in diesem Fall eine komorbide Störung zu der Depression. Es kann aber auch eine gemeinsame genetische Veranlagung für mehrere psychische Störungen vorliegen. Mehrfachdiagnosen sind in der Psychiatrie zunehmend häufiger. Zum großen Teil dürfte dies an der zunehmenden Nutzung moderner Klassifikationsschmemata liegen. Ältere Klassifikationsschemata favorisierten die Tendenz Symptome weniger schwerer psychischer Störungen unter die Diagnose der schwereren Störung unterzuordnen. Nach dem früher gültigen Schichtenmodell galten Neurose und Psychose als fundamentale Gegensätze, Psychosen galten als ausschließlich körperlich begründet, Neurosen als psychogen. „Neurotische“ Symptome wurden entsprechend bei Komorbidität der psychotischen Erkrankung mit zugeordnet. Inzwischen ist durch eine Vielzahl von Untersuchungen gesichert, dass es sich bei dieser Unterscheidung zwischen „neurotisch“ und „psychotisch“ hinsichtlich der Ursache um ein Artefakt handelt. Neuere Klassifikationsschemata verwenden eine Achsendiagnostik, die sich auf nachvollziehbarere beobachtbare Kriterien stützt. Enstprechend häufiger sind Patienten mit psychiatrischen Mehrfachdiagnosen. Mehrfachdiagnosen werden auch dadurch wahrscheinlicher, dass sich die Symptome häufig überlappen. Auch Erblichkeitsuntersuchungen und Bevölkerungsquerschnittsuntersuchungen stützen diese neueren Herangehensweise.

Beispiele: Etwa 3% der Bevölkerung oder 15% der Menschen, die bereits an einer psychischen Störung leiden entwickeln innerhalb eines Jahres neben einer vorhandenen psychischen Störung eine 2. komorbide Störung. Komorbidität erschwert die Behandlung und vergrößert das Risiko, dass die vorhandene psychische Störung chronisch wird. 57% der Patienten mit Angststörungen und 81% der Patienten mit affektiven Störungen haben eine komorbide weitere psychische Störung. Am häufigsten treten Angststörungen und Depressionen gemeinsam auf, dies gilt besonders für die Zwangsstörung, generalisierte Angststörung und die soziale Phobie bei den Angststörungen. (J Abnorm Psychol. 2001 Nov;110(4):585-99,  Am J Geriatr Psychiatry 16:201-208, March 2008. Somatisierungsstörungen sind bei Depressionen 4x häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. ( Psychosomatics 49:152-162, April 2008). Drogenabhängigkeit und ADHS kommen nicht nur gehäuft gemeinsam vor im Sinne einer Komorbidität, auch haben Verwandte ein erhöhtes Risiko an einer der beiden Störungen zu erkranken.  Am J Psychiatry 2008; 165:107-115

Beispiel: Substanzmissbrauch/-abhängigkeit kommt gehäuft während der Lebenszeit bei anderen psychischen Störungen vor. Was Ursache und was Wirkung ist, ist im Einzelfall schwierig auseinander zu halten.

  • Allgemeinbevölkerung 16,7 %
  • Patienten mit Dysthymie 31,4%
  • Patienten mit Major Depression 27,2%
  • Patienten mit Bipolar 1-Störung 60,7 %
  • Patienten mit Bipolar II-Störung 48,1%
  • Patienten mit Angststörungen 23,7%
  • Patienten mit Panikstörung 35,8%
  • Patienten mit Zwangsstörung 32,8%
  • Patienten mit Schizophrenie 47,0%
  • Patienten mit , antisozialer Persönlichkeitsstörung 83,6%
  • Posttraumatische Belastungsstörung 20-60%

(n=20.291), National Comorbidity Survey (NCS) and National Comorbidity Survey Replication (NCS-R)
 

 

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